so lange wird es auch mit unsern Rechtszuständen nicht besser werden. Und liegt nicht, um das nächste Beispiel aufzugreifen, selbst für mich in diesen Goethe’schen Worten eine unendliche Wahrheit? Sind die Processe im reichsgräflichen Hause nicht eine ewige Krankheit? Rücken sie nicht sacht fort, und wie sacht! Langsam, langsam, wie der Gletscher im Alpenlande, der sich fast unmerklich vorschiebt und im Weiterschreiten rings um sich alles Leben erstarren macht, alle Hoffnung raubt, alle Liebe ertödtet. Ist es nicht naturgemäß und vernünftig, daß der Sohn des Vaters Erbe sei? Aber das stets naturwidrige starre Recht wandelt diese Vernunft in Unsinn, sie knüpft an tausend Clauseln, Formeln und Bedingungen das Erbrecht an, und macht die Söhne der reinsten Liebe zu ausgestoßenen, ja durch die Geburt schon im Mutterschooße gebrandmarkten Bettlern. »Wohlthat wird Plage.« Weißt du, daß Hofrath Brünings mir einen Proceß an den Hals werfen wollte wegen des Falken von Kniphausen? Ich sollte mein Recht auf dieses Geschenk der Großmutter sonnenklar documentiren, sollte schwören, daß der Falke rechtlich mein sei, ich sollte mich vor Gericht stellen, sollte in meiner schönen Einsamkeit die ganze Plage der Verhandlungen mit Advocaten haben und durch diese Gabe der unvergeßlichen Frau das centnerschwere Gewicht jener Worte Goethe’s empfinden:

Weh dir, daß du ein Enkel bist!

Zum Glück hat mein Vetter, der Reichsgraf, jener diplomatischen dänischen Spinne zu verstehen gegeben, daß sie ein giftiger Kanker ist, und mich in Ruhe lassen solle, zumal ich ja ohnehin auf das Recht verzichte, »das mit mir geboren ist«.

Du wolltest mir längst Ursache und Ursprung jener Streitigkeiten mittheilen, lieber Ludwig, sprach Sophie: welche seit so langer Zeit in deiner Familie erblich sind. Nicht, daß ich neugierig darnach fragen will, aber um des Dichters Ausspruch zu widerlegen »und doch einmal die bestrittene Frage nach jenem Rechte zu erheben, von dem die Frage ist.«

Ich werde dir diese äußerst verwickelten Verhältnisse in gedrängtester Kürze mittheilen, meine theuerste Freundin, antwortete Ludwig. Es sind sehr viele Schriften darüber vorhanden, und kam jemals in Deutschland »ein lautes Geheimniß« wie Calderon eines seiner Stücke nannte, vielfach zur Aufführung, so ist es das unseres Hauses. In der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts lebte Einer der Ahnherren, des Namens Anton Günther, als der letzte des Stammes der Grafen von Oldenburg und Delmenhorst. Es war der Sohn jenes Grafen Johann des Sechzehnten, dem die Erbtochter von Brabant, Marie, ihre Grafschaft Jever schenkte und vererbte. Wenn sein Stamm mit ihm ausstarb, so fielen die Güter, welche Mannslehen waren – mit Töchtern war das Haus in Ueberfülle gesegnet – an das stammverwandte Königshaus Dänemark, und sein Sohn, der mit einem deutschen Freifräulein außerehelich erzeugt war, ging leer aus. Da nun dennoch dieser Sohn ein tüchtiger Mann zu werden verhieß, so verschaffte ihm der Vater erst den Adel, dann die Erhebung in den Reichsfreiherrnstand, er hieß nun Freiherr von Aldenburg und edler Herr zu Varel, und endlich erwirkte der treugesinnte Vater ihm sogar die Würde eines Grafen des heiligen römischen Reichs mit ausnehmend schönen Begabungen und Bevorzugungen, wie sie gar nicht besser zu wünschen waren, zum großen Verdruß der Seitenverwandten, der Könige von Dänemark und des Herzoghauses von Holstein-Sonderburg und Holstein-Plön, ja sogar das Münzrecht wurde ihm verliehen, und als der Vater endlich in seinem vierundachtzigsten Jahre starb, so gebot der Sohn, Reichsgraf Anton der Erste, über sehr ansehnliche Herrschaften, über die Herrlichkeiten Kniphausen und Inhausen, über die Herrlichkeit und das Amt Varel, über die Vogtei Jahde, und eine Menge einzelne Allode, das sind freieigene Güter, die keinem Oberherrn zu Lehn gehen, oder Familienfideicommisse. Dieser Graf vermählte sich in zweiter Ehe mit der Großmutter meiner Großmutter, welche letztere du, liebe Sophie, in Hamburg kennen lerntest, starb aber schon acht Monate vor der Geburt seines einzigen Sohnes von der zweiten Gemahlin; von der ersten hatte er nur Töchter, welche in die Familien Güldenlöwe, Gödens, Haxthausen, Bielcke und der Grafen von Wedel heiratheten. Es erhoben nun, während die gräfliche Wittwe in Doorwerth residirte, Dänemark, Holstein und Oldenburg verschiedene Ansprüche auf das Erbtheil, bis zu deren abermaligem Verdruß der Sohn erschien, und wackere Vormünder diesem seine Rechte wahrten; gleichwohl gab es der Verclausulirungen dabei eine Ueberfülle, welche dir mitzutheilen, äußerst langweilig und unerquicklich sein würde; nur ein Hofrath Brünings und ein Rath Melchers können Honig aus dieser Distel saugen! – Leider war auch dem Sohne, der sich zweimal vermählte, kein hohes Lebensziel zu erreichen beschieden und er starb ohne Söhne, nur eine einzige Tochter hinterlassend. Diese Tochter war meine selige Großmutter, die gütige Pflegerin meiner Jugend, die großmüthige Beschirmerin meiner Jünglingsjahre, deren Andenken ich dankbar segnen werde, so lange ich noch zu denken und zu segnen vermag. Weil die meisten Güter Allode und Familienbesitzthum waren, konnten dieselben meiner Großmutter nicht entrissen werden; sie vermählte sich mit einem in Holland geborenen, aber aus Deutschland, aus der Pfalz, unserer Angés Heimath, abstammenden Edelmann, mit dem sie jedoch nicht in glücklicher Ehe lebte, vielmehr sich von ihm trennte und Noth hatte, sich gegen Angriffe von allen Seiten her tapfer zu wehren, nächstdem, daß auch mannichfache Streitigkeiten in der Familie ihres Gemahls dazu beitrugen, ihr das Leben sauer zu machen. Sie war voll Kenntniß, Wissen, Geist und Gelehrsamkeit; sie stand mit den gelehrtesten Männern Europas im Briefwechsel, besonders über Alterthums- und Münzkunde, und weilte oft lange Zeit am Berliner, wie am Wiener und am französischen Hofe. Am Berliner Hofe betrieb sie ihre Angelegenheiten trotz eines Diplomaten, und hatte vielen Verkehr mit Voltaire. Die bedeutendsten Namen jener Zeit am Hofe zu Berlin und Potsdam sind erwähnt in einem Bruchstück ihres fast ganz verloren gegangenen umfassenden Tagebuches; bald speiste sie mit dem König, bald mit der Königin, bald mit dem Prinzen von Preußen, oder empfing Besuche hoher Personen, wie des Markgrafen von Bayreuth; schon ein flüchtiger Blick in diese Blätter begegnet einer Menge Namen von Grafen und Gräfinnen, Ministern, Künstlern, Gelehrten; das wirrt durcheinander, wie das Maskengewimmel eines großen Ballsaales. Schwerin, Arnim, Dankelmann, Voltaire, d’Argenteau, Algarotti, Maupertuis, Grumbkow, Bismark, Pannewitz, Schmettau, Knesebeck, Nöllnitz, Schulenburg und zahlreiche Andere. Dort traf die Großmutter auch zusammen mit einem nahen Verwandten ihres Gemahls, dem Vater des jetzigen Herzogs von Portland, den sie stets Mylord William nennt. Unter Anderem schrieb sie: »Tyrconel,« dies war der Name eines Gesandten, »jagte mir großen Schrecken ein, daß Frankreich ohnfehlbar gegen mich sei, und daß er nichts Gutes voraussehe.« An einer andern Stelle heißt es: »Am Hofe der regierenden Königin traf ich den Grafen von Bentheim-Steinfurth, der mir gleichfalls einen großen Schrecken verursachte. Ich versprach ihm, ihn zum Markgrafen Heinrich zu führen.« An einer dritten Stelle schreibt sie: »Voltaire sollte bei mir diniren, er mußte aber nach Potsdam zurückkehren und konnte sich nur eine Stunde bei mir aufhalten. Kurz darauf besuchte er mich wieder und beruhigte mich in Betreff des Königs. Ich schrieb nun selbst und sandte meinen Läufer nach Potsdam; am folgenden Tage kam derselbe mit guten Nachrichten vom König zurück.« – So war ihr Leben ein außerordentlich bewegtes, bis sie sich endlich auf ihre Schlösser zurückzog, und auf diesen oder in ihrem Hause zu Hamburg der Wissenschaft lebte. Ihr Enkel, der Reichsgraf, dessen Schicksale du ja größtentheils bereits kennst, mußte erleben, daß bereits in Folge des Friedens von Campo Formio sein Lehensverband zwischen dem Herzogthum Brabant und der Herrschaft Kniphausen sich löste, daß der französische König von Holland alle seine Besitzungen und Herrschaften in Ostfriesland militärisch besetzte, daß der Tilsiter Friede Jever, nachdem Rußland es abgegeben, an Holland brachte, und daß Kaiser Napoleon seinem Bruder, dem König von Holland, über Varel und Kniphausen die Souveränetätsrechte verlieh, die dem rechtmäßigen Gebieter durch dessen Mediatisirung entrissen worden waren. In dem Jahre 1811 verschlang das nimmersatte Kaiserreich Alles, wie es war, große Lande und kleine Ländchen, Holland, Oldenburg, Varel und Kniphausen. Dafür bekam der Graf den Union-Orden, der ihm, nach Vereinigung Hollands mit Frankreich, in den Reunion-Orden umgewandelt wurde. Der Graf wünschte ganz andere Wiedervereinigungen herbei, als das Verhängniß der Napoleonischen Herrschaft ihr Mene Tekel schrieb; allein ein gewisses Vorhaben mißglückte ihm; er wurde in Haft genommen und von Vandamme mit dem Tode bedroht. Nur der Reunion-Orden war es, der ihn rettete und schützte. Gleichwohl wurde er verbannt, und über seine Güter die Confiscation verhängt. Erst das Jahr 1814 befreite ihn; mittlerweile hatte Oldenburg die Herrschaften in Besitz genommen und wollte dem Grafen nicht einmal die Rechte eines Mediatisirten zugestehen. Darüber entstanden Prozesse, die noch immer schweben und den Grafen der Verarmung mehr und mehr zuführen. Wie wunderbare Geheimnisse doch in der deutschen Sprache ruhen! Sie sagt nicht: ein Proceß sitzt, steht, liegt, nein, sie sagt: er schwebt, wie ein Raubvogel, ein Falke, Habicht oder Geier in den Lüften schwebt, und mit scharfem gierigen Auge herab auf seine sichere Beute blickt – und zuletzt – da ruht der Proceß, wenn er endlich aus ist, wie wir auch ruhen, wenn es aus ist mit uns; mir ahnet aber, daß die Processe unseres Hauses eine wahrhaft Ahasverische Natur in sich tragen und immerdar schweben werden, gleich bösen Nachtgeistern.

Welche traurige Aussicht! rief Sophie mit Theilnahme. Wie froh bin ich, daß du, mein Theurer, losgerissen bist von jenem Hause und seinen Geschicken!

Ich kann auch froh sein und bin es vom Grunde meines Herzens, ich will nichts wissen von Processen! antwortete Ludwig. Jetzt hat der Graf von seiner Sara drei Söhne, diese wachsen heran, sein Bruder, Graf Johann Carl hat auch drei Söhne; gib Acht, noch einige Jahre, und die letzteren werden die legitime Abkunft der ersteren bestreiten, und wir können noch einen Kampf der Horatier und Curiatier erleben, freilich nicht mit Schwertern, sondern mit Advocatenfedern, aus den großen Schwebeschwingen des vorhin genannten Raubzeugs; Blut wird dabei nicht fließen, aber außerordentlich viele Tinte, und diese wird noch fortfließen, wenn längst unser Lebensnachen am umdunkelten Strande des Schattenreichs gelandet ist.

So machte der Graf häufig der Geliebten Mittheilungen aus seiner und seiner Familie Vergangenheit, und wie Vieles ließ sich für sie nicht daraus lernen. – Da die Zeit es ihm außerdem vergönnte, so las Ludwig sehr viel, und machte sich bewandert in schöner Literatur, Philosophie und Geschichte. Auch Physik blieb ihm nicht fremd. Es wird erzählt, der Graf habe sich auch viel mit Meteorologie beschäftigt, wozu des Hauses Höhe sich gut eignete; eine Hausapotheke bot jenen Bedarf einfacher Mittel in leichten Krankheitsfällen, deren Besitz und Kenntniß dem Landbewohner von großem Vortheil ist.

Der unmittelbar nächste Nachbar des Schlosses war der Kammergutspachter, und der Graf empfand durch ihn hinlänglich die Wahrheit des Dichterwortes:

Es kann der Beste nicht in Frieden leben
Wenn es dem schlimmen Nachbar nicht gefällt.