Du bist ein Schalk, Mann! Immer bringst du neue Schnurren mit heim, wenn du draußen herum gereist bist.
Und immer finde ich, Gott sei Dank, zu Hause meine liebste alte Schnurre wieder. –
Das war eine lange, mitunter doch etwas beschwerliche und ermüdende Reise gewesen, die Reise von Paris bis in das Geldernland, doch hatte der Himmel seinen Schutz und gutes Wetter verliehen, und die Herzen der Freunde waren nur um so inniger in einander verwachsen und verschmolzen, je mehr sich Jeder bemühte, dem Anderen gefällig und hülfreich zu sein, und je mehr sich jedes Einzelnen eigene Vergangenheit erschloß; ja auf Leonardus eigenes Verlangen war zwischen Ludwig und Angés das geschwisterliche Du an die Stelle des förmlichen Sie getreten. Gern und freudig ward als freundlicher Schirmvogt, wegekundiger Geleitsmann, sparsamer Haushalter und durch und durch von Gefälligkeit und Redlichkeit erfüllter Mensch, Herr Windt als Dritter im Bunde der Freunde aufgenommen, und so hatte die Unterhaltung nie gestockt und man war endlich doch, ohne allzugroße Beschwerde und Langeweile zu fühlen, welche die große Einförmigkeit mancher Wegstrecken wohl hätte hervorrufen können, dem vorläufigen Ziele nahe gekommen. Angés, stets liebevoll um das Kind besorgt, das sie gleich dem Stern in ihren Augen hielt und mit der mütterlichsten Zärtlichkeit überwachte, und mit dem sie sich viel unterhielt, was auch die Freunde thaten und sich an seinen klugen und treffenden Antworten ergötzten, hatte Manches von ihrer Heimath erzählt, an welche sie bisweilen mit einem schmerzlichen Sehnsuchtsgefühl dachte, besonders wenn der Anblick der endlosen Flächen, welche durchfahren wurden, sie drückte.
O wie schön, wie zauberschön, rief sie einmal aus, ist doch gegen dieses Land mein Heimathland, die rebenreiche grüne Pfalz! Ein Land voll lieblicher Höhen, rauschender Wälder, durchklungen von heiteren Sängern der Haine. Hier zu Lande rauscht nichts als Schilf und Wasser und Windmühlen, und Vögel sehe ich keine anderen, als langbeinige Störche, Strandläufer und Wassergeflügel – es singt nichts, es piept oder es kreischt nur Alles. Welche Thörin war ich, meine Heimath zu verlassen!
Und doch durch eine höhere Fügung, meine theuere Freundin! sprach Leonardus, indem er suchte, die Heimathstimme, die so laut und mächtig in Angés’ Innerem zu sprechen begann, zu beschwichtigen: Wir sollten uns finden, mußten uns finden, und fanden uns. Selten nur fesselt der Menschen Glück, der Menschen Loose die Hand des Geschickes von Jugend auf an einen bestimmten Ort; noch seltener bindet es an einen solchen alle Zufriedenheit. Das Leben ist Irrfahrt! Glücklich die, denen doch nicht allzuspät ein friedlicher Hafen winkt, liege dieser nun in bergeumgürteter, schattiger Waldbucht, oder liege er im stillen, reizlosen Flachland, das zuletzt doch auch nicht ganz ohne Reiz ist.
Das der Zauberspiegel der Liebe verschönt und die Freundschaft mit grünen Kränzen schmückt! fügte Ludwig hinzu. Jedes Land hat Reize, besonders wenn der Mensch Gemüth und Seele in dasselbe hinein legt oder hinein zu tragen versteht.
Gar manches Andere noch brachte das Gespräch auf dieser gemeinschaftlichen langen Fahrt zur Erörterung, und Vieles davon war sogar nothwendig zu erläutern, damit das von Natur etwas argwöhnische und diplomatische Gemüth des Herrn Windt in Allem klar sehe, und kein Mißtrauen irgend einer Art ihn bewege, die einmal so freundlich dargebotene schützende Hand abzuziehen. Oft noch lenkte das Gespräch sich auf jenen verhängnißvollen Abend hin, ohne welchen die Reisenden wohl schwerlich so vereint, wie sie jetzt es waren, diesen Weg zusammen zurückgelegt haben würden; erst dem Zuge der Hauptstraßen folgend, von Paris nach Brüssel, von Brüssel nach Antwerpen, von da über Turnhout und den Bosch (Herzogenbusch) an die Ufer und Flachlande der Meuse, wie der Wahl, bis sie denn endlich nach dem Städtchen Rheenen gelangten, das vom Rhein seinen Namen führt, aber keine rheinischen Reben, sondern nur Tabak baut, soweit immer sein Weichbild und seine Flurmarkung reichen. Leonardus hatte dem Freunde Windt ausführlich mitgetheilt, wie es nach jenem verhängnißvollen Abend gegangen, wie nämlich, als Seine Hoheit der Erbprinz der Niederlande gerufen: Dieses Kind ist mein – Angés denselben plötzlich mit einem hellen Aufschrei unterbrochen und laut gerufen: Nein! Nein! Es ist nicht Ihr Kind! und gleich darauf wieder in ihre Ohnmacht zurückgesunken sei; wie darauf der Erbprinz die kleine Sophie sanft auf den Boden gestellt und laut, vor der ganzen Gesellschaft und unter Erröthen gesagt habe: Das wollte ich ja gar nicht sagen, daß dieses Kind mein sei, sondern ich wollte sagen: Dieses Kind ist meines Freundes Kind, in welcher Rede ich unterbrochen wurde, und wie dem auch sei, und was immer hier Dunkles und zur Zeit Unerklärtes obwalte, so erkläre ich hiermit, daß ich dieses Kind und die Dame, die es in ihre Obhut genommen, sie sei wer sie wolle, in meinen Schutz nehme, in Folge einer heiligen Verpflichtung. Wie dann darauf Graf Ludwig hervorgetreten sei und gesagt habe: Auch ich habe mich schon feierlich dem Schutze dieser Dame und dieses Kindes gelobt, und ich behaupte mein Näherrecht, und werde niemals dulden, daß diesen Beiden Unbill widerfahre!
Darauf habe der Erbprinz der Niederlande des jungen Grafen Hand ergriffen und zu ihm gesagt: Mein lieber Graf! Sie wissen nicht, wen Sie sich hoch zu Danke verpflichten, aber die Zeit wird kommen, wo Sie es erfahren, und ich gebe Ihnen mein Wort darauf, Sie werden es nicht zu bereuen haben. Bleiben Sie der edle muthige Ritter dieser Dame und dieses Kindes, denn mich selbst hindern Sohnespflicht und die Unruhe der gegenwärtigen Zeit, diesen Ritterdienst selbst zu übernehmen, bedürfen Sie meiner aber irgend wo und irgend wie, dann wenden Sie sich nur immer getrost und geradezu an mich.
Alles war voll Staunen gewesen über diese Rede des Erbprinzen von Oranien und hatte begriffen, daß hier ein tiefes und wichtiges Geheimniß zum Grunde liegen müsse. Angés und das Kind waren in ein Nebenzimmer gebracht worden, wo erstere sich bald erholte.
Und zu mir, vollendete Graf Ludwig die Mittheilung: traten meine Herren Vettern, und Erbherr Wilhelm sprach zu mir: Das hast du nicht übel gemacht, Vetter, du hast verstanden, dich schnell in hohe Gunst einzuführen. Benutze das, und trage Sorge, daß wir auf dich rechnen können, wenn wir deiner bedürfen! Dann nahm mein englischer Vetter William, der Vice-Admiral, das Wort, welcher nicht zu verwechseln ist mit meinem jüngeren Vetter, William Henry, Lord Cavendish, denn Letzterer ist erst siebenzehnhundertvierundsiebenzig, der Erstere aber siebenzehnhundertvierundsechzig geboren, und sagte mit einem eigenthümlichen Lächeln: Vetter, Vetter! Du wirst entweder ein Diplomat oder ein Feldherr, jedenfalls weißt du deine Pläne gut zu verstecken. Ich verstand nur halb, was mein Vetter mit diesen Worten sagen wollte, denn ich fühle in mir weder die Gaben des Staatsmannes, noch des Kriegers, und erwiederte so gut als Nichts auf seine Rede, was, wie ich vermuthe, wieder für äußerst fein und diplomatisch galt, während es nur das Zeichen meiner grenzenlosen Verlegenheit war. Mir war vor Allem jetzt darum zu thun, an der Stelle meines ganz und gar bestürzten Leonardus zu handeln, und mich unserer armen leidenden Angés und des Kindes in solcher Weise schützend anzunehmen, wie es Freundespflicht war, und wie ich auch gethan haben würde ohne die Aufmunterungen, die mir von dem Erbprinzen und meinen beiden Vettern zu Theil wurden.