12. Das Wiedersehen.
Es war Ludwig nicht möglich, mit seinen Begleitern an demselben Tage nach Hildburghausen zurückzukehren. Vom edelsten Eifer beseelt, Hülfe zu leisten so viel nur immer möglich war, blieb er bis zur späten Nachmittagsstunde in Hellingen, wo nach dem Abzug Lefebre’s der berühmte Divisionsgeneral Kleber einrückte, und wo sich Alles in gleicher Weise wiederholte: Fürsprache und Fürbitte und freundliche Gewähr, so weit sie nur immer erfolgen konnte. Um der vorzugsweise bedrohten Gegend, dem Amte Königsberg, das bei diesen Ueberzügen und Durchmärschen am meisten litt, vielleicht Hülfe zu bringen beschloß Ludwig, Kleber nach Königsberg zu begleiten, welcher Jourdan’s linken Flügel befehligte, und dieser nahm gern die Herren aus Hildburghausen zu Geleitsmännern mit; so wurde der Ritt dorthin über die Flecken Maroldsweissach und Burgproppach angetreten. Auf den Wegen und in den Dörfern sah es schauderhaft aus, keine Feder schildert die Gräuel dieser Verwüstung, die Klagen, welche die gemißhandelten und beraubten Landleute erhoben.
Nahe bei Königsberg begegnete den Anrückenden ein von Hildburghausen aus dorthin beorderter Beamter, Hofadvocat Merk, dessen Bemühen es so eben gelungen war, einen Königsberger Bürger dem Tode, womit ein Commando Franzosen ihn bedrohte, durch seine Kenntniß der Sprache zu befreien. Er schilderte mit ergreifenden Worten alles Schreckliche, was er in Königsberg erlebt hatte. Als die Nachrichten dorthin kamen, daß die französischen Truppen erst bis Schweinfurt, und dann den Main herauf bis Haßfurt gerückt seien, wo sie brandschatzten und plünderten, zitterte das arme Städtchen bereits. Die ersten Truppen waren kaiserliche Husaren, diesen folgte ein Theil des Generalfeldzeugmeister von Wartensleben’schen Armeecorps, unter den Generalen Murray, Clairfait und Beaulieu, und überschwemmte die ganze Gegend; es war ein buntes Gemisch von allerlei Volk, Wallonen, Warasdiner, Kroaten, Ulanen, Tiroler Scharfschützen, die Corps von Bourbon, Carneville, von la Tour, Royal Saxe, Husaren von Rohan und von Versey und andere. Die Generale suchten gute Mannszucht zu halten, besonders General Gontreuil und Oberst von Brady, die im Schlößchen zu Königsberg einquartirt waren. Das kaiserliche Heer marschirte ab, die Franzosen drangen über den Main, kamen auch nach Königsberg, die Plünderungen und Mißhandlungen begannen. Alles wurde durchsucht, durchwühlt nach verborgenen oder vergrabenen Schätzen; mit dem Waizen der jüngsten Ernte wurden die Pferde gefüttert; die Gegend von Königsberg hat schönen Weinbau; man schlug die Zapfen aus den Fässern und ließ den Wein in die Keller laufen, das gemahlene Getreide wurde aus den aufgehauenen Säcken in die Höfe geschüttet, kurz, jeglicher Unfug getrieben. Die Generale Lefebre, Soult, Laval und Richepau legten sich in das erste Gasthaus, sie verlangten auf Silber zu speisen und waren wüthend darüber, daß der Wirth im kleinen Städtchen nicht Silber und Servietten genug besaß; am Schlimmsten erging es auf den Dörfern den Pfarrern, da waren Gelder, Uhren, Kleider, Wäsche, Stiefeln, Schinken, Würste die willkommenste Beute.
General Lefebre, und überhaupt die hohen Offizieren, zeigten sich gern zur Hülfe bereit, und als Ludwig vorsichtig und mit ruhigem Blick die schwierige Sachlage überschaute und einsah, wie gar wenig es fruchten könne, wenn wenige einzelne Vermittler sich in den Koloß dieser Heereszüge warfen, so erbat er vom General Lefebre geradezu einen neuen Schutzbrief für das Land Hildburghausen, namentlich für die Residenz, und nächst diesem eine eigene Schutzwache von zehn Mann Unteroffizieren und Gefreiten, welche ihn begleiten, den Schutz der hohen Generalität wo es nöthig beglaubigen, und so lange auf Kosten des Hofes in Hildburghausen weilen und verpflegt werden sollten, bis die französischen Armeen völlig diese Gegend verlassen haben würden.
So eigenthümlich diese Zumuthung war, die Artigkeit, mit welcher Ludwig dieselbe vorbrachte, seine rührenden, menschlich schönen Beweggründe, die Mittheilung besonders, daß in demselben Lande, für welches jetzt Schutz begehrt wurde, in der Nachbarstadt Haldburg eine Anzahl gefangener französischer Offiziere, welche dorthin escortirt waren, vom Magistrate dieser Stadt gastlich verpflegt worden seien, worüber der Hildburghäuser Beamte deren in warmen Worten ausgedrückte schriftliche Dankesbescheinigung bei sich führte und vorzeigte, bewirkte zuletzt die Erfüllung der gestellten Bitte; es wurde versprochen, man wolle zur Erleichterung des Landes alles Mögliche thun, auch sollten keine Truppenabtheilungen weiter in das Land hineinstreifen und die Etappenstraßen nicht verlassen.
Am anderen Morgen brach das Heer zum Weitermarsch auf und Ludwig nahm mit seinen Begleitern den Rückweg über Heldburg und das coburgische Städtchen Rodach. Er sorgte dafür, daß die zehn Mann Bedeckung sich häufig Etwas zu Gute thaten und gewann sich so dieser Leute Zuneigung. Sie plauderten gern, wie alle Franzosen, und kürzten den Weg durch heitere Gespräche und muntere vaterländische Chansons.
Man war nur noch anderthalb Stunden von Hildburghausen auf dem eingeschlagenen Wege entfernt, war im Dorfe Eishausen angelangt, und hielt vor dem Gasthause dieses Dorfes, das dicht an der Hochstraße liegt, die vom deutschen Süden nach dem deutschen Norden führt. Der Beamte war müde und hatte sich in einem Sessel in der Wirthsstube niedergelassen; Philipp und der Kammerdiener Grimm hatten längst gute Kameradschaft mit einander gemacht, und saßen beim Bierkrug gemüthlich beisammen, während einige Knaben des Dorfes die Pferde der Herren, wie jene der Diener hielten. Es hatten sich bereits ziemlich viele Dorfjungen vor dem Hause gesammelt, neugierig die fremden Soldaten zu sehen, die zum Theil vor dem Hause gruppirt, Bier oder auch Branntwein tranken. Ludwig ging in stillen Gedanken auf und ab, und diese Gedanken schweiften weit in die Ferne, nach einem theueren Grabe, nach Ottolinen, nach der Großmutter, nach Doorwerth, in sein Jugendheimathland, nach Paris, Amsterdam, dem Haag, nach London, nach Castle Chatsworth.
Wenn sie Zauberspiegel hätten, meine Lieben in der Ferne, sprach er zu sich selbst: und sähen mich hier umhergehen, in dieser Thalstille, in dieser eigenthümlichen Umgebung, an der Landstraße, dort drüben das große, schöne, aber öde Schloß, und von Soldaten der französischen Republik umgeben, sie würden sich wundern, würden fragen: Was soll das bedeuten? Wo ist er, und wie kommt er dorthin?
Und doch, wie ist es hier so still und friedlich! Mild weht die Luft, das Obst an den Bäumen reift schon dem Herbste entgegen, mit einem traulichen Gemurmel wälzt sich der rasche Bach durch die Wiesenflur. Welche Gegensätze, hier diese schöne ländliche Stille, und nur wenige Stunden jenseits der südlichen Hügelkette alle Greuel blutigen Krieges, Armeen, heute schon vielleicht die eine siegreich, die andere geschlagen, zersprengt, flüchtig und von der Hand der Vergeltung alle strenge Züchtigung empfangend für das Unglück, womit sie die Länder heimgesucht, die unter ihren ehernen Tritten bluteten und noch bluten!