Seeluft! Seeluft! ich weiß eine ganz andere Luft, in deren reiner Sphäre ich mich gesund baden würde!«

Unser Liebling schwärmt, bemerkte lächelnd die Vorleserin, und die Herzogin sagte: Schreiben Sie ihm, theuerste Excellenz, er solle nach England reisen, da kann er Seeluft genießen und Gebirgsluft, senden Sie ihn in unsere Grafschaft, in deren blühenden Garten.

In die Nebelforste und Marschen Ihres Dartmoor? fragte Ottoline besorgt.

Nein, auf unser Schloß Chatsworth, erwiederte die Herzogin: dort will ich selbst ihn bewirthen, und Sie mit, meine Gnädige, wenn Sie meiner Einladung nach jener meiner schönen Heimath Folge leisten wollen.

Mir wäre eine solche Veränderung des Klima’s vielleicht sehr heilsam, warf Ottoline unbefangen hin. Die Reichsgräfin sprach lächelnd: Stellen Sie sich, liebe Enkelin, mit dem Beginn des Frühjahrs unter den Schutz Ihrer Freundin, und wenn Sie wollen, auch unter den unseres Vice-Admirals, und besuchen Sie einmal unsere Verwandten in England. Ich aber muß unterthänig für Ihre freundliche Einladung danken, beste Herzogin! Sehen Sie mich altes Wrack nur einmal recht an. Sollte ich noch einmal in See gehen? Unter welcher Lebensflagge sollte ich segeln? Mein Segeltuch heißt Todtenhemd, mein Schifflein Sarg, und mein Anker, der wird zum Kreuz über meinem Grabe. Doch, vollenden wir den Brief unseres Ludwig:

»Die gesellschaftlichen Zustände stehen hier unter dem Gefrierpunkt, fast hätte ich gesagt, durch alle Klassen, was ein großer Fehler meinerseits gewesen wäre, denn hier gibt es keine Klassen mehr. Die englische Handelssperre, das unfruchtbare Jahr, der strenge Winter erzeugten allgemeinen Mangel. Das so heißblutige Paris hungert und friert jetzt. Die Waarenpreise in Beziehung zu den Assignaten stehen etwa so: ein Louisd’or in Gold ist sechzehn- bis achtzehntausend Livres werth, nämlich stets in Assignaten; ein paar Schuhe kosten zweitausend, eine Flasche Wein zweihundert, ein Ei zwanzig Livres; ein Pfund Butter fünfhundert, ein Pfund Kaffee vierzehnhundert, ein Sack Kohlen dreitausend Livres. Der Arzt, den ich um Rath gefragt habe, war so gütig, mir für seinen einzigen Besuch nur sechshundert Livres abzunehmen. Silbergeld ist äußerst willkommen, wer dessen hat, bekommt ein Pfund Zucker gegen baar für vierzig Livres. Eine Klafter Brennholz kostet vierundzwanzigtausend Livres. Da wir an Gold und Silber keinen Mangel haben, so kommen wir leidlich durch, aber von Vergnügen, von geistvollen Kreisen, von jenen schönen und angenehmen Vereinigungen gebildeter Menschen ist keine Rede mehr. Doch ich eile zum Schlusse und küsse meiner theuersten Großmutter in kindlichster Liebe und Verehrung die treuen Hände, die mich durch mein Jugendleben geleitet haben. Hier fühle ich erst recht, was es sagen will, den Pardisesgarten, jener stillen und reinen Freuden hinter sich zu haben.

Ihr ewig dankbarer Ludwig.«

Dieser junge Mann beste Frau Gräfin, taugt nicht in die große Welt, äußerte Georgine. Wer in diesen Jahren sich in ihr nicht heimisch fühlt, wird sie später schwerlich lieb gewinnen. Lassen Sie ihn jagen, fischen, Häuser bauen und Parks anlegen, ich halte dafür, daß er dazu besser geschaffen sei.

Mit zwanzig Jahren ist mancher junge Mann noch Nichts, versetzte die Reichsgräfin, wenn das Leben ihn nicht recht zeitig in seine rauhe Schule nahm. Das war bei meinem jüngsten Enkel nicht der Fall, ich will es nur eingestehen, ich verzog ihn. Ich führte ihn nicht in die Welt der Salons ein, sondern in die Welt der Wissenschaft, der Bücher, der Alterthumskunde – ohne doch ihm hinderlich zu sein an ritterlichen Leibesübungen. Er übte sie, ohne an einer dieser Künste vorzugsweise Gefallen zu finden. Ich glaube, daß er nie tanzen wird, musikalisch ist er auch nicht geworden, nur am Malen fand er einige Freude, und am Lesen die meiste. Weil ich fühlte, wie mangelhaft und unvollendet noch seine Erziehung sei, entschied ich mich dafür, ihn reisen zu lassen, damit das Leben ihn in die Schule nehme und er durch das Leben sich selbst bilde. Kaum setzte er den Fuß von der Schwelle jenes heimathlichen Schlosses, das dort im Bilde hängt, so hat ihn auch schon das Leben erfaßt, aber nicht wie ich gehofft und gewünscht habe. Viel zu tief sah er im Beginn seiner Laufbahn in zwei schöne Augen, die nun im Wachen und Träumen vor seiner Seele stehen und ihn zurückwinken nach der kaum verlassenen Heimath. Bald darauf muß er wieder in ein seltsames Verhältniß verwickelt werden, in welches ich noch gar nicht recht klar sehe. Er und Windt schreiben mir nicht bestimmt darüber, aber so viel läßt die Erfahrung eines langen Lebens mich zwischen den Zeilen lesen, daß ohngeachtet der schönen verbotenen Heimathaugen doch ein neuer Himmel ihm in einem Augenpaar der Fremde aufging, und daß er, ohne sich dies selbst zu gestehen, sich in stiller Liebe zu der Freundin seines Freundes verzehrt. Darum ist es sehr gut, gut für Alle, daß jenes Kleeblatt auseinanderging.

Ludwig ist zu edel, um auf Verrath gegen den Freund zu sinnen, sagte Ottoline mit mühsam errungener Fassung.