Verdrossen murrte der Fürst: »Gott muß sich schön was denken, wenn er dich als katholischen Priester so räsonnieren hört!«
»Da glaub ich erstens, daß Gott was Gescheiteres zu tun hat, als auf mich aufzupassen. Und zweitens mein' ich, daß es ihm gleich ist, ob die Menschen von rechts oder von links zu ihm kommen. Wenn sie nur nit ausbleiben. Und schauet, Herr, zwischen einem Katholiken, wenn es kein schlechter, und einem Evangelischen, wenn es ein rechter ist, wär allweil ein ruhvolles Nebeneinanderleben möglich. Nit zwischen den Hetzern und Streithammeln. Da ist Krieg, bis ihnen die bösen Kräft entrinnen. Ich will hoffen auf den Sieg des Guten. Hoffnung muß das ewige Laster aller Menschheit bleiben. Und da glaub ich, Herr, daß der Hader um die Religion in Deutschland nur halb herausgewachsen ist aus dem Kirchboden. Das geht noch auf was anderes zurück, als auf die sprenkligen Glaubensfarben und auf das dreißigjährige Morden im Reich. Das Ding ist älter. Der Gegensatz im Glauben hat's nur erneut und aufgeblasen zu gefährlicher Unform.«
»Ich verstehe nicht. Was meinst du damit?«
»Den bockbeinigen Eigensinn und die händelsüchtige Rechthaberei der Deutschen! Der tiefe Graben, der überall aufgerissen ist zwischen allen deutschen Stämmen, will ein Sumpfloch werden, in dem das Beste der deutschen Kraft versinkt. Sonst ist die unglückselige Torheit nur daheimgewesen in den Herbergen und Studentenbursen, auf den Märkten und Kirchweihen. Jetzt hängen sich die landsmännischen Galläpfel an alles Große und Wichtige im Reich. Ein verzweifeltes Elend! Überall die gleiche Narretei und Unvernunft: daß man den anderen, weil er anders redet, in anderem Hut oder Kittel geht, allweil minder einwertet als sich selber.«
Ungeduldig sagte Herr Anton Cajetan: »Das war so, seit es Deutsche gibt. Und es wird so bleiben.«
»Dann werden die Deutschen dran zu Grund gehen.«
»Ach, Torheit! Und hat es sich seit zwei Jahrhunderten immer mehr verschärft – wer ist der Schuldige?«
Der Pfarrer nickte. »Wahr ist's, er hat uns Römischen eine bittere Mahlzeit eingebrockt. Aber wer weiß, ob das Ding mit ihm so weit gegangen wär, wenn man auf unserer Seit ein bißl einsichtsvoller hätt sein können, ein bißl menschlicher und – weniger konsequent.«
»Ludwig?« fiel Herr Anton Cajetan dem Pfarrer zornig in die Rede. »Willst du nicht lieber gleich hinübergehen zur Ketzerliste und dich inskribieren?«
Der Pfarrer lächelte. »Ich? Nein, Herr! Ich mein' nur, eine Sonn, die sticht, bleibt allweil auch eine Sonn, die geleuchtet hat.« Etwas Heißes und Bestürmendes kam in den Klang seiner Worte, obwohl sie leiser wurden. »Herr? Habt Ihr nie seine Bibel gelesen? Nur um der Sprach willen? Als deutsches Buch?«