Da Magdalena schweigend vor sich niederblickte und in gleicher Eile daherschritt, fuhr sie fort: „Du, das wär’ so eine Geschichte, dort sollen sie die Weibsleute verkaufen, bin doch neugierig, für wen sie mehr Geld lösen, für dich oder für mich?“

Und als auch jetzt die Freundin nichts sagte, sondern nur ihre Schritte mäßigte, da hielt Franzl schwer atmend inne: „Weißt, ich mag aber nicht in die Türkei und mit dir mag ich auch nicht weiter gehen,“ — damit warf sie sich weinend an Magdalenas Brust. — „Arme Lenerl du, kann dich nicht einmal mehr die dumme Franzl zum Lachen bringen? Gelt, dir ist wohl gar so viel hart? Es wird schon wieder anders werden, — gelt, es wird schon wieder anders werden?“

„Ich hoff’ ja.“

Die Franzl war mit ihrem Vortuche über die Augen gefahren, sie bedachte nicht, daß das die feine Schürze war, die zum Sonntagsstaate gehörte und die sie heute gar zur Kirchweih trug, erst als sie dieselbe zerknittert vom Gesichte wegzog und den Stoff prüfend etlichemal zwischen den Fingern befühlte, da machte sie eine Miene, als stünde sie einer fürchterlichen Gewißheit gegenüber, und da mußte Magdalena unwillkürlich lächeln.

„Und soll sie hin sein,“ schrie Franzl, lustig in den Boden strampfend, faßte sie die Schürze mit beiden Händen und zog eine breite Querfalte. „Weil ich nur weiß, daß du das Lachen nicht ganz und gar verlernt hast.“ Sie faßte Magdalena um die Mitte, legte den Kopf auf ihre Schulter und sah zu ihr auf. „Jetzt magst mir schon wieder gefallen. Ich hätt’ sonst heute keinen Schritt tanzen können, nun will ich aber dazuschauen, und jetzt behüt dich Gott, herztausendschöner Schatz, und laß bald von dir hören, was Gutes, weißt du! Noch eins, — auf den Tanzboden wird er wohl nicht kommen, aber wenn ich ihn zunächst sehe, soll ich ihn grüßen von dir?“

„Nein, Franzl, wo sich zwei wirklich aus dem Sinn müssen, da tut kein Erinnern gut, da wär’ besser, es könnt’ eines vergessen helfen. Und jetzt leb wohl, behalt deine Lustigkeit und deine Bravheit, ich frag’ dir schon nach. Behüt dich Gott!“ Damit betrat sie den schmalen Waldweg und schritt rasch dahin.

„Behüt dich Gott.“ Die Dirne sah der Davongehenden nach, bis sie die Zweige der Büsche deckten, auch der Bursche haftete noch an der Stelle, wo sie ihm entschwand.

Ich gönne es ihr, dachte er stille bei sich, daß sie sich so ruhig in das fügen kann, wogegen ich mich aufbäum’, weil es unsinnig ist! Sie hat recht. Vergessen wär’ wohl das Gescheiteste, sie wird es wohl zuwege bringen und ich kann ihr keinen Vorwurf daraus machen. Aber es ist halt doch leicht, auf und davon rennen und eines im Jammer am Ort zurücklassen, was tu’ ich jetzt; wie verbring’ ich meine Zeit? Jeder andere mag sich über so was ehrlich hinunterkränken, auch das soll da nicht erlaubt sein! Sie ist ja meine Schwester; wie stolz könnt’ ich sein, wär’ sie das, wie andere eine haben! Aber mir verkehrt sich das Rechtschaffenste in der Welt zur Ausnahm’, ich taug’ nicht mehr unter die Leute wie ein anderer Mensch, ihr ganzes Getu’ und Wesen hat einen gar andern Sinn für mich. Mitten quer durch fahr’ ich euch, was liegt auch daran und was bekümmert mich euer Schreien, weil doch alles Lug und Trug ist, nur daß es der eine weiß und der andere nicht. Ihr Herrgottsbande auf der Welt, ich will euch zeigen, daß ich mich auskenne! Unter ihren Augen wär’ mir zu weh gewesen und ich hätt’ es ihr nicht antun mögen, daß sie sich meiner schämen muß, sie aber schaut ja selber dazu, daß sie mir aus dem Gesichte kommt, was brauch’ ich noch weiter auf mich selbst zu halten?!

Unwillkürlich sagte er laut: „Sie ist weg und damit alles, was mich freuen kann!“

Die Franzl schrak nicht wenig zusammen, als plötzlich neben ihr jemand zu reden anhob, sie sah sich um und der Bursche stand mit finsterem Gesichte vor ihr.