Was ist geschehen? fragte Ludwig betroffen.

Was geschehen ist? Herr Gott im Himmel! Unerhörtes und Entsetzliches ist geschehen! Lesen Sie, gnädiger Herr! Damit übergab er seinem Gebieter einen Brief, der in Eile zusammengefaltet und äußerst flüchtig gesiegelt war. Er war von der Prinzessin, und diese schrieb ihm: »Fliehen Sie, Graf, fliehen Sie mit Sophie, weit, so weit als Ihnen möglich ist! Retten Sie die Tochter, da der Vater unrettbar verloren ist. In Verzweiflung schreibe ich diese Zeilen. Der Herzog war gewarnt, treu gewarnt, es war verabredet, daß wir morgen oder übermorgen nach Ihrem Aufenthaltsort eilen wollten, vorher aber sollte eine feierliche Erklärung unserer Verbindung auch vor dem Auge der Welt Geltung verschaffen. Es war bereits ein offenkundiges Geheimniß, daß von Seiten Frankreichs dem Herzog nachgestellt und aufgelauert werde, Schaaren von Spionen trieben sich in dem Städtchen herum, Alles war schon ausgekundschaftet, aber keine Warnung fruchtete und statt zu fliehen, ging der Herzog unbesorgt auf die Jagd; den nächsten Tag erst wollte er die Rathschläge seiner Treuen befolgen. Wie Alles so entsetzlich schnell gegangen, weiß ich selbst noch nicht, ich begreife überhaupt Nichts, als daß wir Alle unaussprechlich elend sind! Es wurde Lärm in der Nacht, die ganze Bürgerschaft rannte auf die Straßen, der scheuslichste Verrath ward geübt worden, der Herzog wurde in seiner Wohnung überfallen und gefangen genommen; der Kirchthurm war von Bewaffneten besetzt, damit Niemand Sturm läute, unter meinen Fenstern sah ich meinen geliebten Gemahl im Morgengrauen auf einem Karren vorüberfahren, von Wachen mit Gewehren und blitzenden Bajonetten umgeben – ach, mir ahnet, ich sah ihn zum Letztenmale! Es mußte ein ganzes Bataillon französischer Soldaten vom Rhein herübergekommen sein, um diesen Landfriedensbruch und gewaltsamen Menschenraub zu verüben. Die Umgebung meines theueren Gemahls war mit verhaftet, – ach, noch einige Tage vielleicht, und unsere Sophie hat keinen Vater mehr! – Ich warf mich in einen Wagen, folgte dem Gefangenen bis nach Straßburg, ich flehte meinen Gemahl sprechen zu dürfen, vergebens, ich sah – ich sprach ihn nicht! Wo sie Henri hinschleppen, weiß ich nicht – nach Paris ohne Zweifel – der Löwe verlangt nach dem Blute des letzten Bourbons! – Gott mit Ihnen – mit Sophie – ich kann nicht mehr – ich bin vernichtet!

Ch.«

Der Graf starrte wie betäubt auf den Unglücksbrief! – So fällt auf mich ein Schlag nach dem andern, sprach er dumpf vor sich hin, doch – ich muß – ich will sie tragen alle diese Schläge, nur Sophie soll sie nicht mitfühlen.

Was hörtest du selbst noch außerdem von dem schrecklichen Unglück, das mir hier gemeldet wird? fragte Ludwig seinen Diener.

Ich lag auf Kundschaft, berichtete dieser, hatte nachgeforscht, wie es um jenen Hallunken stände, den Mörder der guten Angés, und ob er schon gerichtet sei. Hat sich was – gerichtet! Entsprungen war dieser Teufel abermals, entsprungen mit Hülfe seines schurkigen Spießgesellen. Beide waren Spione und verkleidete französische Gensd’armen gewesen. Ich hatte mich etwas unkenntlich gemacht, entdeckte richtig den Einen unter den Herumtreibern und ließ ihn nicht wieder aus den Augen; ich kochte vor Wuth und Grimm gegen diesen verruchten Menschen, wo er hinschlich, schlich auch ich hin, stellte mich so, daß er mich nicht gewahrte, ich aber ließ ihn nicht aus den Augen, die ganze Nacht nicht. Ich schwur es mir zu, Beide zu verderben, oder mindestens den von ihnen, der in meine Hand fallen würde. Wohl merkte ich, daß das Volk Etwas vorhabe, aber was, darum bekümmerte ich mich nicht. Er war bei der Schaar, die in der Nacht des Prinzen Haus umzingelten, gegen Morgen hörte ich in meinem Versteck plötzlich lautes Rufen, der Prinz wurde gefangen genommen, die Wachen umringten ihn, er wurde auf einen Karren gesetzt und durch den Ort geführt, ich schlich mich nach und hatte mir meinen Mann gut gemerkt. Der Morgen kam herauf, es ging auf eine Mühle zu, nahe der Stadt vorbei, die dicht umbuscht war; der Ettenbach, der diese Mühle trieb, rauschte stark und gewaltig, angeschwollen vom geschmolzenen Schneewasser des Schwarzwaldes. Schon verzweifelte ich am Gelingen meines Vorhabens, denn mitten aus der Compagnie konnte ich mir meinen Mann nicht herausholen. Alle meine Gedanken schossen hinter ihm drein, als wollten sie ihn fesseln, und ich glaube, sie haben ihn gefesselt; denn auf einmal blieb Clement Aboncourt zurück, um an seinem Tornister etwas zu ordnen. Niemand war in der Nähe, die Gefangenen sind in das Mühlhaus geschleppt worden, die Bedeckung blieb davor. Dicht unterm Damm, auf dem der Weg hinläuft, wälzt sich die rasche Fluth dem Rheine zu. Der Spion war in meiner Macht. Ein Wurf meiner längst bereit gehaltenen Schlinge, wie nach einem Pferd auf unseren Marschen, ein Ruck – und mein Mann stürzt’ rückwärts nieder – ich auf ihn los! Bist du’s, vermaledeiter Satan und Mordgeselle! Ich schau’ ihn an, er war’s, er verdrehte die Augen, er zappelte und schlug mit krampfhaft geballten Fäusten nach mir. Ich stieß ihn in den brausenden Waldbach, und die Wellen thaten hohe Freudensprünge, als der Hallunke hinabflog, seinen Tornister warf ich gleich hinterdrein ihm auf den Kopf. So hat doch einer seinen Lohn, denn der blieb unten; ich lief eine Stunde dem Mühlenbach entlang, um zu sehen ob er wieder auftauche, aber der wohlverdiente Strick hat ihn daran verhindert.

Ludwig wandte sich schaudernd ab.


5. Verschiedene Nachrichten.