»Ich war der Letzte, der vielleicht auf lange Zeit dieses bewunderungswürdige Münzkabinet sah, denn so eben hatte der Herzog Befehl gegeben, dasselbe einzupacken, da sich die Herren Franzosen nähern, und so sehr der Herzog ein Verehrer der Sprache, Literatur und Geistesbildung dieser Nation ist, so wenig scheint er von ihrer Freiheit, Gleichheit und Brüderschaft zu halten, und hat nicht Lust, diese auf seinen Münzschatz erstreckt zu sehen. Auch die herzoglichen Kunstsammlungen wie die große Bibliothek sind sehr bedeutend. Mit einem Wort, Herzog Ernst II., der mit seiner Gemahlin, Maria Charlotte, auch einer Prinzessin zu Sachsen-Meiningen, im innigsten Einverständniß lebt, ist für Gotha ganz das, was Carl August für Weimar, ein Mäcen der Wissenschaften und Künste und der Erwecker einer neuen Literatur-Aera.«

»Von Gotha reiste ich über den Thüringer Wald nach Meiningen, dessen Herzog, Georg, den beiden genannten Herzögen innig befreundet ist. Alle diese Fürsten beseelt das gleiche Streben, eine bessere Zeit, als die vergangene, für ihre Länder heraufzuführen. Ich fand in Meiningen einen gebildeten Hofkreis, fern vom allzusteifen Etikettenzwang, den der Herzog, ein freisinniger Fürst, abgeschafft hat.«

»Noch immer ist man in Meiningen sehr aufgebracht über eine elende Klatscherei, die der Ihnen sicher bekannte Tourist, Herr von Heß aus Hamburg, in seinem Buche: Durchflüge durch Deutschland, die Niederlande und Frankreich, vor einigen Jahren aufgetischt hat. Mit unendlicher Breite ergoß sich die verletzte Eitelkeit dieses Herrn in völlig lügenhaftem Geträtsch und in Ausfällen gegen den Herzog, den er als einen kleinen Tyrannen schilderte. Vier Seiten seines Geschreibsels verwendete Herr von Heß blos auf die Schilderung des Gesichtes eines Thorschreibers.«

»Von Meiningen fuhr ich nach Hildburghausen, wo vor einer Reihe von Jahren ein großer Brand gewüthet hat, und wo ich gegenwärtig noch verweile. Der Herzog Friedrich steht seinen Vettern an Geist nach, aber er ist äußerst gutmüthig, sehr gesprächig und außerordentlich gern mittheilsam über Alles, was ihn irgend Neues berührt oder begegnet, daher ich ihm unter keiner Bedingung ein Geheimniß anvertrauen möchte; dagegen ist die Herzogin, seine Gemahlin, eine außerordentlich liebliche Erscheinung; sie singt gern und entzückend schön. Denken Sie, sie singt in jeder Osterwoche in Grau’s Tod Jesu die Hauptstimme vor einem großen Kreise ihrer Verehrer. Das fürstliche Haus hat manches Mißgeschick zu ertragen; durch frühere üble Wirthschaft ist das Land in große Verlegenheiten gebracht worden, die den Hof mit treffen, zwei Töchter und ein Sohn starben bald nach der Geburt, doch versprechen die leben gebliebenen Prinzen und Prinzessinnen eine gute Entwicklung. Es sind schöne Kinder, drei Prinzen und drei Prinzessinnen. Die Vergnügungen des Hofes sind die gewöhnlichen, und die gute Jahreszeit wird abwechselnd auf nahen Jagd- und Lustschlössern, welche sich zu Heldburg, Hellingen, Eishausen und Seidingstadt befinden, zugebracht. Die Heldburg ist ein stattlicher spätmittelalterlicher Bau, auf hohem Felsenkegel ragend und weit das Land überschauend, majestätisch wie ein Königsschloß; Hellingen erinnert nach Lage und Anlage an Doorwerth, nur ist es weniger groß und es fehlen ihm die Parke. Dort wohnte unsere Verwandte, die Gemahlin des Prinzen Ludwig Friedrich zu Sachsen-Hildburghausen, Christine Luise, geborene Prinzessin von Holstein-Plön. Seidingstadt ist das Trianon des hiesigen Hofes; Schloß Eishausen liegt etwas abseit der Straße, die nach Coburg führt, ernst und einsam neben einem Dorfe, still und wie geschaffen für die Einsamkeit der Weltüberwinder.«

»Leider ist der idyllische Frieden dieses Hofes und des Ländchens in der Gegenwart hart bedroht durch die Kriegswirren, die sich bedenklich nahen. Zwischen hier und dem Mainstrom hausen bereits die Franzosen wie Kanibalen und ärger als die so übel verschrieenen Kroaten im dreißigjährigen Kriege. Ich werde mit Philipp in Begleitung eines herzoglichen Rathes und begleitet von dem Kammerdiener Grimm, der mit dem Günstling der Kaiserin Maria Theresia, Prinz Joseph Hollandinus Herzog zu Sachsen-Hildburghausen, schon einige Feldzüge des Prinzen mitmachte, einen Ritt in das bedrohte Gebiet machen, um zu sehen, ob ich vielleicht dazu beitragen kann, einigen Schaden von dem Lande abzuwenden, da ich ein wenig verstehe, wie man mit den Emigranten und Republikanern verhandeln muß, und hier sich Alles schrecklich vor beiden fürchtet, auch der Herzog selbst nicht der Mann ist, mit persönlichem Muth einer Gefahr unter die Augen zu treten. Die Mehrzahl seiner Räthe wird ebenfalls schwerlich große Heldenthaten verrichten.«

Die Reiter nahmen ihren Weg nach Heldburg und von da nach Hellingen. Schon in Heldburg hörten sie von Bürgern und Landleuten, die neugierig auf die Höhe geeilt waren, welche zwischen beiden Ortschaften sich hinzieht, daß in Hellingen Alles drunter und drüber hergehe, daß es brenne, und Mord und Todschlag von den Franzosen unter dem General Wartensleben, die von Königsberg in Franken herüber gekommen, verübt werde. Rasch galoppirten die Reiter den sandigen Weg zur Höhe hinan, und der Graf überblickte durch ein Fernglas die weiten fränkischen, sonst so friedlichen Ebenen, die im milden Glanze eines Sommertages sich unter ihm ausbreiteten, und jetzt der Schauplatz eines Krieges werden sollten, in denen sich die Söhne eines und desselben Landes, im blutigen Streite zwischen Königthum und Republik, zerfleischen wollten. Große Heereszüge schwenkten durch die sanftgehügelten Ebenen, dort blitzten Flinten und Bajonette, dort Helme und Cürasse im Sonnenglanze; dort zogen in endloser Reihe Rüst- und Pulverwagen und Geschütze heran, dort schlug Dampf auf, in welchem helle züngelnde Flammen leckten; von den Thürmen der zahllosen katholischen und protestantischen Kirchen in diesem dichtbevölkerten fruchtbaren Lande tönten die Sturmglocken, vom nahen Marktflecken Hellingen scholl wüstes Geschrei und Gebrüll des Viehes verworren zur Höhe, wie bei einem Brande, obschon ein solcher nicht ausgebrochen war. Es war ein wimmelndes Gedränge in dem Ort und außer dem Ort, es war die Furie des Krieges in ihrer ganzen Scheußlichkeit, die hier bereits ihr verheerendes Wüthen begonnen hatte.

Der herzogliche Beamte, Graf Ludwig’s Begleiter, ein wackerer und sonst unerschrockener Mann, erbebte doch beim Anblick dieser Gräuel. – Was meinen Sie, Herr Graf? richtete er mit bedenklicher Miene an Ludwig die Frage: sollen wir uns in diese Gefahr hinein stürzen?

Haben Sie Jourdans Schutzbrief? fragte Ludwig, und als der Beamte bejahte, sprach er: Geben Sie ihn mir! Dann zu dem Diener sich wendend, fragte er: Wie steht’s, willst Du mit, Philipp?

Hm! brummte Philipp: Ich weiß nicht, warum Sie mich erst fragen, gnädiger Herr!

Und Sie, Herr Grimm? –