Die Herrschaft war ausgestiegen und hatte ein Zimmer genommen, die Prinzessin und das Kind waren tief verschleiert. Sie zogen sich gleich darauf in ein zweites Zimmer zurück und verschlossen dasselbe. Ludwigs Blicke suchten Angés, er fand sie nicht, der alte Kammerdiener Jacques grüßte ihn freundlich und sprach: Freut mich, freut mich, Herr Leonardus, Sie wieder so frisch zu sehen, hätt’s nicht gedacht, daß Sie sich so schnell erholen würden. Waren doch recht herunter! Die verdammten Hunde die – werden auch noch ihren Lohn bekommen! Ist doch nicht eine Spur von den Canaillen zu entdecken gewesen!
Ludwig erwiederte nichts, er sah, daß ihn jener Mann, den er nie zuvor gekannt, für Leonardus hielt. Wie er sich umwandte, stand Angés hinter ihm, faßte seine beiden Hände und sah ihn dabei so innig, so flehend an, – hätte er ihr auch auf den Tod gezürnt, er hätte ihr um dieses Blickes willen vergeben müssen.
Sieht er nicht wieder trefflich aus, unser guter Herr Leonardus? fragte der Kammerdiener Angés. – Ja ja, hat sich recht erholt. Sie lächelte schmerzlich über den Irrthum des guten alten Mannes, und dem Grafen klopfte ängstlich das Herz. Was sollte er thun? Sollte er hier, bei diesem flüchtigen Begegnen, der Freundin die herbe Todesnachricht mittheilen? Sollte er ihr dieselbe mitgeben auf den langen weiten Weg, wo sie Niemand hatte, der mit freundlichen Worten des Trostes heilenden Balsam auf ihr wundes Herz legte? – Aber durfte er es ihr denn verschweigen, durfte er die Grüße des sterbenden Freundes, die ihm aufgetragen waren, unterschlagen? – Der Kampf war bitter, der in ihm rang – Angés’ Worte unterbrachen denselben: Lieber Freund! Seine Hoheit, der Prinz, lassen bitten! Ohne Ceremonie – die wäre hier nicht am Ort! Ohne Verzug, denn jede Minute ist kostbar!
Sie zeigte auf die Thüre des Zimmers, in welches die fremde Herrschaft eingetreten war. Ludwig ging hinein, der Prinz trat ihm freundlich entgegen und verriegelte sogleich die Thüre.
Was sie hier miteinander besprachen, ob dem Grafen das Glück zu Theil wurde, die junge Dame wieder zu sehen, die ihn als kleines geistvolles Mädchen zu Doorwerth entzückt hatte, – ob er die Prinzessin gesprochen, die sich dieses Kindes jetzt mit so großer Liebe angenommen zu haben schien, und welche von Angés als Gesellschafterin auf dieser eiligen Reise aus dem deutschen Süden in den fernen Norden begleitet wurde – darüber können wir nichts berichten.
Tiefer Ernst lag auf des Grafen Zügen, als er aus dem Zimmer des Prinzen trat. Die Wagen waren neu bespannt, die Reisenden hatten eine Erfrischung eingenommen, sie traten rasch aus dem Hause, stiegen ebenso rasch ein, – Ludwig war ehrerbietig zur Seite getreten. Als Angés folgte, drückte er ihr noch einmal mit allem Gefühle die Hand, und sagte ihr nichts, als: Angés! Wir sehen uns wieder! Der alte Kammerdiener, seinen Sitz einnehmend, sprach noch aus dem Wagen heraus: Leben Sie recht wohl, mein Herr Leonardus! Es hat mich sehr gefreut, Sie so wohl zu sehen! – Dort rollten die Wagen hin, der Prinz bog sich tief in den Grund zurück, Angés grüßte ihn noch einmal aus dem Schlage mit dem wehenden Tuche. Ludwig stand wie betäubt.
Am Abende dieses Tages saß er noch lange und schrieb mehrere Briefe, einen an die Großmutter, in welchem er ihr Nachricht ertheilte über seine jüngsten Erlebnisse; einen anderen an Windt, einen dritten nach Amsterdam an Leonardus Mutter – eine für ihn doppelt schmerzliche Aufgabe, als deren Sohn die Erlebnisse seiner Reise im Sinne und Geist des verklärten Freundes ihr zu schildern. Einen schmerzlichen tiefempfundenen Brief schrieb er ferner an seine mütterliche Freundin in England, die jetzt auf dem Lande, zu Castle Chatsworth wohnte. Eine Stelle in diesem Briefe lautete: »Mein Leben, o meine innigstverehrte Freundin, ist fast nichts als eine Kette der schmerzlichsten Trennungsstunden, deren jede einzelne mir, ich fühle es, ein Stück vom Herzen reißt. Und was bleibt mir zuletzt? Muß ich nicht fürchten, am Ende ganz einsam zu werden? Wie soll ich dem Leben und den Menschen ein Herz bieten, wenn das Leben und die Menschen mir mein Herz so grausam nehmen? Ist es nicht hart, in so jungen Jahren schon so viel Leid tragen zu müssen? Meine Kindheit, meine Knaben- und Jünglingsjahre flossen ungetrübt dahin; auf einmal nahte mir, ein Blitz aus heiterem Himmel, die Bitterkeit der Welt, ihr Wehrmuthbecher war so mit herber Säure gemischt, daß ihre Wirkung mir das Herz zusammenschnürte. Im Paradiese war ich und wußte es nicht, eine einzige böse Stunde, und ich war aus ihm, verstoßen, nicht ohne meine Schuld! O, wie jener Gedanke an meinen unseligen Fluch mich quält, der mir selbst zum Fluche wird! Immer stehen vor meiner Seele jene drei Gemälde Wouwermann’s, welche das Wohnzimmer der Großmutter in ihrem Hause zu Hamburg schmücken. Das eine, Schloß Varel, mit einer Gruppe fröhlich von der Hühnerjagd heimkehrender Jäger, mit Gewehren, Hühnerhunden, ein buntes fröhliches Gewimmel. Auch ich kehrte einst fröhlich und heiteren Muthes unbefangen dorthin zurück, ein junger frischer Weidmann mit reichlicher Jagdbeute für der Großmutter Küche. Am andern Tage erfolgte der Abschied von ihr, der theueren Greisin, und der Sohn des Hauses sah dieses Haus mit dem Rücken an. Neben Schloß Varel hängt Schloß Kniphausen, von demselben Meister. Hier ist es eine Gesellschaft edler Damen und Herren zu Roß und zu Fuß, die mit Falken zur Reiherbeize ausziehen. O, wie tief hat sich mir jener Tag in die Seele geprägt, immer denke ich des Falken von Kniphausen, des Wunderpokals, den ihre Lippen für ewig weihten! Dieses Kleinod möchte ich besitzen und sonst kein anderes in der Welt, nicht die Diamanten der reichsten Krone! Was war mein Glück? Wie heißt es? Scheiden und Meiden.«
»Und neben dem Bild von Kniphausen hängt das von Schloß Doorwerth, von der Rheinseite aus betrachtet; im Vordergrund der Strom, zur Seite das Fährhaus, in der Tiefe das stattliche mächtige Kastell mit seinen Thürmen, Basteien, Schießscharten und der Zugbrücke. Kriegerisch blickt es auf die flache Landschaft nieder, und so hat der Meister auch nach der ihm eigenthümlichen Weise den Vordergrund belebt; ein Schiff liegt am Uferbord, Kriegergruppen tummeln sich dort umher zu Fuß und Roß, eine Schanze wird aufgeworfen, es ist die Dünenschanze. Erlebte ich dort nicht des kriegerischen Wesens genug? Mußte ich nicht auch dort scheiden von Seelen, die mein Herz im Stillen liebte?«
»Und ein viertes Schloß, davon ich kein Bild kenne außer demjenigen, welches in meinem Innern in glühenden Farben prangt, das nicht in Friesland liegt, nicht in Holland, wie war es dort so schön, wie umblühte es der holdeste Zauber der allliebenden Natur, zwei Gestalten wandeln auf diesem Bilde – und was nahm ich mit hinweg? Wieder den tiefsten Schmerz einer Trennung. Trennung, und immer Trennung, so wird es fortgehen, bis ich ganz allein stehe, ich werde keine Seele, die ich liebe, mehr um mich haben, ungenannt, ungekannt wird das dunkle Leben des Dunkelgrafen verklingen, der durch das Leben seinen Schatten trug. Vom wackersten Freunde mußte ich zuletzt mich trennen, den geliebtesten Freund mußte ich begraben, glauben Sie mir, theuerste Freundin, daß ich stets zittere, wenn mein treuer Philipp mir Briefe bringt. Wird nicht wieder eine Todesnachricht darin stehen? denke ich jedesmal. So verfolgt mich mein dunkler Schatten, die Nacht meiner Gedanken, wie Andere mein unseliger Fluch verfolgt! Haben Sie Acht, was Alles noch wahr wird! Und erst heute, ein Wiedersehen, an dessen nächste Secunden abermals eine Trennung sich knüpfte. Körperlich bin ich gesünder geworden, geistig leide ich mehr als je. Ich habe kein Lebensziel, mein Dasein hat keinen würdigen und erhabenen Zweck, das ist ein Unglück, ich selbst kann mir keinen schaffen, das ist ein noch größeres! Aber ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, einen zu finden, und sollte ich ihn weit, recht weit suchen.«
»Leben Sie tausendmal wohl, und froh und reich und glücklich! Ich erwarte auf diesen verworrenen Brief keine Antwort, aber streuen Sie aus der Ferne die frommen Blumen Ihres Segens auf den umdunkelten Lebensweg Ihres