Das ist mir nur ein Spaß! antwortete dieser. Bin schon bei ganz anderen Affairen gewesen, habe zwar nicht immer die Victoria beim Schopf erwischt, war aber nicht mein durchlauchtigster Herr kaiserlich königlicher Reichsgeneral-Feldmarschall schuld daran, sondern die Reißaus-Armee, die er zu befehligen hatte, seine »sechzigtausend Läufer«, wie der alte Fritz sagte.

Wohlan denn, hinunter! rief Ludwig, und trieb sein Pferd zu raschem Schritt, die Diener folgten und der Beamte, welcher dem Grafen einen vom General Jourdan dem herzoglichen Hofe eigens ertheilten Schutzbrief für das Land zugestellt hatte, folgte nicht ohne Herzklopfen nach.

Gräuelvoll war der Anblick in Hellingen, darin die Schaaren der den Ort durchziehenden Colonnen sich verbreiteten. Bereits war alles Getreide, das noch auf dem Halm stand, niedergetreten oder niedergeritten. Die eingeernteten Garben wurden aus den Scheunen gerissen, alles Vieh der Einwohner aus den Ställen in die Kirche getrieben, die zum Schlachthaus diente. Jeder Einwohner, der nur die mindeste Gegenwehr versuchte, wurde mit Kolben gestoßen, geschlagen, mit Füßen getreten, mit Bajonetten bedroht, oder gar mit scharfer Klinge gehauen. Dort sendete man einem fliehenden Bauer Musketenkugeln nach, dort versuchte man einen Andern an den Beinen aufzuhängen, dort verübte man den schändlichsten Muthwillen gegen Mütter und selbst Greisinnen, dort pfiff man gellend auf den Pfeifen, die aus der Orgel in der Kirche gerissen waren. In den Häusern wurde Alles geraubt, zerstört, verwüstet, aus den Fenstern schüttelte man die Federn aus den aufgehauenen Betten, aus den Kellern schleppte der rasende Feind die Fässer voll Frankenweines und ließ, was er nicht trank, auf die Straßen laufen. Ueber alle dem Lärm, dem Wehgeheul und den Jammerrufen hörten Wenige den von Königsberg herübertönenden Schall einer heftigen Kanonade. Mit Entsetzen sahen Graf Ludwig und seine Begleiter das unermeßliche Elend nur in diesem einen Dorfe, und doch ging es so in jedem, das die Heersäulen der Franzosen auf ihrem Zuge berührten.

Wo ist der General? Wo sind die Kommandirenden? schrie Ludwig herrisch einem Trupp Reiter zu, der ihm mitten im Orte aufstieß.

Im Pfarrerhaus! war die Antwort, und zugleich zeigten ihm die Soldaten, die ihn für einen Landsmann und Courier hielten, die Richtung nach der Wohnung des Pfarrers Link, die ein alter räucheriger, architectonisch mit Schnitzwerk und krummen, verschränkten Kreuzbogen gezierter Bau war, gegen welchen die erst vor zwei Jahren als schöner Neubau vollendete Kirche seltsam abstach.

Dort ging es her wie auf einem Jahrmarkte. Aus der unten am Flur liegenden Küche schlug heller Feuerschein hervor, die Flur selbst lag ganz voll von Geflügel aller Art: Gänse, Enten, Tauben, Rebhühner, denen allen die Köpfe fehlten. Ein Koch war beschäftigt, zu sieden und zu braten, Soldaten rupften und weideten aus, den Hof, die Flur und das ganze Haus füllten lauter Offiziere an, welche Ludwig militärisch grüßte und die Frage an sie richtete, ob er den Chef dieser Heeresabtheilung nicht sprechen könne? Nach einer Weile trat der Reiterbrigadegeneral aus dem Hause, ein Mann von Mittelgröße und martialischem Aussehen; ihm auf dem Fuße folgte sein General-Adjutant, ein Mann von wahrhaft riesigem Bau, dabei von vollendeter Formschöne und nicht unfreundlichen Zügen; hinter diesen schritt noch ein zweiter Adjutant, und ein Kreis von vielleicht fünfzig bis sechzig Offizieren umdrängte nun die Ankömmlinge. Ludwig und der Beamte schwangen sich rasch von ihren Pferden. Mein Bürgergeneral! begann der Graf ganz ohne Verlegenheit seine Anrede: darf ich bitten, mir einiges Gehör zu gönnen, und mir vor Allem zu sagen, mit wem ich die Ehre habe, zu sprechen? Ich bin nebst diesem Herrn ein Abgeordneter des Herzogs von diesem Lande.

Ich bin General d’Hautpoule, Bürger! antwortete der Anführer. Hier mein General-Adjutant, Bürger Mortier, hier mein Aide de Camp, Bürger David. Womit können wir dienen?

Bürger Jean Baptist Jourdan, sprach Ludwig: der Oberbefehlshaber der Rheinarmee hat ausdrücklich durch eine schriftliche Zusicherung dieses Land gegen alle feindliche Begegnung gesichert. Hier steht, daß er die dem Gesammthause Sachsen zugestandene Neutralität auch gegen das Haus Sachsen-Hildburghausen so lange wolle beobachten lassen, als diese Neutralität vom Directorium der Republik nicht verworfen wird. Wenn ein Neutralitätsvertrag nicht vollständig zu Stande kommt, soll dem herzoglichen Hause die Nachricht officiell mitgetheilt werden, daß die Feindseligkeiten ihren Anfang nähmen. Dieses letztere ist zur Zeit nicht geschehen, und dennoch, wie feindselig hausen Deine Truppen, Bürger-General, in diesem friedlichen und neutralen Lande!

D’Hautpoule warf einen flüchtigen Blick auf das von Jourdan eigenhändig unterzeichnete Schutzpapier, schlug leicht mit der Hand darauf und entgegnete, indem er es zurückgab: Was wissen wir vom Geschmier der Kriegskanzleien! Hier ist Krieg und keine Kanzlei!

Der Herr General erlauben gnädigst – nahm jetzt auch der herzogliche Beamte das Wort: Unsere Regierung hat Sorge getragen, und es ist auch vom Obergeneral an alle Divisionen der republikanischen Armee der Befehl ergangen, bekannt zu machen, wie mir selbst ohnlängst in einem Nachbarort französische Offiziere, die wir verpflegten, mitgetheilt haben, daß die Sächsische Neutralität beim ganzen Heere respectirt werden und jede Thätlichkeit gegen die Einwohner unterbleiben soll.