Kaum war diese Rede gesprochen, so schlug die Mutter einen Lärmen auf und schrie der Tochter nach: „Vernimm auch mein Wort! Du sollst alle deine Lebetage deinem Mann untertan sein, so, wie ich dich gelehret habe!“ und die Tochter rief zurück: „Wohl, meine Mutter, so soll es geschehen nach deiner Lehre.“
So ritten nun die beiden ganz allein miteinander hin, aber der Ritter vermied die Straße, um der Braut Argheit willen, und ritt einen unbequemen, steilen und engen Seitenweg, wohl einer Meile lang, doch ritt er rasch, daß er in kurzer Zeit eine halbe Meile zurücklegte auf dem rauhen, ungebahnten Steinpfad. Da kamen sie an einen umbuschten Werder und der Falke begann nach seiner Art mit den Flügeln zu schlagen und von der Hand zu begehren, weil er auf Reiher stoßen wollte. Sprach der Ritter: „Mit deinem Federschlagen laß es gut sein oder ich reiße dir den Kopf ab.“ Bald darauf sah der Falke eine Krähe fliegen, der wollte er nach; da sprach wiederum der Ritter: „Du bist betrogen, wenn du nach Ungemach strebst und nicht gern in Ruhe dich hältst, und so will ich dir gleich dein Recht tun. Stirb, da du nicht meinen Willen halten willst!“ Und er erwürgte den Falken wie ein Huhn.
Die Maid erschrak ob dieser Rede und der tödlichen Tat und begann den Ritter zu fürchten. Nun wurde der Pfad immer enger, steiniger und dorniger, und dem Windspiel schmerzten die Füße, und es vermochte nicht mehr, sich wie vor an des Pferdes Seite zu halten. Der Ritter, der es an einem Riemen führte, mußte es immer nachziehen, das war dem Ritter ungelegen, und er schalt das Windspiel: „Du böser Hofwart, hab’ acht, es kommt dir zum Unheil, daß du mir den Arm so zerziehst!“ Der arme Hund vermochte aber nicht zu folgen, und da zog der Ritter sein Schwert und hieb ihn tot.
Die Maid unterdrückte einen Schrei des Unwillens, aber das Herz in der Brust erschrak ihr, es ward ihr weh zumute und sie dachte: Herr Gott, welch ein Wütrich ist dieser Mann! brachte mich denn der Teufel zu ihm! — Der Ritter aber behielt das Schwert blank in der Hand und begann nun mit seinem Roß zu schelten: „Was schnaubst du? Warum gehst du nicht Paß oder Trab? Du willst wohl nur auf ebnem Plan gehen? Du mußt sterben!“ Da nun das arme Roß nicht Paß traben konnte, welcher Gang ihm nie gelehrt worden war, so sprach der Ritter: „Frau, steiget ab!“ Sie sprach: „Ich tue, was Ihr mich heißt.“ Darauf stieg der Ritter auch ab und hieb dem Pferd das Haupt vom Rumpfe, sprechend: „Wärest du nach meinem Sinn gegangen, so wäre dir nicht der Tod geworden. Frau, dies ist geschehen, wie Ihr seht. Mir war das Pferd gar unlieb geworden, wie auch Windspiel und Falke. Nun aber ist mir ein ungewohnt und beschwerlich Ding, zu Fuße zu gehn, und ich habe des keine Übung. Ich werde nun Euch reiten!“ und damit begann er, ihr Riemen und Bande anzulegen und auch den Sattel wollte er ihr aufschnallen. Sie sprach: „Herr, ich trüge schon genug an Euch, lasset den Sattel und die Seile, viel herzlieber Herre mein, ich trage Euch ja sanfter und besser ohne ihn.“
„Ei, Frau, wie stände mir das an, daß ich Euch ritte ohne Sattel und Zeug?“ fragte der Ritter heftig. „Ihr habt böse Sitte, daß Ihr gegen meinen Willen zu reden Euch erkühnet!“ Und da ließ sie sich gefallen, daß er zur Stund sie sattelte und aufzäumte wie ein Roß, und ihr Zaum und Gebiß in den Mund legte, und gab ihr die Steigbügel in die Hände, die stramm zu halten, saß dann auf und ritt sie so eine kleine Weile, etwa dreier Speerlängen weit, bis ihr die Ohnmacht zuging von der schweren Last.
Da stieg der Ritter von ihr ab und sprach: „Frau, schnappt Ihr nach Luft?“ — „O nein, Herr!“ antwortete sie. Weiter sprach er: „Das ist ein schönes Feld, da könnt Ihr nun im Zelt (Schritt) gehen.“ Sie sprach, indem sie auf Händen und Füßen weiterkroch: „Ich will es gern tun. Auf meines Vaters Hofe laufen viele Pferde, denen hab’ ich Zeltgang abgelernt.“
„So wollt Ihr alles tun, was ich will?“ fragte der Ritter, und sie gegenredete: „Und wenn ich tausend Jahre leben sollte, so wollte ich tun, was Euch lieb ist!“ Da hieß er sie aufstehn und nahm sie schön an der Hand, und führte sie sittsamlich heim in sein Schloß, wo seine Freunde versammelt waren, die grüßten sie ehrfurchtsvoll und geleiteten sie in ihr Zimmer. Das geschah mit großen Freuden, und die Frau war das allerliebste Weib, ehrbar und wohlgezogen, ohne List und Trug, treu, ruhig, mild, keine Tugend fehlte ihr. Ihre Gäste empfing sie freundlich und fröhlich, und ohne Haß und Unwillen erfüllte sie, wie ein biederes Weib tun soll, die Wünsche ihres Eheherrn.
Als nun sechs Wochen vergangen waren, fuhren der jungen Frau Vater und Mutter zu ihrer Tochter hin, zu sehn, wie es ihr ergehe und wie sie sich gehabe. Bald genug erfuhr die Mutter, was geschehen war, und wie ihre Tochter ihrem Manne gehorsamte, als sie diese zornig schalt und ihr zurief: „O über dich unseliges Weib! Was ich sehen und hören muß, läßt mich zweifeln, daß du mein Kind bist. Was? Du lässest deinen Mann deinen Meister sein?“ Und dabei schlug die böse Mutter die Tochter ins Gesicht und wo sie sonst hinkam, und fiel ihr in die Haare und raufte sie, schlug und schalt und trieb einen schrecklichen Unfug. Die junge Frau weinte und schrie: „Seid Ihr hergekommen zu schelten, so wartet doch, bis Ihr des Ursach findet! Ich habe den allerbesten Mann, und er ist gut und bieder, wer aber seinen Willen nicht tut, dem geht er in seinem Zorn gleich ans Leben. Darum, Mutter, habt weisen Sinn und hütet Euch, Arges wider ihn zu sprechen, denn er ist so zornmütig, daß er alles, was seinem Willen entgegen ist, im Zorn richtet und vernichtet.“
„Hoho! Morgen ist auch noch ein Tag!“ höhnte die Mutter. „Wie schlimm dein Mann sei, das macht mir den geringsten Kummer! Nicht ein Haar stark acht’ ich seiner! Du alberne Trine! Dir muß der Teufel durchs Hirn fahren, daß du wagst, mir, deiner Mutter, mit deinem Mann zu dräuen!“
„Mutter, ich dräue Euch ja nicht!“ verteidigte die Tochter sich. „Ich sage Euch ja nur die Wahrheit; ich darf Euch doch wohl raten, meinen Mann baß zu grüßen, denn wolltet Ihr ihm tun, wie meinem Vater, so zerbläut er Euch den Rücken, und obschon Ihr nicht viel Haares mehr habt, ist’s dessen noch genug, daß er’s Euch ausreißt!“