Fassen diese, wie es ihnen zukommt und wie zu erwarten, die Sache der Civilisation mit Eifer auf, durchdringen sie sich von der Nothwendigkeit einer ununterbrochenen Attake auf das Plattdeutsche, stehen sie, wie es ihre Gewohnheit ist, beharrlich auf ihrem Stuͤck, so will ich sehen, welche wundergleiche Veraͤnderung dieses schon im Ablauf von zehn Jahren in einem Verhaͤltniß von Hoch zu Platt hervorbringen wird.
Ihre Hauptaufgabe waͤre, dahin zu streben, das Hochdeutsche vertraulicher und herzlicher zu machen — ein Weg, der nur durch die Fertigkeit und Unbekuͤmmertheit der Zunge hindurchgeht. Ihre Arbeit ist in der Schule, in den Familien, vor der Kommuͤne. Was die Schule betrift, so wuͤrde ich den Rath geben, in den ersten Schuljahren die Kinder weder zum Schreiben noch zum Lesen anzuhalten, nur zum Sprechen. Das Warum leuchtet ein. Auch die Aelteren muͤßten haͤufiger mit Sprech- und Denkuͤbungen beschaͤftigt werden — welche Gelegenheit zugleich auf den Verstand und durch diesen gegen die plattdeutsche Sprache zu wirken, in welcher dem Knaben von Haus aus alle fruͤhere Vorurtheile und Dummheiten eingepropft sind. Besondere Ruͤcksicht verdienen die Maͤdchen. Ihre Gemuͤther sind weicher, empfaͤnglicher, ihr Organ, gewoͤhnlich auch ihr Verstand leichter zu bilden und — sie sollen einmal Muͤtter, Hausfrauen, das heißt auf dem Lande, fuͤr das juͤngste Geschlecht im Hause alles in allem werden. Auch im aͤlterlichen Hause bleibt viel zu wirken, besonders auf Hausfrauen und aͤltere Toͤchter; der heiterste, zwangloseste Gesellschafter ist hier der beste, er bringt bald ein unterhaltendes Buch (kurze und erbauliche Geschichten, keine langweilige faselnde), bald einen interessanten Gegenstand zur Erzaͤhlung mit, eine Anekdote aus der Zeitgeschichte, oder meinentwegen einen Fall aus der Nachbarschaft, dem Dorfe mit, der, wie er versichert, sich im Plattdeutschen nicht ausnimmt. Fuͤr die ganze Komuͤne ist er wirksam durch Einfuͤhrung periodischer Blaͤtter, Zeitungen, auf gemeinschaftliche Kosten zu halten und regelmaͤßig in Versammlung der Maͤnner vorzulesen, allenfalls durch aͤltere, der Konfirmation entgegengehende Knaben, als beneidete und ehrenvolle Belohnung ihrer Fortschritt im Lesen und Sprechen des Hochdeutschen.
Ich deute nur an, aber ich komme mir vor, ich wuͤßte es auch auszufuͤhren als Schullehrer auf dem Lande, und Tausende besser als ich.
So viel ist gewiß, waͤre ich Schullehrer, so wuͤrde ich fuͤr's Erste nur ein Ziel kennen: mein Dorf zu verhochdeutschen.
Leeres Stroh wuͤrde ich glauben zu dreschen, so lange nicht die Garbe der hochdeutschen Sprache und Bildung mir auf dem freien Felde waͤchst.
Eine Buͤrgerkrone wuͤrde ich glauben verdient zu haben, wenn man mir im
Alter nachruͤhmte: er hat diesen Flecken, sein Dorf, das sonst so
dunkle, dumpfe, plattdeutsche Nest, mit der Kette der Civilisation in
Kontakt gesetzt durch Ausrottung der plattdeutschen und Einfuͤhrung der
Bildungssprache Deutschlands.
Fußnoten:
[1] Doch auch mit Ausnahme gewisser oͤrtlicher und provinzieller
Variationen, wie in Hamburg, Westphalen, Dithmarsen, wo selbst die
Gebildeten, von deren Aussprache hier eigentlich die Rede ist, sich der
Lokaltinten nicht enthalten.
[2] Die Hexenprozesse, die mit wenig zahlreichen Ausnahmen erst nach Der Reformation und Hauptsaͤchlich im protestantischen Norddeutschland gefuͤhrt wurden und denen ein Glaube an den Einfluß boͤser Geister zu Grunde lag, den Luther, in melancholischen Anfaͤllen selbst oft mit dem persoͤnlich ihm erscheinenden Teufel ringend, nur zu sehr genaͤhrt hatte, diese Hexenprozesse haben Deutschland im 17ten Jahrhundert vielleicht mehr Menschen gekostet, als Spanien die Inquisition.
[3] Reineke de Vos ist von hollaͤndischer und franzoͤsischer Abkunft, wenn auch die Maͤhrchen von Fuchs und andern Thieren urspruͤnglich in Deutschland sowol, als in Frankreich in Schwang gingen. Die plattdeutsche Uebersetzung scheint niemals Volksbuch gewesen zu sein, obgleich sie sehr gelungen ist; man koͤnnte sie den Schwanengesang dieser Sprache nennen.