Meine Lage und Stimmung war die schrecklichste, schaltete Leonardus ein, und keine Hand nahm hülfreich das Damoklesschwert hinweg, das drohend über meinem Haupte hing. Die Abendgesellschaft ging auseinander. Mein Vetter, der Capellan, raunte mir zu: Leonardus, wenn ich dir mit meinem geistlichen Segen aufwarten kann, so stehe ich zu Dienst; außerdem will ich dich in den Schutz aller Heiligen, insbesondere aber in den der heiligen Theodora von Alexandrien empfehlen, welche ihren Mann verließ und sich in ein Mönchskloster begab, um darin Gelegenheit zu haben, ihre Enthaltsamkeit zu bewähren! Gehabe dich wohl, trauter Vetter! – Meine so eben mir verlobte Braut, Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam, sagte zu mir: Ik hef zulkes myn leefdagen niet gezien – die kost is te magtig voor my.[8]

[8] Mein Lebtag habe ich so etwas nicht gesehen, diese Kost ist mir zu ungenießbar!

Meine Mutter schlug die Hände über den Kopf zusammen, sah mit starrem Schreck und rathlosem Erstaunen den allgemeinen Aufbruch und rief einmal über das anderemal: Gód wil dat den besten keeren![9]

[9] Möge Gott dies zum Besten lenken!

Und gar mein Vater! Als alle Gäste hinweg waren und die Diener alle aus den Zimmern, ihnen hinabzuleuchten, da trat er vor mich hin, zitternd und bebend, und sagte nichts, als »Sohn! Sohn!« – Nicht schildern kann ich den Eindruck, den diese Worte und der Zustand des alten Mannes auf mich machten; sein Gesicht sah tief verstört aus, es war, als habe diese unselige Viertelstunde ihn ein Jahrzehnt älter gemacht. Und ich, was sollte, was konnte ich erwiedern? Ich suchte mich zu fassen, ich sprach so ruhig und demüthig als möglich: Bester Vater! zürnt nicht allzuheftig, bevor Ihr meine Rechtfertigung gehört habt. Nie kann und werde ich in die Hand der Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam meine Hand als Gatte legen – nein – nie und nimmermehr.

Gut, mein Sohn Leonardus, keuchte mein Vater zitternd und bebend als Antwort. Du hast ganz deinen Willen! Ich spiele nicht mit Comödie! Ich gebe dir keinen Fluch, das fällt mir nicht ein! Mein Fluch wäre viel zu gut für dich! Ich bleibe der alte Adrianus van der Valck, und dir bleibt, wenn ich die Augen schließe – verstehe mich wohl und recht – die Hälfte des Pflichttheils und kein einziger armseliger Deut mehr als die Hälfte deines Pflichttheils, das sei bei dem ewigen, allsehenden und allgerechten Gott geschworen!

Meine Mutter stieß einen Schrei des Schreckens aus; mein Vater brach zusammen, was ich that, was nun geschah, weiß ich nicht mehr; erst bei dir, mein Ludwig, in deinen Armen, an deinem Freundesherzen fand ich Trost, Beruhigung und meine ganz gebrochene Mannheit wieder.

Und was mich marterte und quälte in jener bangen, angstvollen, verhängnißvollen Stunde, fügte nun wieder Ludwig hinzu: das durft’ ich dir und Angés damals ja gar nicht sagen, denn vielleicht hätte dann mich, ja mich euere vereinte Verwünschung getroffen.

Wie? Unsere Verwünschung? fragten Leonardus und Angés mit einem Munde, und Windt horchte mit verdoppelter Aufmerksamkeit der Weiterrede des Jünglings.

Oh, liebe Freunde! seufzte Ludwig. Was euch traf, war der Fluch einer bittern Stunde, der herbsten, schmerzlichsten, die ich noch je durchlebt. Sie entsinnen sich jenes unheilvollen Abends zu Schloß Varel, bester Freund Windt. Ich war es, der damals jene Stunde mit einem Fluche belegte, und die furchtbare Erfüllung dieses Fluches macht mich an eine dunkele dämonische Macht glauben, die unsichtbar uns umgibt, uns umlauert, uns belauscht, unsere unbedachten Reden auf ihre mitternachtdunkeln Schwingen nimmt und sie hinwegträgt an einen Ort, wo sie aufbewahrt bleiben bis zur Erfüllung. Vom Zorn bethört, vom Schmerz außer mir, rief ich damals meinem sonst von mir so geliebten und auch in der That so ehrenwerthen Vetter, dem Erbherrn, zu, dessen Beschimpfung mich vor mir selbst erröthen machte und mich vernichtete. »Verflucht soll die Stunde sein, in der ich dich wieder meinen Verwandten nenne!« Und siehe – in derselben Stunde geschah es, daß er, wie seine Mienen mir kündeten, mit versöhnlichem Herzen und sein mir angethanes Unrecht bereuend, mich zu sich winkte und mit wenigen Worten mir, dem so viel Jüngeren und in jeder Beziehung an Rang und Stand unter ihm Stehenden, zuerst und zuvorkommend die Hand zur Versöhnung bot. Und ich, einsehend, wie sehr damals auch ich, gleich ihm, gefehlt und mit unbedachten Zornreden ihn gereizt und ihn unverzeihlich beleidigt, hätte ich anders handeln können, als von Herzen gern in die Rechte des Vetters einzuschlagen? So that ich denn, was mein Herz mir zu thun gebot, aber der Fluch, den ich auf die Stunde gelegt, erfüllte sich und fiel auf euer schuldloses Haupt.