Diese letztgenannte Form erfährt dann, vielleicht — wie bereits Sybel[34] annahm, unter asiatischem Einfluss — weitere Ausgestaltung; der mittlere Kolben oder auch die Anhängsel vervielfachen sich, oder eine Art Palmette oder mehrere Voluten entwickeln sich aus dem Kelche, und Aehnliches. Diese manchmal recht abenteuerlichen Gestaltungen, die für die Ornamentik des neuen Reiches von grosser Bedeutung sind, interessiren uns für die Säulenfrage jedoch nicht, da derartige Gebilde erst an ganz späten Säulen auftreten; wir können uns vielmehr mit der Kenntniss der einfachen Lilie und der „Lilie mit Anhängseln” für unseren Zweck begnügen.
Die charakteristische Form derselben ist schnell beschrieben: aus einem dreiblättrigen, meist gelben Hüllkelch, der auf grünem oder blauem Stengel sitzt, erwachsen zwei schlanke, oben nach aussen überfallende Blätter von blauer, manchmal auch grüner Farbe; zwischen diesen äusseren Blättern erhebt sich ein roter, oben abgerundeter Kolben. Die gleichfalls kolbenförmigen Anhängsel sind auch stets rot. Die Pflanze hat also mit keiner der sonst bekannten ägyptischen Ornamentpflanzen irgendwelche Aehnlichkeit. Dass sie wirklich ein Gebilde für sich ist und nicht etwa nur eine Ableitung aus einer anderen Pflanze, zeigen schlagend die Kapitelle mancher „Bouquetsäulen”, bei denen die Künstler absichtlich die verschiedenen ihnen geläufigen Pflanzen vereinigten, um den Eindruck einer möglichst reichen Prunkarchitektur hervorzubringen. So z. B. die schon öfters angeführte im Grabe des Sen-nudem abgebildete Säule ([Abb. 34]). Hier hat der Künstler zuerst Nymphaea Lotus, dann Nymphaea caerulea, dann unsere Lilie und endlich Cyperus Papyrus dargestellt und somit fast seinen ganzen Formenschatz an Pflanzenkapitellen erschöpft.
Eine besondere Pflanze ist also die in Rede stehende jedenfalls; warum haben wir ihr aber den Namen „Lilie” gegeben? Weil sie am ehesten einer schematisch dargestellten Liliacee oder besser einer Irisart entspricht. Namentlich die überfallenden Blätter mit den Anhängseln erinnern an die äusseren umgeklappten Blüthenblätter mancher Irisarten, während der mittlere Kolben die inneren aufrecht stehenden Blätter versinnbildlichen könnte. Die später hinzutretenden roten „Anhänger” könnten vielleicht die Köpfe der Staubfäden darstellen, die bei manchen Irisarten unter den sich einrollenden — allerdings inneren — Blättern so geschützt liegen, dass nur die rotbraunen, kolbenförmigen Enden darunter hervorsehen.
Es ist jedoch bei diesem Gleichstellungsversuch die eine Hauptschwierigkeit nicht zu übersehen, dass nämlich bisher keine Lilien- oder Irisarten in Aegypten nachgewiesen sind. Und die fragliche Pflanze muss doch im Alterthum so häufig oder für ihr Gebiet so charakteristisch gewesen sein, dass man sie als Wappenpflanze für Oberägypten wählte, im Gegensatz zu dem für sein Gebiet ebenso bezeichnenden unterägyptischen Papyrus, der allerdings heute auch schon aus ganz Aegypten verschwunden ist.
Wir wollen daher vorläufig in Ermangelung einer richtigen Bezeichnung den Namen „Lilie” nur zur leichteren Verständigung gebrauchen, bis die Botaniker die wahre Bedeutung der Wappenpflanze[35] Oberägyptens festgestellt haben werden.
Bei der eben gegebenen Aufzählung von Lilien aus verschiedenen Epochen wird es manchem Leser aufgefallen sein, warum das älteste Beispiel nicht genannt worden ist, zumal dies allgemein bekannt ist: die Lilien von den Thronen der Chefren-Statuen zu Giseh. Die absichtliche Fortlassung dieses Beispiels nöthigt mich zu einem kleinen Excurse über das Alter dieser Statuen.
Ueber Figur, Gesicht und Tracht des Chefren zu sprechen, ist hier nicht der Ort, auch nicht über die Inschriften, die Form der Hieroglyphen und die Art der Behandlung des Löwenthrones; uns wird hier allein das Vereinigungszeichen an den Seiten des Thrones beschäftigen. Da wir nach den oben angeführten Beispielen aus dem alten und mittleren Reiche, die sich namentlich für das letztere noch bedeutend vermehren liessen, genau wissen, wie ein solches Zeichen aussehen muss, so werden wir leicht sehen, wie es der Künstler der Chefren-Statuen missverstanden hat.