Besorgt tragen sich Immermann's hiesige warme Verehrer mit dem Gerücht, daß er seine sichere bürgerliche Stelle aufgebend, sich ganz der Bildung des dortigen Theaters widmen werde. – Jeder fühlt dadurch die Aussicht ihn für einen größeren Wirkungskreis in der Hauptstadt zu gewinnen, bedroht, und um so weniger geneigt diesem Opfer ergeben zu sein, wenn ihm selbst an dem Ort, wo er so große Kräfte verbrauchen will, nicht ein volles geistiges Zuströmen an Menschen und Verhältnissen sicher ist. Es macht mir den Eindruck, als läse ich ein Nachspiel von Torquato Tasso, wenn Sie, holde Eleonora Este, mir von der Krönung des Dichters schreiben! Leider zugleich den, auch des fern Liegenden, einer andern Zeit, einer andern Luft Angehörenden!

Unsere Bühne hat mich von jeder Hoffnung einer dort zu gewinnenden Erhebung rein verschüchtert – ich habe es verlernt dort auf Genuß zu hoffen – aber ich hoffe nicht zugleich die Empfänglichkeit dafür – ja, ich ziehe dies Zürnen, möchte ich sagen, dem Nachgeben vor, mit dem Schlechten vorlieb zu nehmen, wodurch die schädliche Gewöhnung endlich uns von dem Standpunkt zieht, auf den uns freiwillige Entsagung eingehegt läßt, wenigstens für eine höhere Idee unentweiht! – Ich darf mir also wohl eingestehn, daß ich für die unschätzbaren Anziehungskräfte des Rheines oder Derendorfs empfänglich zu werden oder zu bleiben suche, und Ihre lieben Worte um Fortunats Säckel oder Hut trafen ein begehrliches Herz! Aber froh empfinde ich um so mehr wie wir jetzt nicht mehr so ohne alle Beziehung als früher stehn, und freue mich wie Immermann desgleichen unserem geistreichen Freund hier sich anschließt, und wir uns hineinschlingen, daß es ein rechtes Ganzes zu werden denkt!

Wilhelm ist im rechten Sommerdienst begriffen. Schöne und häßliche Frauen begehrten aber seines Pinsels, der Nachwelt sich zu überliefern – dazwischen spielt eine Nymphe mit Blumen, und Amor giebt ihr einen Kuß! – Wenn Sie denken, ich freute mich zur Ausstellung, so irren Sie sich, und halten mich größer als ich bin – ich blute noch aus all den Wunden, die mir einfielen, als man die letzte benutzte, meinen Bruder zu mißhandeln – mein Leben ist wie das Blatt, das sich auf der Welle gerettet hat, es tanzt oben, wenn sie steigt, und ist verschwunden, wenn die nächste sie verschlingt. Sie möchten mich besser – ich weiß es. Es thut Ihnen leid, daß ich so kleinlich diese Zeilen schließe. Beklagen Sie mich, vielleicht wird es mit der Zeit besser, jetzt habe ich nur einen Dämmerschein von dem, was ich unter solchen Leiden sein könnte, aber es ist außer mir, ich bin isolirt in subjectiver Verdorbenheit!

Dem liebenswürdigen Freund, dem herrlichen Dichter die schönsten Grüße, erstlich von mir, dann von meinem Bruder, wenn er erst Ihnen hat in hochachtender Ergebenheit die Hand küssen dürfen.

Ihre Henriette.

6.

Berlin, den 10. November 1834.

Es möchte sogar fein, bescheiden und sehr schicklich erscheinen, wenn ich noch drei bis vier Wochen wartete, ehe ich Ihren inhaltreichen Brief, theure Freundin, beantwortete, und wenn ich statt dem nichts thue, als den ersten ruhigen Augenblick erwarte, um das Gegentheil zu vollführen, muß ich mich Ihnen auf Discretion ergeben! Das thue ich denn mit dem frohsten Muth! und außerdem drücke ich Sie an mein Herz, und sage Ihnen und Immermann den tiefgefühltesten Dank just für dies lang ersehnte Lebenszeichen – das uns so viel mehr sagt als daß Sie athmen und die Sonne auch über Ihnen scheint. Der Eindruck dieser Mittheilungen war erschütternd für uns Alle! – Wir hatten uns im Thiergarten bei den Freunden still zusammengerückt, und wie es die Ankündigung in Ihrem Briefe vorbereitete, mit Ernst und Bewegung fast, die Blätter des Freundes zur Hand genommen, die er uns gönnte, von seinem Innern zu hören!

So sind wir, nicht unwürdig seines Vertrauens, ihm Zeile vor Zeile gefolgt! ich denke, es wird uns Allen ein unvergeßlicher Abend bleiben – aber meine ganze Seele ruft ihm zu, nicht was in der Welt daraus wird, darf er mehr fragen, dürfen die Freunde fragen, wie es in ihm so ward, zur unabweislichen Nothwendigkeit, das ist die Hauptsache, von der aus es keinen Rückblick giebt– nie werde ich von der Welt so gering denken zu glauben, daß eine so mächtige, individuelle Wahrheit als hier ausgesprochen liegt, nicht schon hinübergreift in eine objective Wahrheit, die ihrer Entwicklung sich entgegen drängt; weiß er in sich von der Morgenröthe einer neuen Kunstepoche, so muß sie anbrechen. Der Gedanke, wie er sich durchringt aus der Seele des Menschen – der Gedanke ist schon der Anfang der Erfüllung, ja die Nothwendigkeit seiner wahren Existenz! Sagt es nicht Schiller? Dem Gedanken des Columbus mußte sich die neue Insel aus dem Meere entgegen heben! – er konnte nicht vergeblich nach ihr suchen! So haben sich die Freunde nur still um den muthigen Segler zu schaaren, und immer nur: Glück auf! zu rufen. – Glücklich aber muß er sein, denn jeder muß es sein, der seinem innern Leitstern folgt, und an eine Idee, die sein Inneres ganz durchdringt, das Leben setzt!

Wie rührte uns um so tiefer der Verlauf des Abends, an dem uns Koppe mit der vollen Begeisterung seines ihn verstehenden Herzens einige aus den Juwelen seiner einzelnen kleinen Gedichte auslas. Wie erfüllte sich an uns Allen, was er so schön ausspricht als vorgesetztes Ziel »etwas zu leisten, was den Zustand der Menschen und der Welt erhöht.« Wir fühlten uns Alle erhöht! – Ich fühlte den Zustand, den ich am höchsten und liebsten in mir halte, den einer ganz allgemeinen Begeisterung – in der nichts einzelnes hervortritt, aber alles einzelne inbegriffen ist, aber eben als einzelnes zu gering die weit und groß gewordene Seele zu beherrschen, die in dem Resümé von allen nur die Existenz findet. Es ist zugleich der leidenschaftsloseste und durchfühlteste Zustand der Seele!