Die kleine Schar zog vor das Haus des Bürgermeisters, über ihr Gelärme vor dem Tore desselben wurde alsbald die ganze Nachbarschaft lebendig, es mußte etwas Besonderes vorgefallen sein, das ahnte jeder und die meisten warfen ihre Kleider über und eilten hinaus; als der aus dem Schlafe Gepochte gähnend und sich reckend in die Gasse trat, hatte sich schon ein brausender Schwarm in derselben angesammelt.
Der Gemeinderepräsentant nahm den Bericht über das Vorgefallene entgegen. „Anschauen müssen wir uns das Ding,“ sagte er, „die Schlucht ist Gemeindegrund; dabei dürfte sich auch herausstellen, wer die zwei Verunglückten sind.“
Ja, das wollte man doch wissen! Man dachte gleich anfangs daran, sie könnten nicht schlechtweg Verunglückte, sondern müßten auch sonst je wer und etwas sein! Die Gemeinde befand sich hier in vollkommener Übereinstimmung mit ihrem Bürgermeister, man mußte sich eben das Ding anschauen und da wird es sich schon herausstellen; als daher derselbe seinem Knecht einspannen hieß, da eilten mehrere, auch ihr Gefährt instand zu setzen, um sich ihm anschließen zu können.
Die Frage, wer da draußen auf Grund und Boden der Gemeinde liege, ob Angehörige oder Fremde, hielt die angesammelte Menge in Aufregung, Abgängige wurden an den Fingern hergezählt, manche aber meldeten sich selbst aus den Umstehenden oder wurden von anderen als ganz heil und unversehrt daheim in ihren Betten liegend angesagt. Es wäre beinahe zum Streite gekommen zwischen denen, die nur mit bekannten Toten zu tun haben wollten und nach und nach nahezu die ganze Gemeinde in den Rachen des Todes warfen, und jenen, die sie ihm menschenfreundlich, Stück für Stück, wieder aus den Zähnen rissen; aber die Gewißheit sollte allem Hader und Zwist ein Ende machen.
Der Bürgermeister wollte eben auf das Sitzbrett des Leiterwagens steigen, als das alte Mütterchen von dem Häuschen auf dem Berge, ihr Enkelkind an der Hand haltend, herbeikam; als er sie ansichtig wurde, sagte er ohne weiteres: „Ah, Mutter Fehringer, ist’s gewiß in deiner Näh’ geschehen? Kennst du die zwei Leute, die hinabgekugelt sind?“
„Ja,“ sagte die Alte.
„Der eine ist aus Langendorf, ein Müllerssohn,“ warf rasch das Mädchen dazwischen. Er sollte den Vorrang haben.
„Ja, ein Müllerssohn aus Langendorf. Der andere,“ ergänzte die Großmutter, „ist der Leutenberger Urban.“
„Was,“ rief der Bürgermeister, „der Leutenberger Urban, der ist hin?“ Er hätte beinahe unchristlicher Weise gottlob gesagt, da aber der Gott schon heraus war, so besann er sich rasch auf einen anderen Zusatz. „Gott — tröst’ ihn!“ sagte er, das konnte niemand übel aufnehmen, selbst der Leutenberger nicht, und es konnte ihm immerhin hinterbracht werden, falls er doch nicht tot wäre, oder auch nach der Auferstehung.
„Sitzet auf,“ rief er dem alten Weibe und dem Kinde zu. „Erzählt mir das Weitere im Hinausfahren.“ Sein Wagen fuhr voran, an denselben schlossen sich viele andere, man hatte Späne von harzigem Holze angebrannt, um die Wege zu erhellen, und so kroch die Wagenreihe wie eine feurige Schlange rasch durch das Dorf und der Straße entlang hinaus in das Freie.