Von dem ersten Bogen an, den ich faltete, bis zu der letzten Seite, die das Ganze beschloß, war ich wunderbar von dem Gegenstand beherrscht! Es hatte sich aus mir heraus eine Forderung gestellt, die mich zum dienenden Werkzeug machte. Der Stoff lag gesammelt in mir – er belastete mich, kann ich sagen – aber in welcher Form er sich entladen könnte, blieb zweifelhaft und hielt ihn länger zurück, als er geneigt war. Der Roman kann alle Zustände des Lebens umfassen, am leichtesten legt sich in ihm nieder, was sich als Erfahrung und Beobachtung in uns vorfindet. In die bequeme Form floß nun schnell und ohne Säumen das Innen Gesammelte! Ich – liebe Freundin – habe schöne Stunden damit verlebt! Der erste Theil war fertig – mir nur sollte das Ganze gehören – da verrieth ein Zufall dies Unternehmen meinem Bruder – sein Beifall war eine schöne Befriedigung! Wieder blieb es lange unser Geheimniß; – er verrieth mich einem gelehrten Freund! Es wußten es jetzt drei – man sagt, dies sei für ein Geheimniß zu viel! – Von da an ward ich gebeten, es drucken zu lassen. Wie sicher war ich – das könne und dürfe nie geschehen! Zwei Jahre lag es fertig, abgeschrieben, wie rein oft vergessen! Man verstärkte endlich die Bitten, es drucken zu lassen, durch die Täuschung, es könne dennoch Geheimniß bleiben – ich war zu unerfahren – ich glaubte daran. – Mein Verleger hat die Wahrheit gesagt, er erfuhr meinen Namen erst, als ich die ersten gedruckten Exemplare erhielt. Es blieb lange geheim – und die große Zahl der Autoren, die genannt ward, ließen mich hoffen, ich bliebe unerkannt! Wer es verrathen, noch weiß ich es nicht! – Ich erfuhr aber, was ich immer gewußt, daß eine Frau nicht bestimmt ist, der Oeffentlichteit anzugehören – ich war wund, wund bis in mein tiefstes Leben hinein! Als mein Bruder nach Berlin voranging, entschlossen wir uns, es einzugestehen, ich hoffte damit die Sache bis zu meiner Rückkehr durchgesprochen und abgethan. Wie oft ich an Sie, an Immermann in dieser Zeit dachte, darf ich ja wohl gestehen – daß ich es dennoch Ihnen beiden nicht eingestand, es Ihnen nicht geben konnte, verstehen Sie es wohl? Es gereicht mir nicht und Ihnen nicht zum Vorwurf! Was Sie nun in wenigen Worten liebevoll anerkennend darüber sagen, thut mir sehr wohl! es rührt mich, wenn ich denke, daß Sie lasen, was ich dachte und fühlte – man hat selbst immer nur ein kleines Publikum, das große täuscht sich, wenn es sich dazu rechnet – Sie werden immer zu meinen Autoritäten gehören, und wenn ich Ihrer edlen Seele darin nichts zu leide gethan habe, ist mir viel gelungen!

Sein Schicksal in der Welt ist wunderlich gewesen, und ich sehe ihm nach und möchte fragen: wie kam das? Nachdem ich aber beruhigt bin, genannt zu sein und Zeit und Gewohnheit ihr altes Recht an mir geübt, bin ich so still und gelassen mit ihm, daß ich wohl fühle, es konnte selbst dies abweichende Ereigniß mich nicht mehr meiner Stille berauben, und die Sache ist dadurch, daß sie aus mir herausgetreten ist, zugleich von mir abgelöst, sie hat ihr eigenes Schicksal, und ich sehe wie einem fremden bloß zu!

Wenn es unter uns zur Sprache kam, war ich Ihnen eine Art Uebersicht schuldig! Haben Sie sie jetzt? Und wollen Sie das Gesagte auch für Immermann sein lassen, dessen edler Natur ein theilnehmendes Verständniß meines Verhältnisses dazu nicht fremd bleiben durfte, denn ich denke gern, daß er mein Freund ist und vielleicht nicht ohne Besorgniß mich auf diesem Weg wiederfand. Sagen Sie ihm noch außerdem, er soll gar nicht denken, daß ich mir dicke Sohlen untergebunden habe, und mich als Schriftstellerin salutire! Für nichts auf der Welt habe ich so große Furcht, wie für diesen Namen! – Nichts, denke ich, hat unsere Literatur so krank an schlechten Produkten gemacht, – als die Selbsterhebung zu dem seltensten Beruf der Erde! – Ich bin allerdings eine Frau geworden, die ein Buch geschrieben hat, aber damit noch bei weitem keine Schriftstellerin, ja, ich bin gewiß, der Stoff ist jetzt in mir verbraucht, und ich bin zur Ruhe damit gesetzt!

Nun leben Sie wohl, theure Liebe! Ich bleibe Ihnen treu bis an's Ende meines Lebens!

Henriette P. g. Wach.

9.

Köln, den 4. November 1837.

Meine theure, liebe Gräfin!

Mit wie wehmüthigem Herzen werde ich diese Zeilen niederschreiben, da sie Ihnen sagen sollen, daß ich Sie nicht wiedersehen werde. Eine neue Kette von Leiden hat dies traurige Resultat ergeben, und nur die Gewöhnung langer Geduld und Ergebung in die widerstrebendsten Anforderungen läßt mich dieses schmerzliche Opfer bringen.

Ende September ward ich krank, und das an einer Brustentzündung bis zum Tode – als die dringendste Gefahr vorüber war, stellte sich ein Husten mit gefährlichen Symptomen heraus, der die Ankunft meines Bruders beschleunigte, seit er hier ist (s. d. 24. Okt.) haben die schmerzhaftesten allopathischen Mittel wenigstens einen Stillstand des Uebels hervorgebracht, und wir haben unsere Abreise auf den 6. November festgesetzt.