Mir gefiel nicht eins oder das andere, weil es just diese oder jene Gefühlswelt mächtig und schön entwickelt – alles erfüllte die tiefe Sehnsucht der menschlichen Brust nach etwas Vortrefflichem, Erreichten, gleichviel in welcher Richtung, und löste, sonderbar genug, von dem Gegenstand los, indem es uns über ihn stellte, just in dem Augenblick, wo wir seiner wahrhaften Entwickelung alles verdankten. Bis zu Thränen waren wir, als wir nun seines Vertheidigungsbriefes gedachten! Derselbe, der uns dies gegeben, mußte sich vertheidigen gegen die knappe, rauhe Form, die ihm auf's Neue über die Flügel gedrückt werden sollte, mit der Hoffnung, er ginge wohl hinein, wenn er nicht ersticke!

Wie fern, wie nah ein Resultat für sein ungemeines Streben sei, dies ist eine Frage, der wir mit allen warmen Grüßen der Freundschaft, dem Glücke vertrauend, entgegensehen! Das Bedürfniß ist da! wird immer mehr erstarken, je mehr der Gegensatz: das Sinken der Bühnen – bis zum Ekel hervortritt. – Beide sich gegenüberstehende hart sich abstoßende Stufen auf der in Immermann gedachten, zu verbinden, ist das natürlich sich als nothwendig ergebende Ziel für die Zukunft. – Ich freue mich um so mehr noch Zeitgenossin dieser Ideen zu werden, da ich mich schüchtern von jeder Hoffnung zurückgezogen hatte, und die Idee eines besseren Zustandes für mich behütete, vor der flachen Berührung mit bloß zeittödtender Zerstreuung sie allein noch vorhanden.

Ich träumte mit den Freunden von einer kleinen Normalbühne, die unter Immermann lebengewinnend die Aufmerksamkeit dahin richtet, und von wo aus sich der wahre Geist über Deutschland, oder für's Erste, dem Vaterlande, ausbreitete. Möge doch der treue Bruder, dessen verständig besorgten Brief man in der Antwort verfolgen kann, ihn nicht mehr beunruhigen, und mein lieber Herr, der König, sich geneigt fühlen zu allen äußeren Arrangements. –

Ihr schöner Brief reihte sich so wohlthuend heran! – Welch eine schöne Landschaft haben Sie gemalt mit Ihrer Beschreibung jenes ersten Abends an der See! Ich sah sie augenblicklich, und hätte nicht einer unserer kühnen Seemaler sein müssen, hätte Sie Ihnen auf Leinwand zurückgesandt.

Dieser Brief blieb acht Tage liegen – ich war indessen in Tegel bei Wilhelm von Humboldt. Es geht ihm wieder viel besser – und wir hoffen, er lebt uns noch eine Zeitlang. Sein Geist blüht zum Erstaunen schön und vollständig aus diesem kaum noch verständlichen Körper! Er hat noch immer diese bezaubernde Heiterkeit, diese Ironie, die den Dingen ihren falschen Schein abstreift, aber wie würde Sie der tiefe, gefühlvolle Ernst überraschen, womit er in sich und andern das Gefühlsleben schätzt, liebt, möchte ich sagen, und entwickelt. – Meine Seele sitzt ihm, wie das Kind dem Vater, zu Füßen, ich bin wie eine junge Verliebte über seine Stuhllehne gebeugt, und werde so sorglos geschwätzig, als wäre ich schon mit ihm aus der Welt! Aber ich kann es Ihnen auch nicht verschweigen – er liebt mich vollständig wieder, und die Kinder bedauern nichts so sehr, als daß ich ihn nicht mehr heirathen kann. Mais, que faire? – seine liebe Hand zittert! Er könnte mir nicht mehr den Ring anstecken!

Ihr Andenken erfreute ihn sehr – er empfiehlt sich Ihnen herzlich, und sprach recht schön, recht bewundernd von Ihnen!

Eben so herzlich empfiehlt sich Ihr Vetter General; ich habe ihm versprochen Immermann's Brief vorzulesen. Dem Minister habe ich davon erzählt – er bewundert Immermann! – ich theilte ihm schon früher den »Merlin« mit – und er hat allerdings auch das Gefühl, daß der Moment vielleicht gekommen ist, eine neue Bühnenwelt heraufzuführen!

Sommergedanken habe ich noch nicht! Erst bau' ich mich im Winter emsig an! Ach! wenn ich nicht fröre – hätt' ich ihn sehr lieb.

Die Kunstausstellung ist wegen Anwesenheit des Kaisers noch offen. Seit gestern hängt dort das letzte Bild meines Bruders, der sehr fleißig gewesen ist. Er küßt Ihre schöne Hand, und bittet Sie, ihn gern unter Ihren Verehrern zu sehn. In der herzlichsten Freundschaft grüßen wir beide unsern lieben Freund Immermann, und stets bleibe ich Ihnen, holde Frau, getreu.

Henriette P. g. Wach.