„Nein, wie sieht die aus?“

„Weißt, wo man das Mehl macht. Die gehört meinem Vater, die zeig’ ich dir.“

Wer, der noch nie eine Mühle gesehen hat, möchte eine solche nicht sehen? Die Neugierde überwog, und das Mädchen lief munter neben dem Knaben her, oft über das lange Röckchen stolpernd, daß sie sich gar nicht zu halten wußte, worüber beide laut lachten. Was das war, eine Mühle, wo man das Mehl macht?

Sie waren schon ziemlich weit gegangen; das Mädchen fing an müde und ängstlich zu werden, es hörte nicht mehr auf den kleinen Begleiter, der fortwährend versicherte, gleich müßten sie dort sein; er tat dies auch zu seiner eigenen Beruhigung, — so lang wie heute war doch der Weg noch nie gewesen. Beide Kinder kamen in die bedenklichste Stimmung. Jedes fühlte sich so weit weg vom Hause, und so allein, alles war so stille, niemand zu hören noch zu sehen, höchstens ein Vogel flatterte vom Gezweige auf den Weg nieder, aber auf diese hatten sie schon lange nicht mehr acht. Sie vermieden es, einander anzusehen, denn das Weinen war jedem nahe, und wenn das eines an dem andern bemerkt hätte, dann wäre der laute Jammer unabwendbar gewesen.

Aber da hörten sie plötzlich ein helles Klappern und Rauschen, der Knabe tat vor Freude einen Jauchzer, faßte die kleine Leni bei der Hand und sie rannten um eine Ecke, da rauschte und klapperte es noch fröhlicher, und dort unten am Wege das Haus mit dem großen Rade daran, das war die Mühle, das Rauschen kam aber vom Wasser und klappern tat das Rad, so sagte wenigstens der Florian.

Sie standen über dem Fahrwege auf einem kleinen Fußsteige, diesen mußten sie verlassen und den auf der andern Seite drüben einschlagen.

„Jetzt komm, jetzt trag’ ich dich schon bis hin,“ rief fröhlich herumhüpfend der Knirps, er schärfte der kleinen Leni ein, sich ja recht fest an seinem Halse anzuhalten, faßte sie an den Füßchen und versuchte sie aufzuheben, aber das ging nicht an, und sie lachte, weil sie so schwer war; da ließ sie der Florian vorerst los, und mit ernstem Gesichte spuckte er in seine Hände, wie er es von Großen hatte tun sehen, dann packte er aber an, mit einem Ruck hob er sie empor, und — beide kollerten über das hohe Gras hinunter auf den Fahrweg, da rangen sie sich voneinander los, da saßen sie und sahen einander an und lachten, und der Knabe sprang auf und lief voran und das Mädchen hinter ihm her der Mühle zu.

Als sie nahe kamen, da bewunderte Leni wohl das Rad, wie das gar so groß war, aber da war nur noch Wasser zu sehen und kein Mehl. „Das sei drinnen in der Mühle,“ sagte der Florian. „Komm nur!“

An einem Lattenzaun war ein kleiner Einlaß, Florian hob das Querholz geschickt aus und schob das Türchen nach einwärts, die Kinder traten in den Hof, ein großer Hund schoß auf sie zu und umsprang den Knaben; da er aber gegen das Mädchen bellte, so bekam er einen Puff, dem Schlage der kleinen Hand konnte er aber bei seinem zottigen Felle keine feindseligen Absichten unterlegen und so nahm er als verständiges Tier denselben als eine bescheidene Mahnung auf, sein Betragen gegen die kleine Dame zu ändern; er reckte daher seine Pranken zu deren Füßen hin, legte den Kopf darauf und bewegte auf dem aufrechtgehaltenen Hinterleibe wedelnd die Rute, was bei deren erhabenem Standpunkte sich sehr feierlich ausnahm; hätte der Hund nur seiner innersten Überzeugung über den Wert der Umgangsformen einigen Zwang angetan und nicht dabei gegähnt, aber das tat er.

An der Schwelle der Küche, durch die man auch hier unmittelbar vom Hofe in das Haus gelangte, erschien jetzt eine große, stattliche Frau. Es war die Müllerin. Der „Herlinger Florian“ schien es für unehrenhaft gehalten zu haben, an ein Mädchen gewöhnlichen Schlages seine Freiheit zu verlieren, hier hatte er es leicht, sich auf die Übermacht auszureden, denn sein Weib war viel höher und stärker als er.