Herr! fuhr Hofrath Brünings auf: Nennen Sie den edelsten Patriotismus, die heilige Vaterlandsliebe in der Brust eines wahrhaften Edel- und Ehrenmannes, eine politische Gaukelei?

Ereifern Sie sich nicht, geehrter Herr! erwiederte Melchers, ein schon ziemlich bejahrter Mann mit einem vollen gemüthlichen Gesicht, das zu dem feinen, spitzen und hohlwangigen Antlitz des Hofrath Brünings einen sehr angenehmen Gegensatz bildete: wir sind nicht hier, um uns über politische Ansichten zu streiten. Ich bekämpfe nicht die Ihrigen, und will die Meinen nicht bekämpfen lassen. Gaukelei im erwähnten Sinne nenne ich jedes Unternehmen und jede That auf dem politischen Gebiete, die der Welt unnütz sind und dem, der sie ohne Voraussicht, ohne Ueberlegung beginnt, nur Schaden und nicht den mindesten Nutzen bringen.

Für Leute solchen Schlages, warf Brünings voll sittlicher Entrüstung und tiefer Verachtung hin: gibt es keine Mannestugend, keine Vaterlandsliebe, keine Aufopferungsfähigkeit; ihnen schlägt nie das Herz in der Brust unruhiger beim Unglück ihres Volkes, beim Jammerruf der geknechteten Menschheit, sie verschließen ihr Ohr der Wehklage um die hingemordete Freiheit und dem Rufe der Sturmglocken bei der Noth des Vaterlandes!

Mit Absicht verschließe ich nie mein Ohr, hochgeschätzter Herr College, versetzte Melchers mit heiterer Ruhe; aber ich frage Sie, war etwa unser Vaterland in Noth, als die Unterthanen in den hiesigen Herrlichkeiten keine Steuern mehr geben wollten? War das Volk unglücklich, daß es in toller Nachäfferei Frankreichs sich von seiner Herrschaft lossagen und diese womöglich fortjagen wollte? Waren es Weise Griechenlands oder waren es Affen Frankreichs, die im Casino zu Varel auf einmal ihre Hüte auf den Köpfen behielten und einander den Titel Bürger beilegten? Doch genug, bester Herr College, über dieses in der That affreuse Kapitel.

Ich bitte, meine Herren, nach dieser interessanten Abschweifung wieder zurück und auf unser Hauptthema zu kommen, ermahnte Windt die Streitenden mit ironischem Lächeln. Wir werden hier am friedlichen Jahdebusen nimmermehr auskämpfen, was im Weltmeer der Geschichte gährt und streitet. Wir Deutsche sind überhaupt niemals unpolitischer, als wenn wir ins Politisiren hineingerathen. Herr Kammerrath Melchers also sind der Ansicht, daß des regierenden Herrn Grafen Excellenz nicht die Mittel finden werde, zur rechten Zeit oder überhaupt jemals Zahlung leisten zu können?

Die Sache steht so, erwiederte Melchers: die an Ihre Excellenz die Frau Reichsgräfin zu zahlende Summe beträgt einhundertundfünfzigtausend Gulden, davon sollen im ersten Termine acht Wochen nach Unterzeichnung und Austausch der Contracte, fünfzigtausend Gulden angezahlt werden, mit Ingebriff der bereits angezahlten zwanzigtausend Mark Hamburger Banco. Acht Wochen später und zwar nach erfolgter Uebergabe der Herrlichkeit Doorwerth soll der zweite Termin nicht mit der gleichen Summe, sondern mit hunderttausend Gulden erfolgen, und außerdem soll der Erbherr, innerhalb der ersten acht Tage, in denen er im Besitz der Herrlichkeit ist, der hochgräflichen Frau Großmutter eine bündige Obligation auf fünfundzwanzigtausend Reichsthaler in Gold behändigen.

Eine Obligation, nahm Brünings hastig das Wort, welche der gnädige Herr sehr gut ausstellen kann, da ausdrücklich bedungen ist, daß diese Summe nicht verzinst, auch weder von der Frau Gräfin selbst, noch von einem sonstigen Besitzer baar eingefordert werden kann und soll, bis sich günstigere Finanz- oder besondere Glücksumstände ereignen.

O weh, Herr College! rief Melchers. Bauen Sie auf solchen Grund den Palast Ihrer Hoffnungen? Auf Finanzverbesserungen hoffen Sie? Ich sehe in der Zukunft nur Verschlimmerungen! Oder auf Glücksumstände? Da thun Sie mir leid, das sind die trüglichen Hoffnungen eines Spielers! Bedenken Sie doch selbst als erfahrener Finanzmann, denn in Ihrem Fach sind Sie nicht so unpraktisch, wie in Ihren politischen Ideen, was ist die Obligation eines Mannes werth, der insolvent ist? Wer bürgt für ihn? Auf welche Besitzungen kann er erste Hypotheke geben? Wo fließen ihm außergewöhnliche Einnahmequellen? Und das Alles in einer Zeit, in welcher Niemand sagen kann, daß sein Vermögen gedeckt und gesichert sei, und seine zeitlichen Umstände nicht schneller Umwandlung erliegen? Möglich ist Alles, und es wird ja genugsam auf den Umsturz hingearbeitet. Dann sind wir die längste Zeit Herren in den Herrlichkeiten gewesen. Dänemark greift zu und vereinigt dieses Land mit Holstein.

Nun denn, sprach Brünings: wenn es so steht, daß an die Stelle erwarteten Vertrauens das offenbare Mißtrauen tritt, wenn statt bedachter Klugheit die Klügelei vorwaltet, dann rathe ich und muß ich rathen, mit dem Vergleich und dem Verkaufs-Geschäft noch zu warten, und Alles einer sich ruhiger gestaltenden Zukunft zur weiteren Entwickelung anheim zu geben.

Concedo, mein werther Herr College! rief Melchers: dacht’ es gleich, daß wir uns einigen würden; inzwischen wird wohl für meine hochgnädige Gebieterin das Beste sein, die Güter, wie ganz in der Ordnung, und wie es auch billig ist, lieber an sich zu behalten, als sie so auf ein Gerathewohl hinzugeben; darum denke ich, meine Herren, wir machen Schicht!