Es stand ein großer grüner Tisch im Zimmer, fünf Polsterstühle umstanden denselben. Die Reichsgräfin ließ sich auf dem Sessel am oberen Ende dieses Tisches nieder und blätterte in einigen vor ihr liegenden Actenheften. Die Thüre ging auf, die Herren traten unter Verbeugungen ein; es waren der Hofrath Brünings, der Rath Melchers, der Secretär Wippermann und der Haushofmeister Windt, der immer noch den alten Titel hatte, der aber zu Dem, was er wirklich leistete und geleistet hatte, wenig paßte.

Ich grüße Sie, meine Herren! Wollen Sie gefälligst Platz nehmen! sprach mit leisem Neigen ihres Hauptes die alte stolze Herrin, und als ihrem Winke Folge geleistet worden war, redete sie fest und wie ein Mann die Anwesenden an: Nach langer, sehr langer Unterbrechung sehen wir uns heute wieder vereinigt, um Unterhandlungen und Verträge aufs Neue aufzunehmen, deren völliger Abschluß stets durch unverhoffte Widerwärtigkeiten hinausgeschoben und verzögert wurde, von denen die wichtigste die langwierige Haft meines geliebten ältesten Enkels, des regierenden Herrn, war. Nach unsäglicher Mühe, die wir es uns kosten ließen, durch Verwendungen bei Gott und der Welt, ist es mir endlich gelungen, den Erbherrn frei zu machen und ihn den Seinigen zurückzugeben, was nimmermehr geschehen wäre, wenn ich nicht Himmel und Hölle beschworen hätte, denn ich muß es immer sein, die in meiner Familie handelt. Mein zweiter Enkel ist nach England übergesiedelt und hat mit seinem Vetter William, dem Vice-Admiral, Separatverträge abgeschlossen. Höchst erwünscht wäre für uns die Anwesenheit meines ältesten Enkels, der uns nahe genug ist, aber ihn hindert das schwere Kranksein seiner Gemahlin, hier zu erscheinen; und da drüben das Aeußerste zu befürchten ist, so würde es zwecklos sein, unsere Berathung auf die nächste Zeit zu verschieben. Ihnen Allen ist bekannt, wie es der lebhafteste Wunsch meines ältesten Herrn Enkels war und ist, sich im Besitz der Herrlichkeit Doorwerth zu sehen, wie hier mein getreuer Herr Windt Alles aufgeboten hat, im beiderseitigen Vortheil zu handeln und beiderseitigen Wünschen zur Erfüllung zu verhelfen. Es war Alles im besten Gange, mein Enkel bot willig aufs Neue die Hand zu gütlichem Vergleich, er machte selbst eine Anzahlung, da hemmt seine unglückliche Haft wieder Alles, Vergleich, Verträge und fernere Zahlungen. Und doch, meine Herren, wenn jetzt kein Vergleich in aller Form Rechtens zu Stande kommt, dann kommt ein solcher zwischen mir und meinen Enkeln nie zu Stande, denn ich fühle es, ich bin zum Letztenmale hier in Varel und mein Leben neigt sich rasch zu Ende – ist es doch ein Wunder, daß der altersmorsche Bau so lange ausgedauert hat. Hören Sie den entsetzlichen Sturm draußen, meine Herren? So heftige Stürme im Innern, im Gemüthe haben mich gar oft durchschüttert, endlich bricht der Damm, endlich fluthet die letzte Düne in der wild brandenden Wirbelwelle des Lebens dahin! Sagen Sie, bester Herr Rath Melchers, dem Bevollmächtigten meines ältesten Enkels Herrn Hofrath Brünings die neu zu Papier gebrachten Vergleichsbedingungen, und Sie Herr Secretär Wippermann, nehmen Alles genau zu Protocoll. Sie, mein lieber Windt, theilen dann den geehrten Herren das Weitere mit, und dann berathen Sie gemeinschaftlich, während ich mich zurückziehe, allseits nach bester Einsicht.

Die Reichsgräfin erhob sich, und ging mit festen Schritten aus dem Zimmer in das anstoßende Gemach.

Melchers that wie ihm geheißen war; er las aus einer Schrift die Vergleichsbedingungen vor, welche mannichfache Abänderung erfahren hatten, und jetzt in der Kürze folgenden Inhaltes waren: Alle Processe sollten ab sein für immer, alles vorhergegangene Unangenehme gegenseitig vergeben und vergessen, alle gegenseitigen Ansprüche sollten fallen, wechselseitiges Vertrauen, Freundschaft und vollkommene Eintracht sollen künftig in der hohen Familie herrschen. Doorwerth solle noch bei Lebzeiten der Frau Reichsgräfin Excellenz an den Erbherrn abgetreten werden, dagegen der letztere jene Summe zahlen, welche namhaft gemacht worden, nämlich 150,000 holländische Gulden in näher zu bestimmenden Terminen, 14,000 Reichsthaler in Gold jährlich und bis 2 Jahre nach dem Tode der Reichsgräfin an deren Miterben für den Besitz der deutschen Güter ebenfalls in den bisher gewöhnlichen Terminen, und über diese Summe solle der Frau Reichsgräfin Excellenz die Verfügung völlig frei stehen, ebenso wie über ihren sämmtlichen Hamburgischen Nachlaß, jedoch mit Ausnahme jener Edelsteine, die Fideicommißgut des reichsgräflichen Hauses seien, was sich von selbst verstehe und nur angeführt werde, damit nach Illustrissimä Ableben gar keine Handhabe zu irgend neuen Zwiespalten zu finden sei, und nach so manchem traurigen Zerwürfniß hinfort Alles ehren- und standesgemäß verhandelt werde.

Es sind dies, nahm Hofrath Brünings das Wort: dieselben Artikel, mein verehrter Herr College Melchers, zu welchen sich meines gnädigen Herrn Grafen Excellenz in meinem Beisein verpflichtet haben.

Und zu deren Aufsetzung auch ich das Meinige gethan, sprach Windt, um Ihre Hochreichsgräfliche Excellenz die Frau Großmutter zu überzeugen, daß es auf keine längere Verzögerung abgesehen ist von Seiten des regierenden Erbherrn.

Es würden demnach, nahm Brünings das Wort, in die Vergleichs-Artikel einzuschalten sein die Bedingungen, daß, unter Vorbehalt der Erfüllung alles Zugesagten, die Frau Reichsgräfin Excellenz ihrem Herrn Enkel die Herrlichkeit Doorwerth mit aller Zubehör zum eigenthümlichen Besitz übertrage und gänzlich cedire, wie ich bitten muß, mit den bestimmt ausgedrückten Worten: daß wir zum Behufe unsers Enkels, des hochgeborenen Herrn, und so weiter, und seiner Erben zum vollen und vollkommenen Eigenthum cedirt und übergeben haben, cedirt und übergeben, kraft dieses Instrumentes, unsere hohe und freie Herrlichkeit Doorwerth; auch ferner wörtlich den Passus, daß inmittelst Seine Hochgeboren der regierende Herr Graf in Ansehung aller so Feudal- als Allodial-Güter handeln könne nach seinem Wohlgefallen.

Ich weiß doch nicht, hochverehrtester Herr College, sprach hierauf der Rath Melchers: ob man wohl thut, diese Sache so zu beschleunigen? Wozu Eile in Rechtssachen? ist ein alter Spruch. Mir leuchtet der zwar jetzt von mir vorgetragene, aber von Ihnen entworfene Plan und Modus durchaus nicht ein, und ich würde meiner gnädigsten Gebieterin ebenso wenig anrathen können, die von Ihnen, Herr Hofrath, so eben angeführten Stellen wörtlich in den Vergleichs-Vertrag aufzunehmen, bevor nicht wirklich statt der nur erst angezahlten zwanzigtausend Mark Hamburger Banco die erstbedungene Zahlung von fünfzigtausend Gulden völlig und baar entrichtet worden ist; denn die Hauptfrage bei diesem Geschäft bleibt doch immer die: Kann des gnädigen Herrn Grafen Excellenz zahlen oder kann Hochderselbe nicht zahlen?

Wenn er nicht zahlen könnte, mein verehrter Herr College, entgegnete Hofrath Brünings, indem er mit einiger Raschheit eine Priese nahm: so würde Hochderselbe sich nicht zur Zahlung verpflichten!

Ihr Wort in Ehren, bester Herr College, versetzte Rath Melchers sehr ruhig. Nehmen Sie um des Himmelswillen nicht, was ich sage, und im Namen, wie im Interesse meiner hohen Gebieterin äußern muß, selbst wenn Hochdieselbe mir diese Bemerkungen nicht auftrug, nehmen Sie dies in keiner Weise persönlich; ich hege ja gegen den gnädigen Erbherrn die großmöglichste Verehrung. Aber sagen Sie selbst, wollen und können Sie es verhehlen, daß derselbe arm ist? Hatte er nicht allen Credit verloren schon vor seiner Gefangenschaft? Hat ihm nicht, wie Freund Windt mir bestätigen wird, der eigene Bruder jede Hülfe abgesagt, ebenso der beste Freund, Graf Grovestein? Ebenso der hohe Verwandte, der Herzog von Portland? Und nur ein Kaufmann aus Amsterdam war es, der dem jungen Herrn damals die Summe von fünfzigtausend Gulden zur Verfügung stellte, mit der dieser ebenso großmüthig als unbedachtsam dem Erbherrn zu helfen glaubte, damit aber nur Wasser in die Zuider-See goß! Nie wird diese Summe, die, statt ganz auf Doorwerth angelegt und angezahlt zu werden, für politische Gaukeleien zersplittert wurde, zurück bezahlt werden können, denn sie wird ja nicht einmal verzinst.