Der Florian war aber ein wüster Bursche geworden. Man hütete Weiber und Mädchen vor ihm, man warnte die Söhne vor seiner Händelsucht und Rauflust, er war in der ganzen Gegend gefürchtet, und er war stolz darauf.
Einige Liederliche aus dem Orte und der Nachbarschaft, welche Gefallen an seinem Treiben fanden, gesellten sich ihm zu, und da er immer auch ihr Ärgstes noch zu überbieten wußte, so ordneten sie sich ihm unbedingt unter.
Wo die Straße in entgegengesetzter Richtung von der Kreisstadt das Dorf verließ, stieg sie ziemlich steil die Hügel hinan, und gerade auf der Höhe, von wo sie wieder talabwärts führte, stand ein kleines Wirtshaus, dort versammelte Florian seine Getreuen.
Der Wald rückte knapp bis an die Straße vor, man saß unter den prächtigen Tannen und hatte einen weiten Ausblick in das Land. Heute lag die Gegend rings in mildem, heiterem Sonnenlichte und zu der heiligen Stille über allem bildete die lärmende Zechgenossenschaft unter den Bäumen, die leise ihre Wipfel schüttelten, einen argen Gegensatz.
„Ihr seid nur liederlich,“ schrie Florian, „weil ihr gesund und dabei faul seid und nicht wißt, was ihr anfangen sollt, damit euch die Zeit auch ohne Arbeit vergeht. Sieben Dirnen zu gleicher Zeit nachsteigen, euch vom Bauer ausjagen lassen, wo gar keine Bäuerin an euch denkt, das haltet ihr schon für einen Kapitalspaß; mich freut’s nur, wo eine Teufelei dabei ist. Einem Bauer zeigen, daß er auf seiner goldigen Nuß, die er jahrlang bis auf den Kern zu kennen meint, nur Flimmer klebt und daß sie taub ist, — früher als der rechte Bub’ bei einer Dirn’ einsteigen und ihm Tag darauf, wenn er muckt, noch obendrein die Knochen zerschlagen, das ist so meine Unterhaltlichkeit!“
Von den sechs Burschen, die mit Florian um den Tisch saßen, waren fünf fast noch jünger wie er; man sah ihnen an, daß sie nur mit dem Gefürchteten umgingen, weil sie glaubten, durch die Schrecken, die ihn umgaben, auch für ihre Person gefeit zu sein, und gewiß waren, einiges Aufsehen zu erregen, wenn man sie immer, aus tausend und keinem Anlaß, an seiner Seite sah. Diese schwiegen stille und begnügten sich, ihm beifällig zuzunicken, nur einer wagte sein Weinkrüglein unternehmend anzufassen und damit an das seines Vorbildes anzustoßen.
Der sechste war ein älterer, riesenhaft gebauter Mensch, seines Zeichens ein Kohlenbrenner, er war offenbar dem von der Mühle im Wasser-Graben herstammenden jungen Apostel der Liederlichkeit nicht vom brennenden Kohlenmeiler weg gefolgt, für ihn hatte dessen Botschaft wohl lange vorher schon bestanden und er hielt sich nur zu ihm als zu einem Gleichgesinnten, diese Stellung und seine Jahre erlaubten ihm schon, sich etwas „herauszunehmen“. Er tat einen langen Trunk und sagte:
„So hat halt ein jeder sein eigenes gemütliches Wesen an sich. Aber eins hab’ ich dir schon lange sagen wollen, schau, Flori, ich meine es dir gut, ich weiß doch gewiß auch, was einer mitmachen kann, aber das soll ein jeder dabei recht bedenken, wie weit er ausreicht. Du bist ein Teuxelskerl, da ist nichts zu reden, schon gar nichts; im Ringen hast du deinen Vorteil, du hast mich untergekriegt, das will was heißen! Wenn es dir ansteht, so saufst du die Mannleut’ untern Tisch und schwätzest die Weibsbilder um ihr klein bissel Verstand, alles recht, wenn man’s nur auch treibt wie ein ordentlicher Mensch, aber du tust bei allem nicht anders wie ein wildes Vieh. Schau nur, zum Beispiel beim Raufen, wie tust du da? Unsereines erhitzt sich dabei nicht mehr als notwendig ist und wartet auf seinen Vorteil, gewinnt man den und drückt seinen Widerpart so sauber nach einer Seite, wo er nimmer schaden kann, dann lacht einem ja erst das Herz im Leibe, wenn man ihn so hat und hält und haut, solang es angeht, in aller Gemütlichkeit; aber du tust ja gleich vom Anfang, als würd’st es versäumen, du paßt nichts ab, du schaust gleich aus, als möchten dir die Stirnadern springen, und wenn du endlich obenauf bist, kannst du dem andern gar nichts mehr antun, mußt selbst gleich ablassen und verdirbst dir die ganze Freud’. So ist’s auch beim Trinken, du hältst keine Zeit ein von Trunk zu Trunk, bei dir muß’s wie auf der Extrapost gehen, und hast du dir eine Liebschaft in den Kopf gesetzt, da weißt du dich gar nicht mehr aus vor Leidenschaftlichkeit und Übereile. Ich sag’ dir, das taugt eben alles nichts, du schaust auch gar nicht gesund dabei aus, mir geschäh’ leid um dich, aber glaub mir, wenn du es so forttreibst, so machst du es nimmer lang mit!“
„Das und lang? Ich möcht’ selber nicht,“ sagte der Müllerssohn. „Meinst du, ich häng’ an der Welt? Ich spuck’ auf sie. Einmal hätt’ ich mir sie gefallen lassen, wie sie da eingerichtet ist für die ordentlichen Leute, aber wie ich hinzugekommen bin, da war die Tür zu, ich hab’ mich dagegen aufgebäumt, daß ich mir die Seel’ ausgerenkt hab’, und die richtet mir kein Doktor auf der Welt wieder zurecht. Und wenn ich denk’, wer und was sich dagegen gestemmt hat, daß ich wohl hab’ ablassen müssen, da verwind’ ich’s nicht. Ich verwinde es nicht!“ — Er preßte die Zähne zusammen, daß die Spitze seines Pfeifenrohres zerspellte. — „Kohlenbrenner-Jackerl, du sagst, ich gebärd’ mich wie ein wildes Vieh, hast recht, was ich tu’, ich tue es in Grimm und Wütigkeit. Ich habe eine verschrobene Welt in mir und neid’ einem jeden seine ehrliche, gerade und verderb’ und verkrümm’ sie ihm, wo ich kann. Schau, ich weiß, selbst deinem Treiben macht einmal die Zeit ein End’ und du wirst dich fein langsam zur Ruh’ geben, und die andern da, die toben sich aus und schicken sich dann gerne in ein ehrsam’ Leben auf dem Elternhof. So aber ist’s nicht bei mir, ich komm’ nicht zur Ruh’ und für mich ist nichts mehr da, in was ich mich hineinschicken könnt’!“
„Und laß dir gleich noch eins sagen,“ fiel ihm der Kohlenbrenner Jakob in die Rede, „deine Ausreden taugen auch nichts, du hast dir einmal inwendig vorgenommen, du willst einen ganz besonderen Lumpen in der Welt abgeben und wilder tun als alle andern, darum redest du so daher. Man weiß ja doch, warum du auf einmal anders geworden bist, als du früher gewesen warst; um eine Dirn’ ist’s halt hergegangen, die du nicht hast haben sollen, nun so was mag einen schon rechtschaffen ärgern, aber für so einen Schwächling halt’ ich dich nicht, mein lieber Flori, daß dich das ganz aus dem Häusel brächt’ und dir die Welt verleidet!“