[Abbildung 9.]

Ein weiteres Beispiel aus dem alten Reiche giebt eine Abbildung im Grabe des Ra'-schepses zu Sakkara[11], die gleichfalls aus der Zeit der 5. Dynastie stammt. Es ist auch hier eine Bündelsäule gemeint, wenn auch am Schaft die verschiedenen Stengel nicht besonders bezeichnet sind; die in kurzen Abständen angegebenen Umschnürungen des Schaftes sprechen deutlich für eine Bündelsäule.

Die besten Beispiele für die geschlossene Lotossäule liefert uns das mittlere Reich. Die Säulen dieser Art aus Benihassan sind allgemein bekannt. Hier ist eine derselben nach einer Lepsius'schen Aufnahme[12] in der [Abb. 10] dargestellt. Die flache, kreisförmige Basis soll wohl wieder den Erdhügel vorstellen, aus dem dieses Mal vier zusammengebundene runde, nach oben sich verjüngende Lotusstengel herauswachsen, ohne die bei den Papyrussäulen üblichen Basisblätter, welche ja dem Lotus auch nicht zukommen, und ohne die auch nur beim Papyrus vorkommende Schwellung. Die farbigen Streifen dieser Stengel würde man leicht für die zusammenhaltenden Bänder halten können; mit Rücksicht auf die Farbentheilung der kleinen Zwischenstengel aber, bei denen zusammenhaltende Bänder nicht erforderlich wären, wird man sie jedoch nur für eine willkürliche Farbengebung zu halten haben, da auch ausserdem die Darstellung der sicher für Bänder anzusehenden Ringe dicht unter dem Kapitell dafür spricht, die fragliche Farbentheilung nicht auf Bänder zurückzuführen. Die vier Stengel sind also erst oben dicht unter den Knospen durch fünf Halsbänder zusammengefasst, nachdem zwischen die Hauptstengel noch vier „Zwischenstengel” gelegt sind, die manchmal, wie auch in dem Beispiel aus dem alten Reiche, kleine Knospen oder Blumen tragen. Das Kapitell selbst zeigt vier richtig geformte Knospen von Nymphaea Lotus mit der klaren Wiedergabe der charakteristischen Längsstreifen. Es sind nicht etwa oben abgestumpfte Knospen, die hier zur Darstellung gekommen sind, sondern ganze, wie aus der Bemalung am oberen Ende deutlich zu ersehen ist. Auf den Knospen ruht der das Gebälk aufnehmende sehr flache Abakus, der einzige Theil der Säule, welcher keinen rein ornamentalen Ursprung hat, sondern seine Form construktiven Rücksichten verdankt.

[Abbildung 10.]

Neben den eben beschriebenen scheinen in Benihassan in Grab 18 auch noch andere Säulen derselben Gattung mit drei Zwischenstengeln — einem längeren und zwei kürzeren — zwischen je zwei Hauptstengeln vorzukommen; wenigstens glaube ich es so auf einer Petrie'schen Photographie[13] zu erkennen.

In Abbildungen finden sich diese Säulen naturgemäss auch, so z. B. in Bersche im Grabe des Kej ([Abb. 11]). Diese Zeichnung ist für die verschrobene Art der altägyptischen Darstellung nicht uninteressant. Die Theilung des Schaftes in mehrere Stengel ist nicht angegeben, die Zwischenstengel sind neben die Halsbänder gesetzt, die Knospen der Zwischenstengel haben falsche Richtung, und beim Kapitell könnte man im Zweifel sein, ob eine etwas geöffnete Knospe gemeint ist, oder ob es die vier Knospen des Bündelkapitells in Vorderansicht sein sollen. Man sieht, dass es manchmal nicht leicht gemacht wird, aus der altägyptischen Abbildung das wirkliche Aussehen der Säule zu ermitteln.

[Abbildung 11.]