Eine Abart dieser Rohrsäulen scheinen die Schilfbündel-(?)-säulen zu sein, von denen Petrie eine nach den in Tell el Amarna gefundenen Fragmenten bis auf das Kapitell wohl sicher richtig reconstruirt wiedergiebt.[91] Die gelblich grünen Schilfblätter dieser Säulen waren aus Fayencestücken gebildet, von denen einige auf der vorigen Seite dargestellt sind ([Abb. 81]); die Bänder, von denen das Schilf zusammengehalten war, waren wohl in andersfarbiger Fayence gehalten oder theilweise auch in Bronce ausgeführt, und griffen über den wohl an beiden Seiten, oben und unten angebrachten Falz der vertikalen Fayencestücke (s. in der Abb. links unten) über. Leider reichen aber auch hier die Fragmente nicht aus, um die Pflanze, welche gemeint ist, mit hinreichender Sicherheit zu bestimmen.

Die zweite Art, von der gar nur ein Beispiel und auch das nur in Abbildung auf uns gekommen ist, scheint von einer Winde[92] hergeleitet zu sein. Convolvulus- oder Gentiana-(?)-Arten finden sich öfter ornamental verwendet, wie ein vorstehend gegebenes Beispiel aus einem gemalten Kranze von der Brust eines Sargdeckels in Mumienform aus dem Funde der Amonspriester von Dêr-el-baḥri zeigt ([Abb. 82]). Man sieht an diesem Beispiele deutlich, wie aus dem kleinen Kelche die glockenförmige Blüthe ohne Theilung in einzelne Blüthenblätter herauswächst; auf die Färbung, die vom Gelb am Kelch in Roth und endlich in Grün oder Blau übergeht, dürfte ebensowenig etwas zu geben sein, wie auf die Bemalung der einzig publicirten Windensäule ([Abb. 83]), welche ihre Farbenfülle zuerst wohl der Phantasie des ägyptischen Künstlers und in zweiter Linie der Schönfärberei der modernen Publication zu danken haben dürfte.

Bei diesem Beispiel, das, wie die Zwischenstengel zeigen, als Bündelsäule aufzufassen ist, erinnert nur die äussere Form des Kapitells an die oben gezeigte Windenform, die Bemalung und streifenförmige Eintheilung der Blüthenglocke ist völlig willkürlich. Sehr getreu aber sind die Knospen auf den Zwischenstengeln der Natur abgelauscht; das Hervorbrechen der noch spitz zusammengedrehten Blüthenglocke aus den wenig geöffneten Kelchblättern ist den Winden so eigenthümlich, dass der ägyptische Künstler mit seinem gewohnten Scharfblick für das Charakteristische der einzelnen Pflanzenarten es anbringen musste.


[Schluss.]

Aus den vorstehenden Kapiteln wird der Leser die Ueberzeugung gewonnen haben, dass die früher vielfach gehegte Ansicht, die ägyptische Architektur verfüge nur über eine verhältnissmässig geringe Anzahl von Pflanzensäulen — meist wurde ja alles für Lotus erklärt und ausserdem höchstens noch die Palmensäule zugelassen —, dass diese Ansicht, die dann womöglich noch diesen Säulenarten irgend eine gesuchte symbolische Bedeutung unterlegte, angesichts der grossen Menge von verschiedenartigen Pflanzengattungen, welche die altägyptischen Künstler zu Säulenformen umzustellen vermochten, als veraltet zu bezeichnen ist. Mit den verschiedenen sieben bis acht Arten von Pflanzen, die in allen Stadien ihrer Entwicklung, geschlossen oder offen, als Knospen oder Blumen, zu Säulen geformt uns im Laufe der vorstehenden Abhandlung entgegengetreten sind, werden wir den Formenschatz der alten Künstler voraussichtlich noch nicht erschöpft haben; an den Säulen der Spätzeit, die ja in gewissem Grade von der Besprechung ausgeschlossen waren, treten noch einige weitere Pflanzen auf, auch kann uns jeder Tag unerwartete Funde bringen, welche wie die reiche architektonische Ausbeute aus Tell el Amarna uns neue Gestaltungen von Pflanzensäulen zu zeigen vermöchten.

Es muss sich uns infolge dieser Mannigfaltigkeit die Frage aufdrängen, weshalb die alten Architekten mit solcher Vorliebe Pflanzen zu Säulenmotiven verwendeten. Irgend welche Symbolik, dass etwa die eine oder die andere Pflanze dem Gotte, in dessen Tempel sie als Säule stand, heilig gewesen wäre, oder dass sie wie Papyrus und Lilie, die Wappenpflanzen von Unter- und Oberägypten, zur Bezeichnung der Nord- und Südhälfte des Tempels unter Anspielung auf die beiden Reichshälften[93] dienen sollten, derartige Symbolisirungen sind ausgeschlossen, da man sonst irgend eine Regel in der Anwendung der verschiedenen Pflanzenmotive müsste entdecken können. Die einzelnen Pflanzensäulen werden vielmehr ohne jede erkennbare tiefere Absicht, rein nach dem Geschmack des Architekten, in der Spätzeit sogar mit Vorliebe in buntem Durcheinander angeordnet. Es muss also wohl eine andere Bewandtniss damit haben.

Bereits Maspero hat in seiner Archaeologie égyptienne, S. 88, bei Besprechung der Innendecoration der Tempel uns den richtigen Weg zum Verständniss des Wesens der Pflanzensäulen gewiesen, leider jedoch ohne seine Theorie bis zu den letzten Consequenzen, d. h. bis zu ihrer Anwendung auf die Säulen selbst durchzuführen.