Nach Maspero war der Tempel bezw. das architektonisch durchgebildete Innere eines Hauses dem Aegypter ein Abbild der Welt. Der Fussboden stellte die Erde dar, über ihm breitet sich der Himmel, die Decke, aus. Dieser Vorstellung passt sich die ganze Decoration des Raumes an. Die Decke ist nur mit himmlischen Dingen geschmückt: Sterne in regelmässiger Vertheilung, fliegende Vögel, Darstellungen von Sternbildern und des Sonnenlaufs, ja selbst Sternverzeichnisse sind dort angebracht. Im Gegensatz dazu erhält alles, was dem Boden nahe ist, pflanzliches Ornament, das meist noch so aufgefasst wird, als wüchse es aus dem Boden heraus. Die Mauersockel sind mit langen Reihen von Papyrusstauden verziert, Büsche von anderen Wasserpflanzen kommen daneben vor, die Basen der Säulen sind von Blattwerk umgeben — Nein! nicht nur das, vielmehr sind die ganzen Säulen Pflanzengebilde, die aus der Erde emporspriessen und frei in den Himmel hineinragen.
Eine merkwürdige, phantastische Auffassung, auf der wir da die sonst so prosaischen Aegypter ertappen. Und dass hier nicht etwa blos eine vom Kunsthistoriker den schaffenden Künstlern untergelegte Anschauung zu Tage tritt, das lässt sich zum Ueberfluss noch haarscharf beweisen. Ein glücklicher Zufall hat uns nämlich „die breite und die tiefe Halle”, gewissermaassen das Speise- und Empfangszimmer des Palastes Amenophis' IV. in Tell el Amarna vollständig erhalten. Dies „vollständig” ist nicht zu viel gesagt; wir haben nämlich die Grundrissmauern mit den prachtvoll erhaltenen Estrichen[94], zur Reconstruction völlig ausreichende Fragmente der Säulen[95] und last not least mehrere alte untereinander übereinstimmende Abbildungen dieser Säle[96]. Die Estriche sind herrlich bemalt, in der Mitte sind Teiche mit allerlei Fischen und Wasservögeln; umgeben sind dieselben von Rohr-, Papyrus- und Schilf-Dickicht, in welchem wieder verschiedene Thiere sich tummeln, des Weiteren folgen ornamentale Gefässdarstellungen und, da der Estrich in einem Königspalast liegt, im Mittelgang die Figuren von Gefangenen, die gefesselt am Boden liegen und über die der König hinwegschreiten soll. Alles deutet also darauf hin, dass der Fussboden wirklich als Erde aufgefasst ist. Die Säulen, welche in der Mitte der Säle in Reihen standen, stellen Pflanzen und zwar Palmenstämme und Schilfbüschel dar, die um die Teiche des Estrichs herum stehen. Wie die Decke darüber aussah, auch das hat uns ein ägyptischer Maler in seiner kindlichen Manier überliefert ([Abb. 84]). Als er jene Darstellung des Palastes, den er, nach allen Details zu urtheilen, genau kannte, entwarf, da wollte er auch den gemalten Himmel an der Decke der Säle wiedergeben. Er wusste, dass dieser Himmel, wenn er, im Saale stehend, ihn betrachtete, stellenweise durch die oberen Theile der Palmensäulen verdeckt wurde. Das richtig darzustellen überstieg aber seine perspectivischen Kenntnisse. Er malte daher ganz dumm seinen Himmel und zwar die Hieroglyphe
für Himmel — hinter die obersten Theile der Säule, dicht unter die Deckenlinie.[97] Darunter stellte er dann noch die an die Decke gemalte strahlende Sonne dar. Sehr schön ist ja diese zeichnerische Leistung nicht, aber wir sehen doch wenigstens daraus, wie die Decke in jenem Saale decorirt war.
Die Ausschmückung der Räume des Palastes von Tell el Amarna ist also ein vollgültiger Beweis für die oben angeführte Theorie, dass die Aegypter die Innenräume ihrer Tempel und Häuser „à l'image du monde” aufgefasst und demgemäss decorirt haben, und dass nur eine nothwendige Folge dieser Auffassungsweise das Vorkommen von Pflanzensäulen ist. Diese Säulen sind also keineswegs nur wie klassische oder mittelalterliche Säulen mit Pflanzenkapitellen als Säulen mit ornamentalen, pflanzlichen Zuthaten anzusehen, sondern stellen in ihrer ganzen Grösse von der Basis bis zum Kapitell nur eine Pflanze oder ein Pflanzenbündel dar.
Nebenbei mag erwähnt werden, dass die Fiction, der Boden sei die Erde und die Decke der Himmel, noch einer anderen Gattung von Säulen das Leben gegeben hat, die ganz diametral den Pflanzensäulen gegenüberstehen. Während nämlich letztere, wie wir noch weiter auszuführen haben werden, frei in den Himmel, d. h. gegen die Decke emporstreben und den Gedanken eines Tragens gar nicht ausdrücken sollen, so bedeuten jene direct Stützen des Himmels, und ihre Formen sind verschiedenen mythologischen Symbolen nachgebildet, von denen es wohl in der religiösen Litteratur der Aegypter hiess, dass sie die Himmelsdecke tragen. Zu diesen „Symbolsäulen” rechne ich die Sistrumsäule und die Dedsäule. Die erste, früher unter dem Namen „Säule mit Hathorkapitell” allgemein bekannt, stellt ein vollständiges Sistrum
dar, wie ein Vergleich mit den in den Museen in natura oder in Fayencenachbildungen aufbewahrten Exemplaren dieser Klappern sogleich darthut. Der Säulenschaft (s. [Abb. 85]) ist der Stiel der Klapper, Kapitell und Abakus bildet das auf Hathormasken sitzende, hohl zu denkende Kapellchen mit den seitlich anschlagenden Metallfedern. Diese Säulenart kommt, wie schon Lepsius in seinen Tagebüchern vermuthet, anscheinend nur in Tempeln weiblicher Gottheiten[98] vor und wohl meist auch da nur in solchen, deren Göttinnen mit der Hathor irgendwie confundirt werden können.