Sophie, entgegnete Ludwig: mich schmerzt, was Sie mir erwiedern, obschon ich weiß, daß Sie mich nicht durch Ihre Worte verwunden wollen. Wenn auch die Verhältnisse Ihnen die tiefste Zurückhaltung und Verschlossenheit der Welt gegenüber als eine schwer zu tragende Fessel auferlegen, so dürfen Sie doch mir gegenüber sich frei und offen äußern, denn Sie wissen ja, fügte er, um den Ernst seiner Rede zu mildern, im leichten scherzenden Tone hinzu: daß Sie nicht meine Untergebene, sondern meine Gebieterin sind. Daher dürfen Sie Ihr Verhältniß zu mir nicht so nehmen, als seien Sie ein willenloses Lamm oder ein Opfer der Politik, nein, im Gegentheil, ich werde Nichts unternehmen, in das Sie nicht willigen, da ich im Voraus weiß, wie Ihre klare Einsicht Ihnen sagt und Ihr Gefühl Ihnen sagen wird, daß ich nur an Ihr Heil sinne und denke.

Gewiß, dies fühle ich lebhaft, lieber Graf! versetzte Sophie: und ich will mich bessern; da nun aber meine geliebte Mutter befiehlt, so glaube ich, gehorchen zu müssen, wenn Ihre Meinung damit übereinstimmt. Sie müssen wissen, Graf, ob von dem Erbieten Seiner Majestät des Kaisers von Rußland etwas Günstiges für uns zu hoffen ist; nur das Eine erlaube ich mir zu bemerken, daß, wenn der zugesicherte Schutz eben in einem Aufenthalt im russischen Reiche, auf einem der Kronschlösser oder zuletzt gar in einem russischen Kloster bestehen sollte, ich sehr dafür danke. So lebhaft hat Rußland mich nicht angezogen, und so sehr hat es mir selbst in Sanct Petersburg nicht gefallen, daß ich den Wunsch fassen könnte, in Rußland meine Tage zu verleben. Ich bin in Deutschland geboren, und wenn sich mir auch für die Zukunft das Vaterland meiner Eltern verschließt, so will ich doch ungleich lieber in Deutschland wohnen, als in irgend einem andern Lande, denn Deutschland gefällt mir und ich liebe es.

Wir wollen, nahm Ludwig nach einigem Zögern das Wort: dem Befehl Ihrer Frau Mutter Gehorsam leisten, es steht dann immer noch bei Ihnen, eine dargebotene Gnade anzunehmen oder abzulehnen. Die Hauptfrage ist nur die, wird Ihre Gesundheit die Anstrengung einer Reise mit Courierpferden vertragen? Der Weg von Frankfurt nach Wien ist weit und Eile ist dringend nöthig; denn wenn auch, wie die Zeitungen melden, der Kaiser Alexander in den nächsten Tagen nach Wien kommt, so ist doch diesem Monarchen in so bewegter Zeit nirgend ein langer Aufenthalt vergönnt.

Ich bin Gott sei Dank gesund, mein bester Graf, erwiederte Sophie: und habe Jugendkraft. Frische Luft thut mir wohl, und die Reize wechselnder Landschaften und Orte, die ich ohne Schleierhülle betrachten darf, geben anmuthige Zerstreuung, wenn gutes Wetter solche Fahrt begünstigt. Sie wissen ja, daß ich armes Mädchen so zu sagen eine geborene Reisende bin. Nicht in der Nähe eines traulichen Heimathherdes kam ich zur Welt. Ehe ich noch recht zum Selbstbewußtsein gelangte, wurde ich als Kind in weite Ferne geführt. Zu Wasser und zu Lande war immer Gottes Hand über mir. Sie wissen dies Alles, weßhalb sollte also eine Reise nach Wien mich schrecken? Ich folge Ihnen unbedingt, heute noch, wenn es sein muß!

Wohlan denn, so schreiben Sie, während ich alles Nöthige anordne, einige Zeilen an Ihre Mutter, daß wir ohne Verzug nach Wien abreisen, und ihr vom Erfolg dieser Reise sogleich von dort aus Nachricht geben würden.

Ludwig schrieb seinerseits noch einige rasche Briefe, ließ durch Sophiens Bedienung deren Garderobe, durch Philipp die seine einpacken, und war jetzt erst recht von Herzen froh, daß er den Falken fortgesendet hatte, dessen Besitz eine stete Sorge für ihn gewesen wäre.

Auf dem geradesten Wege ging die Fahrt von Frankfurt nach Würzburg, und von da nach Nürnberg, wo man sich eine Nachtrast gönnte, dasselbe war am folgenden Tage in Linz der Fall, und am dritten schon waren die Reisenden bei guter Zeit in Wien.

Kaiser Alexander empfing sie mit der ganzen Herzlichkeit seines Wesens und seiner Humanität, die ihn zu einem der ausgezeichnetsten Monarchen des Jahrhunderts machten. Er bezeugte der jungen liebenswürdigen Prinzessin sein inniges Beileid, und sprach mit freundlicher Herablassung zu Ludwig: Sie, mein lieber Graf, begrüße ich als alten Nachbar! Wenn Sie mich als solchen vielleicht nicht gern gesehen haben sollten, so will ich Ihnen zum Troste sagen, daß diese Nachbarschaft sich in Kurzem lösen wird, ich bin entschlossen, meine Herrschaft Jever an Holland abzutreten, und gratulire Ihrem Hause im voraus zum neuen Nachbar.

Diese Aeußerung des Selbstherrschers aller Reussen setzte Ludwig einigermaßen in Verlegenheit, denn was sollte er ihm darauf erwiedern? Sein Name allein mochte den Kaiser glauben gemacht haben, er habe irgend noch ein Mit-Anrecht an jene Herrschaft, doch viel zu wichtig war der Augenblick, um ihn auf derartige Erörterungen zu verwenden. Es war Hochwichtiges in Wien zu verhandeln, der Kaiser hatte keine Zeit für Familienangelegenheiten, Fürst Metternich war schon angemeldet, dieser konnte jeden Augenblick eintreffen. Alexander wandte sich wieder zu Sophien und fragte sie, ob sie der Gast seiner Gemahlin in Sarskoe-Selo sein wolle? Dies kaiserliche Lustschloß stehe ihr offen, oder, wenn sie dies vorziehe, würde sie ein gleiches Asyl zu Oranienbaum finden. – Ihre nächsten Verwandten, mein lieber Graf – wandte sich der Kaiser wieder scherzend zu Ludwig: sind ja sehr für Oranien, und gewiß auch Sie selbst! Wissen Sie auch, daß der regierende Graf von Varel und Kniphausen vor Kurzem bei mir in Sanct Petersburg war, um die alten Ansprüche und Anwartschaften auf Jever geltend zu machen? Er war sehr dringend, und ich habe ihm ein Jahrgehalt von fünftausend Silberrubeln als Entschädigungssumme auf Lebenszeit zugesichert, mehr konnte ich nicht thun. Ich habe dem Souverän von Varel und Kniphausen mein aufrichtiges Bedauern darüber ausgesprochen, daß die Verhältnisse gebieterisch fordern, die Ueberzahl dieser reichsgräflichen und reichsfreiunmittelbaren deutschen Standesherrn, da factisch das deutsche Reich aufhört, zu mediatisiren. – Wollen Sie, Herr Graf, in meinen Militärdienst treten, so sollen Sie mir willkommen sein.

Bei dieser Anrede des Kaisers durchzuckte blitzesschnell ein Gedanke Ludwig’s Seele. Ich soll von Sophie getrennt leben, sie soll am Ende gar Hofdame in Sarskoe-Selo werden – und wozu dies Alles? Bedürfen wir dieser kaiserlichen Gnaden?