Das Mädchen kreischte, der Junge fluchte und als er den Wagen in ruhigen Gang gebracht hatte, sagte er zur Schwester: „Der Hof ernährt ohnedem kaum eines, bist du schon zu viel, weil du ja auch ausgesteuert werden sollst, nun soll gar noch ein drittes davon fressen und zehren und beteilt werden.“

Er machte durch einen Peitschenhieb seinen Gefühlen Luft, und das Mädchen, das im übrigen seine Anschauungen zu teilen schien, vergalt die Anspielung auf sich nur durch einen nicht ernst gemeinten Puff.

Reindorfer hatte das Hoftor hinter den Davonfahrenden geschlossen, jetzt ging er langsam dem Garten zu; als er an der Küche vorüberkam, trat die Magd an die Schwelle und lächelte ihm zu, er sah sie groß an, dann wandte er sich ab und schritt kopfschüttelnd weiter. Im Garten war eine Laube, dicht mit Reben umrankte Latten, dort ließ er sich auf die Bank nieder, stemmte die Ellbogen auf den Tisch und starrte auf den feinen Kies der Wege.

Durch das breite Weinlaub spielte das Sonnenlicht, die Wiese, die hinter dem Garten hinanstieg, ließ es in hellem Grün erglänzen, bis hinauf zu dem Kamme des Hügels, den eine tiefdunkle Tannenwaldung umsäumte. Kroch, schwirrte und surrte es nicht durcheinander in Halmen, Büschen und Bäumen, flatterte, flirrte und sang es nicht in den Lüften? Das wirkt der Sonnenschein mit Licht und Farbe und Wärme — es ist doch sonst oft dem Bauer dort in der Laube das Herz im Leibe dabei aufgegangen, daß ihm das Grün so erfreulich, der Vogelsang so lustig schien, warum gerade heute nicht, wo man aus der linden, wohligen Luft mit jedem Atemzuge Lebensfreudigkeit und Lebensmut in sich sog, wo im lieben klaren Tageslichte jede Sorge verbleichen mußte; warum schlich er nicht über den Hof, und stahl sich leise durch die Küche, und lauschte an der Türe der Stube mit den verhängten Fenstern, die Magd hätte ihn sicher nicht verraten und wunder nähme sie es auch nicht, wenn er es täte, das wollte sie ihm nur zu verstehen geben, als sie ihn vorhin anlachte — warum hielt er sich ferne?

Ein paarmal rückte der alte Mann unentschlossen auf der Bank hin und her. „Solltest doch nachschauen geh’n, daß es nicht auffällt. Ja, wer es so weg hätte, sich zu verstellen, daß es ihm niemand anmerkt und jeder glaubt! Vielleicht verstellt sich die ganze Welt so, als wär’ alles gut und schön, und es ist der Sonn’ nicht ernst damit und dem Gefiederwerk, das da herumlärmt; und dem ganzen lichten Tag ist es anders um das Herz, als er glauben machen will, und ich trau’ ihm heut’ nicht.“

Ja, er hatte seinen guten Grund, fernzubleiben, aber er konnte ihn niemandem sagen, denn auch der Bauer hält auf seine Ehr’ und Reputation in der Gemeinde und vor den Nachbarsleuten, und eben darum durfte er nicht auffällig tun, daß man nach keinem Grunde suchte, eben darum sollte er doch nachschauen geh’n, damit keines ahnen konnte, was ihm, dem Reindorfer, nur zu gewiß war.

Das Kind war nicht sein!

Ja, wer es weg hätte, sich so zu verstellen! Was heute kommen sollte, war schon lange vorher zu wissen, von dem Tage an, wo es sich nicht mehr verheimlichen ließ, daß die Bäuerin sich vergessen habe, und wo er sich mit Mühe zurückhielt, daß er sie nicht mißhandelte. Er wollte ihr erst ein volles Geständnis erpressen, aber die Bäuerin schwieg in hilf- und ratloser Scham, und als er ruhiger geworden, da dachte er, er brauche ihr nicht abzufragen, was er wohl wußte. Herbergte er nicht im vergangenen Herbste ein paar Tage den Bankert des Müllers im Wasser-Graben, den Urlauber, dem niemand Gutes zutraute, und der in der Stadt drinnen vor nicht lang auch wieder eine ins Unglück gebracht haben soll? —

Bisher meinte er, er würde es auch, wenn die schwere Stunde käme, erzwingen können, daß er den Leuten keinen Anlaß zum Nachdenken gäbe, aber jetzt stand sie vor der Türe und er konnte nicht wider das Gefühl, das ihm die Brust verschnürte.

So saß er denn da außen im Garten, sah nieder auf den Kies und traute dem leuchtenden Tage nicht, von Zeit zu Zeit seufzte er schwer auf, als wollte es ihm — volkstümlich gesprochen — das Herz abdrücken. Das machte ihn verwirrt, denn jeder Seufzer erinnerte ihn, daß er litt, körperlich litt, daran hatte er nicht gedacht und nun war ihm, als sei alles in seiner Brust zusammengeschrumpft, leer, und eine ungeheure Last drücke von außen nach, als wollte sie ihm den Brustkasten in die Höhlung pressen, und dieses Gefühl ließ sich nicht verwinden, darunter seufzte er auf.