Ihr Kind? fragte die Reichsgräfin.
Nicht vor dem Auge der Welt, vor dem Ihren aber unverschleiert, war Ludwig’s Antwort.
Ist das hohe Paar nicht vermählt? forschte die Reichsgräfin weiter.
Wohl sind sie vermählt, diese einander so heiß und feurig liebenden Herzen, ich selbst war Zeuge, es geschah nach der Ankunft Seiner königlichen Hoheit des Herzogs in Petersburg in stiller Abendzeit, in einer katholischen Kapelle, wo auch das Kind die Weihe der Firmung empfing. Aber sie haben beschlossen, ihre Vermählung noch als ein Geheimniß zu bewahren, bis zu einer günstigeren Zeit, bis die beiderseitigen Verhältnisse sie sicherer stellen, und es sollen die nächsten Angehörigen nicht mehr erfahren, als was sie bereits wissen, daß nämlich der Herzog und die Prinzessin einander in untrennbarer Liebe angehören. Ueber die holde Tochter soll noch, zu deren eigener Sicherheit, das tiefste Schweigen beobachtet werden.
Nun denn, das Alles ist mir lieb zu hören, sagte die Gräfin: und so bitte ich dich, die Prinzessin mit der Tochter zu mir einzuladen. Jedenfalls weilt sie hier doch incognito?
Sie hat den Namen einer Gräfin von Clermont angenommen, versetzte Ludwig.
So gehe und führe sie zu mir, da ich heute noch einmal einen guten Tag habe, lange wird es nicht mehr dauern, und du, mein liebes Kind, entferne dich nicht allzuweit, daß ich dich kann rufen lassen, wenn der Genius mir die Fackel umstürzt. Noch einmal fesselt dich die alte Großmutter, die dich so lange mit Fesseln der Liebe hielt, an ihr Sterbebette, dann bist du ganz frei und die weite reiche Welt ist dein.
Die reiche Welt, sprach Ludwig bewegt: gibt mir doch nicht, was ich bedarf, wonach mein Herz und mein Seele dürstet – Liebe!
Harre und hoffe! dir kann noch das höchste, das reinste Glück der Liebe erblühen. Wer mit fünfundzwanzig Jahren schon die schönsten Rosen seines Lebens abgepflückt hat, der hat sich selbst beraubt. Spare dich auf, ich sage dir, Ludwig, du wirst noch viele beglückte Tage sehen.
Der Graf ging und einige Stunden später befand sich die Prinzessin und das liebliche Kind im Zimmer der Reichsgräfin. Als die gewöhnlichen Formeln der Höflichkeit gewechselt waren, klingelte die Gräfin ihrer Kammerfrau und sprach zu der Eintretenden: Zeigen Sie doch der jungen Comtesse die Gemälde und die kleinen Raritäten im grünen Salon, den meine Freunde scherzhafter Weise immer mein »grünes Gewölbe« nennen.