Wie Ludwig dann, fuhr, ohne auf Ottolinens Bewegung zu achten, die Reichsgräfin fort: unter falschem Namen nach Paris reiste, nachdem er Windt getroffen, wie Beide vergebens sich bemüht, für mich Günstiges zu bewirken, wie sie aus mancherlei drohender Gefahr sich retteten, und begleitet von seinem Freund und dessen Geliebter nebst einem schönen Kinde nach Doorwerth eilten. Wie jene schöne Frau mit ihren sanften Augen ihn stets an dich, meine Ottoline, erinnere, wie er sich absorge um dein Wohlsein, wie seine Gedanken fort und fort um Schloß Kniphausen flögen, gleich den Raben um die Warte von Kiphausen droben im deutschen Harzgebirge, unter der eine holdselige Prinzessin, des Kaisers Barbarossa zauberschöne Tochter, in den Banden magischen Schlummers ruhen und träumen soll. Er hat das gar schön auszumalen gewußt, der liebe Knabe. Er malt gut und treffend.

Es muß sehr schön sein, schaltete Georgine fast schwärmerisch ein: in der Ferne ein so junges unentweihetes Herz zu wissen, das an uns verehrend denkt, vielleicht mit voller hingebender Liebe denkt.

Ottoline schwieg, doch konnte sie ihre innere Bewegung nicht verbergen. Charlotte Sophie nahm den geöffneten Brief und las:

»Meine theuerste, geliebteste Großmutter!

»Die letzten Briefe, die ich Ihnen aus Doorwerth sandte, schilderten Ihnen mein und meiner Freunde dortiges Leben, die angenehmen und schönen Bekanntschaften, die ich dort gemacht, die kurze Reise, die ich in Begleitung meines Leonardus eine Strecke rheinaufwärts auf der deutschen Seite vornahm, um ihn und meine Freundin Angés mit dem wunderholden Kinde zu geleiten.«

»Ich reiste mit Leonardus in Gesellschaft des niederländischen Gesandten hierher nach Paris und arbeite jetzt unter ihm, ich gestehe, daß diese Arbeit mir ungleich besser zusagt, als das zu Pferde sitzen und Umherreiten ohne rechten Zweck und Nutzen, wie wir es in und bei Doorwerth treiben mußten, so lange wir uns im Corps des Vetters Wilhelm Gustav Friedrich befanden. Haben Sie Nachricht von dessen Frau Gemahlin, o, so theilen Sie mir dieselbe recht bald mit, möge dieselbe günstig lauten! Täglich denke ich ihrer und beklage stets aufs Neue schmerzlich, daß mir kein Wiedersehen vergönnt ward, vielleicht auch nie vergönnt sein wird.«

Wahrscheinlich nie, wenn nicht drüben! seufzte Ottoline vor sich hin: denn die Tage deiner Freundin sind gezählt, du lieber seelenguter Ludwig!

»Ueber das hiesige Leben kann ich nicht viel schreiben, und darf es auch kaum. Dem gesammten Gesandtschaftspersonal ist streng untersagt, sich mündlich oder schriftlich über Frankreichs Politik zu äußern, oder Mittheilungen nach Außen zu machen, die nicht auch in den Zeitungen stehen. Jedenfalls lesen Sie den Moniteur hochverehrte Großmutter, der enthält die Quintessenz aller Ereignisse.«

»Unsere Gesandtschaft hat den Zweck, zwischen Frankreich den Frieden zu vermitteln, und der Erbstatthalter hat dazu dem Minister die ausgedehntesten Vollmachten ertheilt; allein ich fürchte, daß die günstigen Anerbietungen Hollands nicht mehr genügen, und daß Pichegru Alles aufbieten wird, um vorzudringen und Holland zu unterwerfen, dann wird wohl Friede werden, denn die Neigung zum Frieden geht jetzt durch die meisten Cabinette Europa’s. Viele aber werden auch leiden; ich fürchte sehr für meinen Vetter, den Erbherrn. Alles, was er dem Vaterlande und der treuen Anhänglichkeit an den Erbstatthalter und den Erbprinzen zum Opfer gebracht hat, wird verloren sein, ja selbst seine Freiheit ist bedroht. Ihr zweiter Enkel, beste Großmutter, Graf Johann Carl, ist zur Zeit, wo ich dies schreibe, Statthalter in Utrecht – ich fürchte ebenfalls, daß diese Statthalterschaft nur von sehr kurzer Dauer sein wird. Der Vice-Admiral soll, wie ich vernahm, sich jetzt in Hamburg aufhalten; sollte dies der Fall sein, so wird er ohne Zweifel bei Ihnen wohnen, und dann bitte ich gehorsamst, ihn freundlich zu grüßen. Er ist ein jovialer Mann, der mir Achtung und Liebe abgewonnen hat, trotz seiner Neigung zu Spott und Satyre.«

»Die Pariser Luft, die freilich vielen Leuten in diesen Zeiten nicht zusagte, behagt auch mir nicht, beste Großmutter. Ich fühle mich heimlich krank, beklommen; möglich auch, daß es noch Folge der spätherbstlichen Sumpfluft ist, die in Doorwerth mich umwehte. Mein Arzt, den ich auf Anrathen meines Chefs und auf Leonardus Drängen befragte, sagte mir, ich müsse Seeluft athmen, die würde mich stärken.«