Von der Ferne, aus der schönen Allee, die von Eishausen nach dem nahen Dorfe Adelhausen führt, schallten Posthornklänge, es schien eine Extrapost zu nahen, Ludwig war eben wieder vor dem Gasthof angelangt. Die Soldaten zechten lustig und wohlgemuth auf seine Rechnung und sangen im Chor ein französisches Liedchen:
Zon, ma Lisette,
Zon, ma Lison!
Zon, ma Lisette, ma Lison, zon, zon. :|:
Pour combler mon amour
Faisons sur ma couchette
Ce que la nuit le jour
Chacun fait en cachette.
Zon, ma Lisette,
Zon, ma Lison,
Zon, ma Lisette, ma Lison, zon, zon! :|:
Welcher Leichtsinn lebt nicht in diesen Leuten! Gestern noch hörten sie den Donner feindlicher Kanonen und heute singen sie die leichtfertigsten Gassenhauer! sprach Ludwig.
Die mit vier Pferden bespannte Postkutsche nahte; der Postillon machte Miene, am Gasthause zu halten, in demselben Augenblick sah jedoch ein Herr aus dem Schlage, hörte und erblickte die Soldaten, und rief mit ängstlicher Stimme dem Postillon zu: Soldaten der Republik! Nicht halten! Vorbei! Rasch vorbei, auf Tod und Leben! – Ein Lakai auf dem Bock wiederholte diesen Ruf und trieb gleichfalls zur Eile.
Ludwig blickte, während der Postillon mit Unmuth an den Zügeln riß, um die Pferde wieder in die Mitte der Straße zu lenken, in den Wagen. Das schöne, jugendliche Gesicht dieses Herrn hatte er schon einmal gesehen, ganz gewiß, neben ihm saß eine verschleierte Dame, zwischen Beiden ein junges bildschönes Mädchen, und dieses Mädchen rief mit heller Stimme: »Oh mon Dieu! mon Dieu! Dieser Herr ist unser Freund vom Kastell Doorwerth.«
Maßloses Staunen erfaßte den Grafen, aber aus dem Soldatenhaufen heraus schrie jetzt ein bärtiger Sergeant: Morbleu! Sacre bleu! Un Bourbon! un Prince de Condé! und sein Ruf brachte schnell die ganze Mannschaft zusammen; allein der Postillon hieb wie toll auf die Pferde und jagte im gestreckten Galopp aus dem Dorfe, so wie die Höhe hinan, die dicht hinter Steinfeld in nordwestlicher Richtung sich lange empor zieht. Es war kein Zweifel, das war derselbe Prinz, den Ludwig in Doorwerth als Freund des Erbprinzen der Niederlande gesehen und gesprochen hatte, derselbe, der, wie Leonardus ihm vertraut, damals Angés und das Kind besucht hatte, während Ludwig mit dem Prinzen Ernst August von Großbritannien und Windt einen Recognitionsritt in die Herrlichkeit machte. Das Kind, das Ludwig jetzt im Vorüberfahren nur einen flüchtigen Augenblick gesehen, dessen süße und liebliche Stimme sein Ohr so eben berührt, es war Sophie gewesen, kein Zweifel, die kleine liebliche Sophie, Angé’s theuere Schutzbefohlene! – Noch hatte Graf Ludwig alle diese Vorstellungen kaum ausgedacht, so fuhr eine zweite Extrapostkutsche heran, neben dem Kutscher saß ein Kammermädchen; aus dem Schlage wehte ein grüner Schleier, ein Blick auf die im Wagen sitzende Dame und Ludwig schrie Philipp zu: Mein Pferd! Mein Pferd!
Auch der zweite Postillon, da er seinen Kameraden so eilen sah, hieb stark auf die Pferde ein, und die Kutsche flog pfeilgeschwind an Ludwig vorüber. Dennoch konnte er sehen, wie eine darin sitzende Dame den Schleier zurück schlug und jauchzend rief er aus: Halt! Halt! Angés! O Angés! – Aber der Postillon, im Wahne, daß seinen Reisenden Gefahr drohe, denn die Dame war nicht allein, es saß noch ein ältlicher Mann im Wagen bei ihr, trieb unaufhaltsam die Pferde von dannen und jenem ersten Wagen nach.
Mein Pferd! Mein Pferd! rief Ludwig noch einmal, schwang sich eilend auf und ritt im sausenden Galopp hinterdrein, was den Postillon in dem Glauben bestärkte, daß er ernstlich verfolgt werde, er jagte deshalb die Pferde zur Höhe hinan, daß sie dem Stürzen nahe kamen. Dennoch erreichte der Graf im raschen Ansprengen den Wagen und donnerte dem Kutscher mit einem gespannten Doppelterzerol in der Hand ein Halt! zu. Das wirkte, der Postillon ließ die Pferde im Schritt gehen, Ludwig ritt an den Schlag, und rief hinein: Angés! Um des Himmels Willen, Angés! Bist du es wirklich?
Ja, ich bin es, o ich bin es, Graf Ludwig! O Gott! – Und du? – Wie treffen wir uns hier?
Wunderbar! Wunderbar! rief Ludwig. Und wohin eilst du, Angés? Woher? Wohin?