Seltsame Menschen! Glaubt ihr nur darum an einen Gott des Erbarmens, damit ihr alle Milde und alles Mitleid ihm allein anheimgeben könnt? Hofft ihr nur darum auf ein Reich des Trostes und der Gnade, damit ihr jedes verlangende Sehnen und jede weinende Bitte dahin verweisen könnt? Warum vermögt ihr nicht milde zu sein einer gegen den andern und Herz zu fassen eines zu dem andern, warum nicht? Haß, so groß und gewaltig er sein mag, zeigt ihr offen, — Liebe, so klein und gering sie sein mag, verbergt ihr scheu! O, wie ihr euch doch wehe tun mögt, seltsame Menschen!
Als Magdalena tief aufatmend im Hofe stand, sah sie im Garten Reindorfer auf die Laube zuschreiten. Bevor sie ihn dort aufsuchen mochte, trat sie an die Stalltür. „Leopold,“ rief sie hinein, „ich geh’ vom Ort, ich such’ mir in der Stadt einen Dienst.“
Der Angeredete kam heraus zu ihr. „So, fort gehst du? Hast eigentlich recht. Wenn man es über das Herz bringt, so ist es ungleich besser, man schlägt sich derlei gleich ganz aus dem Sinn. Mein’ Seel’, ich möcht’ auch schon lieber auf und davon rennen, als daß ich es da ertrotzen oder erpassen soll! Nun, viel Glück. Behüt dich Gott!“
„Schön’ Dank. Behüt dich Gott, Leopold!“
Er bot ihr die Hand und trat dann in den Stall zurück.
Nachdenklich, den Kopf auf beide Arme gestützt, saß Reindorfer, er hatte vor sich ein Päckchen liegen, einen Brief und etliche Banknoten, aber er kannte das flatterhafte Zeug zu gut, es lag ein schwerer Stein darüber, damit der Wind nichts enttrage.
So fand ihn Magdalena.
Er erhob sich. „Bist schon fertig?“
„Ja, Vater.“
„Ist recht, ich auch.“ Er zog den Brief unter dem Steine hervor, besah ihn noch einmal auf beiden Seiten, prüfte Aufschrift und Siegel, dann reichte er ihn dem Mädchen. „Da ist der Brief, den ich dir an meinen Bruder geschrieben habe.“