Ludwig folgte Windts Weisung fast willenlos, es hing über ihm, wie der Trauermantel eines Katafalks, wie ein dunkler, dumpfer Traum, er wankte hinüber auf des Freundes Zimmer, fand überall in Kleidern und Geräthen dessen irdische Spur, und mußte sich nun sagen, daß Leonardus nie wieder lebend in dieses Zimmer eintreten werde.
Windt öffnete von Zeit zu Zeit leise die Thüre, um nach Ludwig zu sehen, doch überließ er ihn der Wohlthat stiller Thränen, hütete sich wohl, durch herkömmliche Redensarten jene heilige Stimmung zu stören, die mit dem Dahingeschiedenen noch liebend lautlose Worte redet und im Stillen der aufwärtsschwebenden befreiten Psyche das schmerzliche Geleite gibt. Es machte kein großes Aufsehen, daß in einem Gasthause zu Stadthagen ein fremder Badegast gestorben war. Da Leonardus nur den Freunden gelebt und mit Ludwig jede Gesellschaft gemieden hatte, so war sein wahrer Name nie genannt worden. Der fremde Paß genügte, und das in aller Rechtsform aufgesetzte und gehörig besiegelte Testament in holländischer Sprache, welches den Grafen und Baronet Ludwig Carl Varel de Versay als Universalerben einsetzte, machte jede Weitläufigkeit einer Versiegelung überflüssig.
In früher, nebeltrüber Morgenstunde eines Herbsttages wurde Leonardus eingesenkt. Windt hatte zwei Gräber nebeneinander gekauft. Philipp fragte: Für wen das zweite Grab? – Windt gab keine Antwort.
In stiller Stunde saßen dann Ludwig und der Haushofmeister beim Ordnen von des Freundes nachgelassenen Papieren.
Leonardus war weit reicher gewesen, als Jene geglaubt hatten. Es fanden sich mehrere Tausende in vollgültigen holländischen Staatsobligationen und in Noten der englischen Bank, mehrere Tausende in noch zu erhebenden Wechseln und Anweisungen auf auswärtige Handlungshäuser, alle in der besten Form, es fand sich eine Obligation im Werthe von fünftausend holländischen Gulden mit der Bestimmung, daß sie Windt’s Frau als Witthum verbleiben sollten, wenn ihr Mann vor ihr stürbe. Philipp empfing als Andenken ein Kapital von eintausend Gulden. Es fand sich ferner eine kleine Schachtel voll großer brasilianischer Diamanten, die Leonardus die Freunde nie hatte sehen lassen, deren Werth geradezu unschätzbar war. Von dem Gelde, welches er in Amsterdam stehen hatte, lagen Uebersichten vor, es ergab dasselbe eine Jahresrente von fünftausend Gulden; diese hatte Leonardus dadurch erworben, daß er sein einst zu erhoffendes Muttererbe an seine Verwandten mit Zustimmung seiner Mutter käuflich abgetreten hatte – um nach ihrem Tode, falls er denselben erlebte, aller Geschäfte dort überhoben zu sein. Von dem Tode der Frau van der Valck an aber vermehrte sich dieser Rentenbezug um abermals fünftausend Gulden.
Ludwig überließ es Windt, das vom Freund überkommene Vermögen geeignet anzulegen und zu sichern, und dieser war so gerührt von Leonardus Großmuth, daß er ausrief: Sie müssen Herr von Doorwerth und der ganzen Herrlichkeit werden! Aus dem Kaufe des Erbherrn wird in Ewigkeit nichts! Die fünfzigtausend Gulden, darüber wir Quittung in Händen haben, gehören jetzt Ihnen. Und wenn Sie die Herrlichkeit besitzen, dann will ich auch dort bleiben, wenn Sie mich nicht wegjagen, außerdem aber auf keinen Fall! Sobald meine Kur hier beendet ist, reise ich nach Hamburg zur Excellenz, ich bringe sie ganz sicher herum, denn Sie sind ja doch der Liebling, und Ihnen gönnt sie das schöne und reichlich zinsende Besitzthum vor Allen, darauf wollt’ ich wetten, zumal Sie ja derjenige sind, welcher Doorwerth baar bezahlen kann!
Mein lieber Windt, entgegnete Ludwig: Allerdings ist die Herrlichkeit Doorwerth eine schöne Besitzung, allein sie ist wirklich nicht das Ziel meiner Wünsche. Entweder muß der Besitzer eines so ausgedehnten Gutes selbst Landwirth sein und dieses Fach verstehen, oder er muß Beamte haben, wie Sie Einer sind. Solche gibt es aber nur wenige. Sie haben am letzten dortigen Rentmeister ein Beispiel erlebt; was hat ein Güterbesitzer davon, wenn sein Beamter das, was erspart wird, sich als Gratification in die Tasche leitet, wie jener Bauernschinder gethan? Das gemahnt mich gerade so, als wenn in einem Staats-Haushalt gewisse Leute das Wort Ersparnisse stets auf der Zunge haben, und wenn sie genug Haare geviertheilt und genug Kümmelkörner gespalten haben, und Alles über ihre Klugheit seufzt und flucht, sich in ihrer eingebildeten Unfehlbarkeit Wunder was dünken, sich selbst beloben, da sie sonst Niemand lobt, und schließlich einen hübschen Theil der Ersparnisse klug und weise in ihre eigenen Taschen stecken. Nein, lieber Windt, ich möchte kein Wasserschloß besitzen – ich vertrage die Luft dieser morastigen Flächen nicht. Ich werde nun den Wunsch der Frau Großmutter erfüllen, ich werde reisen, schlicht und einfach, nur von Philipp begleitet. Ich werde Angés suchen! Ich will, wenn ich sie finde, mit ihr die Diamanten theilen, sie theilt gewiß mit mir die Thränen um unsern verklärten Freund. Wir aber, Windt, wir beide wollen nicht außer Verbindung treten, Sie geben mir wohl zuweilen Nachricht von Allem, was in der gräflichen Familie vorgeht, besonders Nachricht von der Gemahlin des Erbherrn, und vergessen Sie nicht, mein braver, edler, wackrer Windt, daß Sie an mir in allen Verhältnissen des Lebens einen wahren und treuen Freund haben.