Berlin, den 10. Januar 1834.
Theure, liebe Gräfin! Mit der größten Unruhe erfüllt uns die Nachricht von Immermann's Krankheit, und nachdem wir uns die Nachrichten durch Zufall über ihn als zu ungenügend für unser Gefühl erklärt, wage ich Sie um Vermittlung zu bitten – nicht daß Sie mir selbst schreiben sollten, im Fall er noch bedeutend krank wäre, aber Sie beauftragten einen Andern zu einigen klaren Worten über seinen Zustand!
Sie entschuldigen gewiß diese Bitte mit dem natürlichen, unerläßlichen Interesse, das dies vaterländische Besitzthum, auf das wir alle stolz und angewiesen sind, uns Beiden giebt, und wollen gar nicht – und sollen auch nichts weiter von mir hören – als wie ich Ihnen treu bin und bleibe –
Henriette P. g. Wach.
4.
Berlin, den 14. April 1834.
Ehe ich Ihnen anfing zu schreiben, habe ich mich erst recht in den Gedanken vertieft, daß ich das nun überhaupt jetzt darf, und wie hübsch es von uns beiden ist, dies endlich als eine kleine anmuthige Zugabe unseres Lebens erkannt zu haben – Freund Immermann, welcher sich zuerst liebenswürdig entwickelnd diesem meinem schüchternen Wunsch zur Seite stellte, soll auch immer dafür mit freundschaftlicher Liebe anerkannt und besonders gemeint und gegrüßt sein in jedem Blättchen, das hinüber fliegt! Und so merke ich fast, daß ich die subtilste Spitze eines Briefanfanges niedergeschrieben, und könnte mich nun fortwährend nach allen Regeln betragen, wohnte mir das geringste Geschick dazu bei, und risse mich nicht Andenken und Antheil für den, dem ich schreibe, über so schöne, dezente Gränzen stets hinweg. Aber Sie haben mich ja nie anders gemocht als ich sein konnte, und mich oft erkannt, da wo der spanische Kragen meiner früheren Verhältnisse mein eigentliches Wesen bis zur Unkenntlichkeit einspannte – und was giebt es Süßeres, als dies Zeugniß einer schönen Seele für bange und unverständliche Zeugnisse in uns! – Ich begreife auch gar nicht, warum man sich bloß darum liebt, weil man sich alle Tage genau versteht, einmal muß man es freilich gekonnt haben, und dann für immer! und was das Leben drüber und dran wachsen läßt, begrüßen ohne Frage: woher kömmst du? Immer sicher daher, wo wir einmal die Heimath fanden. – Heimath! könnt' ich einmal aus den hellen Fenstern Ihres wohnlichen Zimmers in die grüne, zierliche Ordnung des kleinen Gartens niedersehn, durch dessen grüne Heckenwand ich Sie nach Jahren zuerst sah – wie Sie leicht dem Hause zuflogen, das uns bald Alle umschloß! – Es sollte mir heimathlich werden, sein Sie gewiß! Oder Sie steckten die kleinen Füße unter meinen Theetisch, und der grüne Thurm hätte keinen Eingang mehr, nachdem er Sie eingelassen! Nun, ich will warten auf Sie! Den ganzen grünen Sommer hindurch, vielleicht wenn Sie so sicher ein Plätzchen wissen, wo Ihnen frohes Willkommen entgegen kömmt, überlegen Sie es auf Ihrem grünen Epheukranz, worauf ich Sie immer ruhen weiß. Wir bleiben, wie Sie daraus sehn, in dem steinernen Berlin! Das ist nur die wahre Bezeichnung, keine Verunglimpfung oder Klage!
Ich liebe mich in verschiedenen Situationen zu finden, mit mir bekannt zu bleiben, und den Aufgaben ihren Inhalt abzufragen; ist man des einen Zustandes gewiß – reizt uns der andere mit seinem Widerspruch, der in uns seine Aussöhnung verlangt!
Die Sonne scheint, während ich schreibe, warm und verheißend auf meine Schultern – es ist gewiß, wir sollen das liebliche Wunder auf's Neue erleben, Blumen, Blüthen und Blätter zu sehn! – Den langen Winter wird man ganz träumerisch, ob solch Glück wiederkommen kann, und naht sich die Zeit, bewegt sie nicht allein die keimende Erde; in der ewig keimenden Brust findet sich auch ein neuer Eifer – etwas soll anders werden, zur Klarheit, zur Blüthe soll durchbrechen, was im Winterschlaf eingehüllt lag, wir fordern von uns, und die Gewährung ist schon halb erreicht – an Licht und Sonne hängt nicht blos das Blüthenleben mit seiner zarten Existenz, der Mensch selbst hofft in diesem freieren Spielraum etwas Größeres zu leisten, zu vollbringen. Fragen wir nicht nach dem Geleisteten, es muß nicht alles nach außen Existenz gewinnen, was darum doch als Errungenes, als Wahrheit aus solchen Epochen der Seele verbleibt! Während Berlin von dem ärgsten Paroxismus des Carnevals befallen war – hüllte mich ein kleines, glückseliges Fieberlein in die grünen Wände meines sichern Thurmes – auch besucht konnte man nicht viel werden, weil die Leute den göttlichen Einfall haben, ihre hohlen Gesichter dem Tageslicht zu déjeunés dansants zu produziren! So kamen nur die Freunde! Sage ich aber Freunde, so fällt mir Ihnen und Immermann gegenüber fast niemand ein, als die herrliche Familie, die ersterer gern hier wiederfand, ich meine Koppens. Liebe Freundin! es ließe sich in einem Urwald, oder auf einer wüsten Insel mit den Elementen, woraus diese Familie zusammengesetzt ist, lange haushalten als reicher Mann!
Gern rede ich mit Ihrem Vetter von Ihnen![5] Jetzt ist er General! es kleidet ihm gut! und ich freute mich, daß er nicht zugeknöpft die Achseln zuckte über eitle Ehre, sondern menschlich und natürlich eingestand – Ehre sei keine Schande! Ich soll Ihnen auch tausend Grüße sagen.