Nun denn! wandte sich d’Hautpoule lachend gegen Mortier, so wollen wir die Neutralität respectiren, so viel sich thun läßt. Gib sogleich Befehl, Bürger David, und allen Bürger Kapitäns sei es gesagt, es soll sich Keiner unterstehen, noch eine Feder oder einen Strohhalm Werths zu rauben oder auch nur anzufassen. Sacre Dieu! Keiner!

Eine Bewegung entstand, die Offiziere trafen Anstalt, den erhaltenen Befehl zu vollziehen, da kam der Schulmeister gelaufen, drängte sich an seinen Pfarrer, der neben den Beamten getreten war, und flüsterte: Um Gotteswillen Herr Pfarrer! Die Soldaten zerstören uns die ganze Orgel!

Sagen wir das laut! rief der Pfarrer, der eine sehr sonore Stimme hatte, trat zum General und sprach: Herr General! Ihre Soldaten zerstören unsere schöne neue Orgel! Ich bitte, retten Sie! Schonen Sie!

Sacre bleu! schrie der General: Wo? Wo? und schwang den Stock, den er in der Hand führte, denn er war bereits ein ergrauter Sechziger, und folgte mit raschen Schritten dem Schulmeister, der ihm voran in die neue Kirche eilte. Der alte Kriegsmann rannte wie rasend die Treppe hinauf und theilte auf die das werthvolle Orgelwerk freventlich zerstörenden Soldaten so viele und schwere Prügel aus, daß die Uebelthäter laut aufschrieen und schwuren, in ihrem Leben keine Orgel wieder anzurühren.

Mittlerweile hatte sich der Riese Mortier auf ein Pferd geworfen, David und andere Offiziere waren ihm gefolgt, und es verging keine Viertelstunde, so war Ruhe, Ordnung und Stille im Flecken; alle nachrückenden Truppen mußten sofort ohne Rast hindurchziehen, aus der Kirche kam d’Hautpoule sehr erheitert zurück und sprach zu Ludwig und dem Beamten: Nichts wirkt schneller und heftiger, wie Prügel. Diese Sprache verstehen die Hallunken aller Völker, Prügel sind die wahre Weltsprache, und die Gelehrten werden sich vergebens die Köpfe zerbrechen, um eine bessere zu erfinden.

Bald kamen auch Mortier und die andern Offiziere in den Pfarrhof zurück; das Geschrei der Einwohner verhallte allmählig. Mortier, so riesenhaft seine Leibesgröße war, sah gar nicht aus wie ein Soldat; die Haut seines Gesichts und seiner Hände war zart und weiß. Er drückte dem Grafen, dem Beamten und dem Pfarrer oft die Hände und versicherte allen, er meine es gut, allein die Soldaten seien schwer im Zaum zu halten.

Man begab sich in die Stube des Pfarrers, in deren Mitte eine Bütte stand, welche mit Wein gefüllt war. D’Hautpoule war sehr artig gegen den Besuch aus Hildburghausen; er lud die Herren ein, an seinem Male Theil zu nehmen, fuhr mit bereitstehenden Biergläsern eigenhändig in die Bütte, füllte diese voll Wein, reichte sie seinen Gästen und dem Pfarrer dar und rief lustig und froh gelaunt. A votre santé et bonheur! Alle andere Offiziere, soviel die Stube faßte, drängten sich herzu, schöpften ebenfalls und tranken; man setzte sich auf hölzerne Stühle, der General saß auf einem dreibeinigen Schemel, Mortier und David hatten die Ofenbank besetzt. Der Koch brachte mächtige Bratenstücke herein, der Pfarrer schaffte Brod, weder Teller noch Messer und Gabeln waren vorhanden, man aß aus der Hand, nur der General schnitt sein Fleisch mit einem Schnappbastelmesser. Die Bütte Wein war bald geleert, eine zweite wurde aus dem Keller herauf geschafft, dann erfolgte ein rascher Aufbruch, ein kurzes Adieu.

Ein Wehe war dahin, wie geschrieben steht in der Offenbarung, »aber siehe, es kommen noch zwei Wehe.« Dem Volke d’Hautpoule’s folgte die Division des General Colaud nach, 15,000 Mann stark, und der General richtete sogleich seinen Weg nach dem Pfarrhaus. Dort kam ihm Ludwig entgegen, erbat Schutz für den Ort, für alle Orte dieses Landstrichs, auf Jourdans Schrift sich berufend. Mittlerweile war der Divisionsgeneral Lefebre ebenfalls im Orte angelangt und hatte sich nach dem Schlosse begeben, ihm folgte dessen Division Avantgarde, 25,000 Mann stark, da galt es! Alle Beredsamkeit mußte aufgeboten werden, um den Schutzbrief zur Geltung zu bringen; es gelang Ludwig, aber nur hier in dem einen Orte; was der Schreckenszug außerhalb Hellingen berührte, litt dennoch unendlich. Die Generale zeigten sich menschenfreundlich und zur Hülfe gern bereit; wo ihre gebietende Persönlichkeit einen Ort beschützte, war es gut, sie ließen wohl auch Schutzwachen zurück; aber wenn sie abgezogen waren, erpreßte die Letztere selbst von den armen Leuten Geld und Kleider. Ein Lieutenant nahm zwei im Waschzuber liegende schmutzige Hemden aus demselben, rang sie geschickt aus und schob sie in seinen Tornister.

Was bei diesen Durchzügen das Allerschlimmste war, die bedrängten Landbewohner wußten oft nicht einmal, wer Freund, wer Feind war: Feinde wie Freunde drückten, raubten, brandschatzten und hauseten ärger wie Teufel.