„Man kommt nicht auf gegen das Blut, meint man’s noch so gescheit, man kommt ihm nicht auf! Sagt ja auch die Bäuerin aus, sie hätt’ niemal kein’ Gedanken an so was gehabt und weiß jetzt selber nicht, wie sie es hat tun mögen. Was taugt aber der Mensch, wenn er auf sich selber kein’ Verlaß hat? Dann sind Treu und Glauben auf der Welt Narrensachen! Wofür ist gar ein Sakrament auf der Ehe, wenn eines so ungerufen durch eine Hintertür ins Leben kommen kann? Wär’s nicht recht und ihm selber besser, ich brächt’ den Bankert gleich um?“ — Seine Hände zuckten krampfhaft ... und da sah er auch leibhaftig das Kind vor sich liegen, mit dem gleichmütigen Munde und den großen verwunderigen Augen, er zog die Arme an sich und dachte an den schuldigen Teil. „Zwanzig Jahr’ hat sie ausgehalten, hat sich jung nie was vergeben, auf ihr Alter hat sie sich’s versparen müssen. Ich weiß mich nicht aus, o du heiliger Gott, ich weiß mich nicht aus! Wir waren nie anders als gut aufeinander, sie hat es oft selber gesagt, sie könnt’ sich nicht beklagen; zwanzig Jahr’, zwanzig Jahr’ haben wir in Ehr’ und Einträchtigkeit verlebt, da vergißt sie ’n Mann und ihre eheleiblichen Kinder um einen hergelaufenen Lumpen und nicht lange von heut, so läuft — als müßt’ es sein und gehör’ es ihm — der lebendige Schandfleck im Hause und in der Familie herum! Sie hätt’ mir’s doch nicht antun sollen, sie hätt’ mir’s doch nicht antun sollen!“ Sein Blick wurde ungewiß und seine Mundwinkel zuckten. Da erhob er sich, strich mit der harten, schwieligen Handfläche über den Tisch. „All’ vorbei!“
Er ging zurück über den Hof.
„Treu und Glauben sind Narrensachen!“
Als er vorbeikam, wollte der Kettenhund an ihm hinaufspringen, er aber jagte ihn mit einem Fußtritte in die Hütte, dann tat er ihm wieder leid. „Sultan,“ rief er, „Sultan!“ Und klatschte sich auf das Knie.
Der Hund war verschüchtert und verkroch sich in das Stroh.
„Herein, da herein!“
Das Tier gehorchte und er tätschelte ihm mit der Hand auf den breiten Schädel. „Ja, ja, du bist mein guter Hund, ich weiß, ich weiß schon,“ sagte er, als der plumpe Köter vor Freude immer in wunderlichen halben Sprüngen aufhüpfte. „Auf dich ist schon Verlaß, dich kann freilich nicht verdrießen, daß du bleibst, wie du bist — ist dir ja gar keine Zeit gelassen — bringst es ja kaum auf zwanzig Jahr’! — Bist nur ein dummes Vieh und bleibst eines! — Ja, ja — bist ein braver Hund!“
Er bückte sich hinab und beschwichtigte das immer zudringlicher werdende Tier. Da kam jemand rasch heran und blieb neben ihm stehen und sagte: „Bauer, es ist da, ein Dirndl ist’s!“ Es war die Magd. Reindorfer erschrak, er blickte empor, kniff die Augen zusammen, verzog grinsend den Mund und nickte ein paarmal hastig mit dem Kopfe. Er dachte, er habe das recht hübsch gemacht und niemand könne es anders deuten, als er sei über die Botschaft erfreut, die Magd nahm es auch dafür und lief vor ihm her nach der Küche, öffnete die Stubentüre und lachte hinein: „Der Bauer kommt schon!“
Reindorfer trat in das Zimmer, nahte sich auf zwei Schritte dem Bette und sagte, ohne die Bäuerin anzusehen: „Ich bin froh, daß es vorüber ist!“
Das Kind wurde ihm in den Arm gelegt. Es schrie kräftig und schien stark und gesund.