»Das Reich ist noch nicht ganz einig, erst im kommenden Herbst soll die Frucht der Harmonie reifen; wenn sie sich nur nicht spalten, wie ein Granatapfel, der unzeitig vom Stamme fällt.«
»Vom Erbherrn ist Nichts zu hören, Nichts zu sehen, nur unverbürgt habe ich vernommen, daß er bei seinem letzten Aufenthalt in Varel den Prinzen von la Tremouille und Talmont zu sich dorthin habe kommen lassen.«
»Nachträglich noch eine, mir erst kürzlich zugekommene neue Märe, die ich aber durchaus nicht gesagt haben will. Die Ihnen, Herr Graf, wie mir gewiß unvergeßliche verewigte Frau Erbherrin ist vergessen und alle Liebe der Demoiselle Sara Gerdes, vormals Kammerjungfer, dann Kammerfrau der hochseligen Erbherrin, dermalen zum Range einer Schloßverwalterin zu Varel erhoben, zugewendet worden, welche die Ehre genießen wird, die Stellvertreterin einer Ottoline zu werden. Dieses nicht mehr junge Mädchen stammt aus Bockhorn, das, wie Ihnen genugsam bekannt ist, zwischen Varel und Kniphausen liegt, und der Großvater derselben zählte zu den Hörigen der Herrschaft, der Vater aber ist jetzt ein freier Landbebauer. Was sagen Sie dazu?«
Diese Meldung erschütterte den Grafen Ludwig sehr; als er allein war, rief er fast in Verzweiflung aus: Mein Fluch, mein Fluch! Welche Dämonen habe ich heraufbeschworen über das Haus, dem ich entstamme! – Nun sehe ich, wie sich Alles, Alles erfüllen wird, der dauernde Hader, die Zwietracht, die Verachtung, die Verarmung, Alles, bis auf den letzten Punkt!
Sich zu zerstreuen, ging er hinunter in die Wohnung seines Hausmanns, des Apothekers, der ein sehr unterrichteter und dabei jovialer Mann war. Es war Gewohnheit der vornehmeren Einwohner des Städtchens, sich Sonntag Vormittags zu einem Glase Wein in der Apotheke einzufinden, und die Weinstube hatte dadurch, daß auch der fremde Herr, der im Hause wohnte, dieselbe besuchte, einen neuen Reiz gewonnen, zumal Ludwig sich eine Menge solcher Zeitungen des Auslandes kommen ließ, von denen sonst nie ein Blatt nach Ingelfingen gedrungen wäre. Erfuhren auch die Herren nicht, was sie für ihr Leben gern gewußt hätten, wer eigentlich dieser vornehme, zurückhaltende schöne Mann sei, so sahen sie doch seine Persönlichkeit in ihrer nächsten Nähe, sahen, daß ihm der Wein nicht minder mundete wie ihnen, und hörten ihn gern sprechen, wenn er über die Ereignisse der Zeit über die Hoffnungen und Befürchtungen in politischer Beziehung sich äußerte. Auch hatte der Postmeister der Gesellschaft vertraut, der fremde Herr empfange fast mehr Briefe, als der erste Kaufmann von Ingelfingen. – Sophie beschäftigte sich stets in Gegenwart ihres Kammermädchens, wenn der Graf ihr nicht Gesellschaft leistete, mit leichter weiblicher Arbeit, oder las gute französische Bücher, übte sich auch bisweilen im Deutschen, worin jedoch ihre Fortschritte nur langsam waren; besonders fiel das Nachmalen der deutschen Schrift ihr schwer. Manche stille Thräne weinte sie um die dahingeschiedene Angés und die Trennung vom Mutterherzen, und ängstlich vermied sie Jemanden zu begegnen; ein fremder Tritt auf der Treppe oder im Vorsaal machte sie erbeben. Philipp ritt oder fuhr während des Aufenthaltes in Ingelfingen fast wöchentlich einmal als Sendbote in das badische Land; denn es wurde ein lebhafter Briefwechsel mit der Prinzessin unterhalten.
Ludwig beschäftigte sich in seinen zahlreichen Mußestunden mit Studien, zu denen seines Hauswirthes Beruf und Büchersammlung den meisten Anlaß bot. Da standen wohlgeordnet die Werke der Koryphäen der pharmaceutischen Wissenschaft neben einander: Göttling, Buchholz, Tromsdorf, Schrader, Wiegleb waren durch ihre Schriften und Almanache für Scheidekünstler vertreten; eine Sammlung von Pharmacopöen, die mit der Schule von Salerno begann und mit der berühmten und allverbreiteten würtembergischen Pharmacopöe abschloß, ließ Einblicke thun in den Geist und in die Fortschritte der pharmaceutischen Wissenschaft und Chemie. Praktische Arbeiten, die nur im Winter vorgenommen werden können, wie die Bereitung und Destillation der Naphten, ja selbst das Pulvern zäher Harze, die nur Winterkälte so hart macht, daß sie zu Staub zermalt werden können von der schweren Wucht der Mörserkeulen, des Gelbanum, die Asa u. a., boten dem Beschauer manches Anziehende dar, nicht minder chemische Experimente, die mannichfach erfreuten.
Der Graf gewann die Achtung Aller, denen Gelegenheit wurde, ihn persönlich kennen zu lernen. Ueber politische Verhältnisse äußerte er sich nur mit großer, fast diplomatischer Vorsicht und vermied absichtlich, als Parteimann zu erscheinen; doch verhehlte er nicht, daß ihm die alte Dynastie Frankreichs lieber war, als die gegenwärtige Regierung, daß er aber noch zur Zeit ungleich mehr die Revolution selbst verabscheue, als ihren muth- und kraftvollen Bezwinger.
Während nun fort und fort die Wißbegierde in Ingelfingen wach blieb, zu wissen, wer der fremde Herr eigentlich sei, ob er nicht, wie Einige muthmaßten, ein französischer Prinz, ja ob er nicht gar Monsieur selbst sei, weshalb ihn auch einige Male der Postmeister Monseigneur anredete, was aber mit guter Absicht von Ludwig ganz überhört wurde, machte ein unseliges Ereigniß dem Aufenthalte des Gegenstandes so vieler heimlichen Fragen und so vielen Kopfzerbrechens zu Ingelfingen ein urplötzliches Ende.
Philipp kam von Ettenheim zurück, mit demselben bestürzten und verstörten Aussehen, wie damals, als er die Botschaft von Angés’ Ermordung überbrachte, und erstattete seinem Herrn einen Bericht, der diesem das Haar emporsträuben machte.
Gnädiger Herr! begann er athemlos: Sie müssen mir sogleich einen sichern Paß verschaffen, daß ich weiter kann! Ich darf keine Stunde hier weilen, ich muß weiter!