Eines Tages, als Sophie eben ihre Lieblinge, die Katzen fütterte, trat Ludwig mit einem Briefe zu ihr und sagte mit einer recht bitter ironischen Miene: Mein Berichterstatter aus der Heimath, Herr Rath Wippermann, früher Secretär meines Vetters, des Reichsgrafen, der so gütig ist, mir zuweilen mitzutheilen, wie es zu Hause steht, meldet mir als neueste Neuigkeit, daß Seine Erlaucht, Graf Wilhelm, sich bewogen gefunden hat, über alle und jede Hindernisse sich zu erheben, und seiner mit Madame Sara Margarita Gardes eingegangener Gewissensehe jetzt auch das öffentliche, kirchlich und weltlich gültige Sigill aufzudrücken.

Was ist das? fragte Sophie: Ich verstehe diese Ausdrücke nicht, bester Ludwig?

Der Graf schlug den Brief auseinander und las: »Seine Erlaucht haben sich am achten September achtzehnhundertsechzehn mit unserer nunmehrigen, allgemein verehrten Frau Reichsgräfin in Höchstihrer Herrschaft Kniphausen, und zwar zu Accum, in der dortigen Kirche reformirter und zugleich eigner Confession feierlich copuliren lassen.«

Ich meine, der Reichsgraf habe daran Recht gethan? bemerkte Sophie.

Nicht anders, und ich lobe ihn auch drum, versetzte Ludwig. Er folgt der Eingebung seines Gemüthes und verachtet die Formen des alten Herkommens.

Wird aber diese Ehe nicht angefochten werden von den Agnaten des Hauses? Werden diese ihr volle Gültigkeit zugestehen? fragte Sophie weiter.

Angefochten? Ganz sicher; denn der Streit darf ja nicht enden, der Hader nicht schweigen, ich habe ja diesen furchtbaren Fluch ausgesprochen, aber ein hoher Trost ist im Buche aller Bücher enthalten, welcher lautet: »Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet, denn nachdem er bewähret ist, wird er die Krone des Lebens empfahen.« Mein Vetter ist treu und beharrlich, das freut mich wahrhaft, er setzt seinen Willen durch trotz aller widrigen Schicksale, die ihn betroffen, und Niemand hat ein Recht, ihn zu tadeln, daß er seinem Herzen folgt, daß er der Frau, die er wahrhaft liebt, daß er der Mutter seiner Söhne, und dadurch den letzteren selbst die Rechte gibt, die ihnen gebühren, die aber ganz sicherlich auf das Heftigste werden angefochten und bestritten werden.

Ich verstehe Nichts von dem Recht und den Rechten solcher alten deutschen Familien, sprach Sophie. Ich glaube auch nicht, daß in allen Ländern so strenge und peinliche Ansichten und Gesetze herrschen. Du selbst hast mir früher einmal erzählt, daß man hierüber in England ungleich vernünftiger denke, wie in Deutschland. Auch in Frankreich herrscht für die Herzen mehr edle Freiheit.

Unsere deutschen Gesetzgeber sind sammt und sonders Juristen, deren Zöpfe so lang und unförmlich sind, wie das weiland römische Reich selber. Da darfst du nicht nach Gefühl und nach dem Herzen fragen, sondern nur nach Pergament und Schweinsleder. Es ist ein Jammer damit und wird es ewig bleiben, wenn nicht einmal am guten Tag ein reformatorischer Titane von Gott berufen den ganzer Plunder des alten sogenannten römischen Rechts mit all’ seinen Pandekten, Institutionen, Digesten, Glossen und wie das Zeug weiter heißt, aus Deutschland hinausfegt, und an die Stelle der Verdrehung, der wälschen Wortklauberei, Spitzfindigkeit, Lüge und Fälschung den Altar des einfachen urheiligen Naturrechts und der ewigen Wahrheit errichtet. So lange wir Deutsche noch berechtigt sind, mit Goethe zu klagen:

Es erben sich Gesetz’ und Rechte,
Wie eine ew’ge Krankheit fort;
Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte,
Und rücken sacht von Ort zu Ort.
Vernunft wird Unsinn, Wohlthat Plage,
Weh dir, daß du ein Enkel bist!
Vom Rechte, das mit dir geboren ist,
Von dem ist leider! nie die Frage.