Vor dem Gasthause in Eishausen wurde es immer voller und lauter, aus einer Thalenge vom nahen Thüringerwaldgebirge herunter hatte sich auf einsamen Feldwegen eine Zigeunerbande herabgeschlichen, die unter der Leitung einer hexenhaft aussehenden Altmutter stand, und sich bald genug durch das Dorf verbreitete, ihre bekannten Künste, Wahrsagen, Betteln und am Liebsten Stehlen zu üben. Das ganze Leben und Treiben der verschiedenen Volksgruppen vor dem Wirthshaus gab ein reiches Bild; die braunen Zigeuner, dies heimathlose Volk, die munteren Franzosen, die deutschen Bauern und deren blühende zahlreiche Sprößlinge, endlich, damit auch der höhere Stand nicht unvertreten sei, der vornehm gekleidete herzogliche Rath, der stattliche und gravitätische Grimm, der seinen Zopf ganz genau so trug, wie sein hochseliger Gebieter Prinz Joseph Hollandinus den seinen getragen hatte – das Alles hätte einem Maler mannichfachen Stoff zu einem lebensvollen Bilde mit reicher Gruppirung geboten. Kammerdiener Grimm, der wohl schon häufiger mit Zigeunern verkehrt haben mochte, trat der Altmutter nahe und sagte: Nun, du schwarze Hexe! Willst du mir nicht prophezeien?

Gern, mein allerschönster Herr! entgegnete die Alte – lasse mich nur in deine große und gewiß sehr freigebige Hand blicken. – Alles drängte näher heran, und so konnten sich die Glieder der Bande unbeobachtet im Dorfe zerstreuen.

Ist das ein gewaltiger Mann! Ei! Stehst in hohen Gnaden, Herr! Bist auch im Felde gewesen, da steht’s, bist an manchem Galgen vorbei geritten, hast viel geliebt, alter Junge – bist dem Weibsvolke noch immer nicht gram! Ach, und diese Länge! Diese Länge! Mann, du hast eine Lebenslinie, die ja fast schnurgerade über die ganze Hand hinausläuft! Hab’ Acht! Die Natur hat deinen Lebensfaden doppelt genommen, du wirst noch viel erleben! Die, denen du jetzt dienst, denen wirst du später nicht mehr dienen! Sie werden dich und du wirst sie verlassen – wirst aber gute und geruhige Tage haben, wirst steinalt werden.

Dummheit! fuhr Grimm die Alte an. Wenn ich weiter nichts haben soll, dann würde ich am Ende auch so eine Schönheit wie du werden, so eine Vogelscheuche und Nachteule!

Ei, warum hast du dich denn nicht lieber jung henken lassen? fragte die Alte.

Komm her, prophezeie einmal einer Jungen, aber ich sage dir, Alte, was Gescheidtes! rief Grimm.

Mit raschem Griff erfaßte er eine frische junge Frau, die er zu kennen schien, und zog die Widerstrebende ohne Umstände in den Kreis der Zuschauer. Still gehalten, Frau Schmidtin! Nicht gemuckst, Hand auf! Wenn dein Mann da wäre, dein alter Böhmack, der würde sich freuen – wer weiß, ob dieses alte Teufelsgehänge da nicht deines Mannes Großmutter ist? Ist auch so vom Walde herüber geweht, dein Schmidt, wie diese da, – kein Mensch weiß, wo er eigentlich her ist – doch will er ja aus dem Zigeunerlande Böhmen sein, aus Hirschberg. – Wir sind nicht aus Böhmen, Herr, nahm ein junges braunes Weib, das sich nahe bei der Alten hielt, das Wort: Wir stammen aus Aegypten!

Ach, wollt unser einem doch nicht solche Dummheiten aufbinden! rief Grimm. Ich will’s euch besser sagen, ihr Diebs- und Lumpengesindel, wo ihr her seid! Aus des Teufels Kotze seid ihr gehüpft! Nun geschwind, geschwind, Schmidtin! Schönes Heldburger Stadtkind! Holdeste weiland Jungfrau Grätzer – ach, es war das schönste Mädel weit und breit! Laß dir wahrsagen!

Mit großem Widerstreben bot endlich die junge Frau der Alten ihre Hand, und diese murmelte nach einer Pause: Wirst noch Mancherlei durchzumachen haben, schönes junges Weib! Wirst aber stets dabei flink auf deinen Füßen sein! Wirst in einem großen Hause wohnen, aber das Haus wird nicht dein sein! Ein fremder Herr wird kommen, den Niemand kennt, der kann dich glücklich und zufrieden machen! Mußt aber immer treu sein – treu wie Gold und mußt noch eine große Kunst lernen, die wenig Weiber können, ach, die ist Goldes werth, du liebes Kind!

Und welche Kunst denn? fragte schüchtern die junge Frau.