ḏd „Beständigkeit, ewige Dauer” Veranlassung gegeben hat, diese Hieroglyphen symbolisch als Säulen zu verwenden.

Wie dem auch sei, jedenfalls haben wir in den Symbolsäulen eine den Pflanzensäulen der Idee nach völlig entgegengesetzte Kategorie von Stützen zu sehen, die aber ebenso wie jene ihren Ursprung der Vorstellung der Aegypter verdankt, dass der Innenraum des Tempels eine Wiedergabe der Welt sein soll.

Indem wir uns nun zum Schlusse wieder den Pflanzensäulen zuwenden, wollen wir noch auf ein wichtiges Moment unser Augenmerk richten. Es ist oben schon kurz bemerkt worden, dass der Aegypter sich seine Pflanzensäule als frei zum Himmel emporragend denkt, dass also die Idee des Tragens, die man bisher immer in einer Säule verkörpert zu sehen erwartete, bei der ägyptischen Pflanzensäule überhaupt nicht zum Ausdruck kommt.

[Abbildung 88.]

Da wir es hier also mit einem eclatanten Falle zu thun haben, bei welchem der Satz: „Jeder Bautheil zeigt seine Function durch Form und Ornamentirung an”, durchbrochen wird, so müssen wir wohl unsere Ansicht vom Wesen der ägyptischen Pflanzensäule noch etwas weiter begründen.

Die ganze Auffassung des Tempels als Welt weist uns ja schon darauf hin, dass die zu Säulen verwendeten Pflanzenformen nicht als wirkliche Stützen gedacht sein können, denn wer würde wohl auf die Idee gekommen sein, den Himmel von Blumen tragen zu lassen. Es herrscht vielmehr die Vorstellung, dass die Himmelsdecke über den Pflanzen der Erde frei schwebe. Constructiv ist das natürlich nicht möglich, der Architekt braucht ein Bindeglied, das die Last der Decke auf die Säulen überträgt. Diesen Bautheil, der ihm in seine ideale Conception gar nicht hineinpasst, versteckt er aber so viel als möglich: Der Abakus der ägyptischen Säule ist stets klein, ohne Ornament und in den meisten Fällen von unten überhaupt nicht zu sehen, er ist dem ägyptischen Künstler eben nur ein unvermeidlicher Constructionstheil, den er braucht, da er seinen frei schwebend gedachten Himmel über den Pflanzensäulen sonst nicht festhalten kann.

Früher wurden gerade immer die damals sogenannten Lotusknospen- und Lotusblüthensäulen — d. h. unsere geschlossenen und offenen Papyrusdoldensäulen — als schöne Beispiele dafür angeführt, wie durch die Form des Kapitells das Tragen versinnbildlicht werde; seitdem wir aber gesehen haben, dass diese Formen der freien, unbelasteten Papyrusdolde nachgebildet sind, kann von einer Versinnbildlichung des Tragens natürlich keine Rede mehr sein. Man könnte sich wirklich nichts Ungeeigneteres für die Aufnahme von Lasten denken, als so eine leichte Papyrusdolde, die kaum unter ihrem eigenen Gewicht sich zusammenzuhalten vermag. Zum Ueberfluss tritt noch das hinzu, dass wir denselben Pflanzenformen, welche zu Kapitellen Verwendung fanden, in der ägyptischen Kunst auf Schritt und Tritt da begegnen, wo sie absolut keine tragenden Functionen auszudrücken haben: Als Scepterbekrönungen[103], Knöpfe[104], freistehende Verzierungen an Stühlen[105], ja sogar als Quasten[106] finden wir dieselben Pflanzen wieder.

Die Theorie, dass jeder Architekturtheil seine constructive Function auch äusserlich zeige, ist also wenigstens für die ägyptische Architektur — oder jedenfalls für die Bildung der ägyptischen Pflanzensäule — angesichts der aufgeführten Thatsachen direct zu leugnen, wir kommen hier vielmehr, so paradox es klingen mag, zu dem Schluss: