Anton Cajetan machte mit den Schultern eine graziöse Bewegung. »Deutsch!«

»Ein kurzes Wörtl! Aber die kürzesten, Herr, sind allweil die tiefsten – wie Gott und Herz, wie Glück und Not.« Noch leiser wurde die von Erregung bebende Stimme des Pfarrers. »Herr! Des Luthers Bibel, und wär's nur um ihrer kraftvollen und neugeborenen Sprach willen, ist ein Gesundbrunnen, eine heimatliche Erweckung für uns Deutsche. Wie der Heiland gesprochen hat zur Tochter des Jairus, so spricht jedes Blatt dieses Buches zum deutschen Volk: Steh auf und rede! Und das, Herr, das vor allem ist der geheimnisvolle Zauber, den dieses Buch auf unsere deutschen Bürger und Bauern übt! Da verstehen sie, wenn sie lesen. Und spüren, daß sie dem vaterländischen Boden noch nit entwachsen, noch nit pariserisch oder spanisch geworden sind, sondern allweil noch mit Blut und Herz an der Heimat hängen.« Die hagere Gestalt des Greises streckte sich, und in seinem Blick war ein Hoffnungsglanz, wie in den Augen eines Jünglings, der von den Heiligkeiten seiner Liebe spricht. »Besinnen sich die Herren ihrer Pflicht und Herkunft nit, ihres nötigen Rückwegs in die Heimat, so wird das deutsche Bürgertum und das Volk der deutschen Bauern dem kranken Reich einen Weg zu gesundem Heil und zu neuer Zukunft bauen – auch ohne die Herren!« Pfarrer Ludwig vermochte nicht weiter zu sprechen, weil er heftig niesen mußte, so unerwartet, daß er sich nimmer völlig beiseite wenden konnte.

Der Fürstpropst war in aufmerksamer Spannung nähergetreten. Jetzt wich er fluchtartig zurück, brachte sein Spitzentüchelchen und das goldene Riechsalzfläschl in flinke Tätigkeit und klagte erbittert: »Eh bien, nun hast du mir auch noch mitten in die Physiognomie hineingenossen.«

Der Pfarrer tat einen schweren Atemzug. »Das ist traurig, Herr: denken müssen, daß ich Euch vielleicht beredet hätt zu einem verständigen Entschluß – wenn ich nit katarrhalisch wär. Ja, ja: die kleinen Ursächlen und die betrübsamen Wirkungen!« Er versuchte sich seiner Erregung durch ein heiteres Wort zu entwinden. »Vielleicht wär auch die Welt nit erschaffen worden, wenn sich der liebe Gott vor dem ersten Schöpfungstag im kühlen Chaos ein Tropfnäsl geholt hätt.«

»Mon cher! Du beginnst impertinent zu werden. Es war nicht nur gesundheitsgefährlich, heute mit dir zu konferieren, ich muß auch die Wahrnehmung machen, daß ich mich gründlich in dir getäuscht habe. Inkommodiere mich nicht mehr mit deinem Volk! Wo tauber Same in morastigem Acker fault, da siehst du Frühlingssaat. Dein Volk ist widerspenstig und voll Eigennutz. Dein Volk ist dumm. Dein Volk ist schlecht.«

Das Gesicht des Pfarrers bekam so grimmige Züge, daß es mit seinen häßlichen Warzen dem Antlitz eines mehr als verdächtigen Menschen glich. »Nein, Herr! Das Volk ist weder gut noch bös, ist weder weiß noch schwarz. Das Volk ist grau, wie sein Elend ist. So hat man das Volk mit Seelenzwang, mit Jammer und Not gefärbt. Und nit zu verkennen ist das, Euer Liebden, daß in geistlichen Fürstentümern das Volk weit elender ist, als unter weltlichen Herren. Die geistlichen Fürsten sagen: Selig sind die Armen, denn ihrer ist das Himmelreich. Und weil sie als Priester wollen müssen, daß jeder selig wird, drum sorgen sie als Fürsten dafür, daß jedermann arm ist.«

In Zorn machte Herr Anton Cajetan eine Bewegung, als möchte er auf den Pfarrer zuschreiten. Doch er hielt sich ferne. »Mein langer Ludovice! Du bist entweder ein großer Mensch, oder ein ganz erstaunlicher Narr.«

»Wofür entscheiden sich Euer Liebden?«

»Für das letztere.«

»Da werde ich mit dem Ratschlag, den ich noch geben muß, kaum Glück haben. Aber geben muß ich ihn. Und daß ich vom fürstlichen Priester hab reden müssen, ist schon eine Staffel gewesen. Den Entschluß, den die Not Eures Lands und die Sorg um das Reich von Euch fordern, könnt Ihr niemals finden als Priester. Nur als Fürst. In Euch selber könnt Ihr Euch nit auseinander schneiden. So müßt Ihr den Schnitt zwischen Euch und Eurem Ländl machen.«