Sie haben's kein Gewinn,

Das Reich muß uns doch bleiben.«

Nur noch das Rauschen im Wald und der schweigende Sternglanz, von dessen Widerschein die Schneekrystalle an den Felszacken feine, farbige Lichterchen bekamen. Der junge Oberst drückte den Dreispitz über den Scheitel und begann mit ungeduldiger Hast das steile Gehäng hinaufzuklettern. »Komm er!« Bei einer Wende des Waldsaumes trafen die zwei mit den beiden anderen zusammen, und atemlos begann der Geheimrat ein französisches Gewirbel seiner Sorge herauszustammeln. Der junge Oberst machte eine unmutige Handbewegung und sagte deutsch, mit einer soldatisch harten Stimme: »Laß er, Danckelmann! Wir haben kostbare Minuten verläppert. Dort oben seind unsere neuen Kinder. Eenen, der leidet, darf man nich warten lassen. Hinauf!« Er kletterte, als hätte dieses Wort ihm Kräfte gegeben, die alles Zarte seines Körpers verwandelten zu stählernem Willen. Leupolt Raurisser, von einer schweren Erschütterung befallen, tastete nach der Schulter des Grenzjägers. »Hies!« Die Stimme wollte leise sein und war doch ein glückheißes Jauchzen. »Ich bin ein Blinder gewesen.« Seine Hand deutete hinter dem Steigenden her, den die Dunkelheit zu umschleiern begann. »Der ist der Helfer!« Ein frohes Aufatmen. Dann ein heiteres Flüstern: »Komm! Der braucht uns nit. Wir müssen das alte Knechtl hinter ihm herlupfen.« Jetzt ging es flink nach aufwärts, ohne daß der Geheimrat sich plagen mußte. Ein Eichhörnchen schnalzte. Ein zweites. Leupolt gab Antwort mit dem gleichen Laut. Und Danckelmann fragte: »Was ist das?«

»Es sind die Wächter.« Wie graue Steinblöcke, in den Kitteln der Unsichtbaren, standen die Wächter im Schnee, der eine am Waldsaum, der andere draußen auf dem freien Hang. Als die Aufwärtssteigenden schon verschwunden waren, klang auf dem Schneefeld eine leise Knabenstimme: »Vater? Meinst du, er ist dabeigewesen?« Aus der Finsternis des Waldes antwortete die Stimme eines alten Mannes, so voll Inbrunst wie die Stimme eines Betenden in tiefstem Leide: »Gott soll's geben, Bübl, daß der Helfer kommen ist. Oder es müßt die deutsche Welt verzweifeln.«

Nach stummer Weile ein flehender Laut: »Mir banget, Vater! Darf ich hinüber zu dir?«

»Jetzt nit. Dort ist dein Plätzl. Da hat man dich hingestellt. Da mußt du bleiben, bis der Morgen kommt. Ein Hoffender muß verlässig sein.«

Nur noch das Rauschen der schwarzen Wipfel. Und manchmal sprang eine kleine Schneescholle lautlos über den weißen Hang in die schwarze Tiefe hinunter.

[Kapitel XXIV]

Unter dem Gewimmel der Sterne, die groß und glanzvoll am schwarzblauen Himmel funkelten, erreichten die vier Männer einen steinigen Grat, von dem die Frühlingssonne den Schnee schon fortgeschmolzen hatte. Wie eine große Muschel wölbte sich die Felsmauer, auf deren Höhe sie standen, um einen halbgerodeten Waldfleck, dessen wenige Bäume finster emporstachen aus einer grauweißen, absonderlich gewellten Fläche. Man hörte undeutlich den Klang einer greisen Stimme und sah einen matten Glutschein, der übriggeblieben war von einem erloschenen Feuer. Leupolt trat auf den jungen Oberst zu, der suchend in das Zwielicht spähte. »Schauet, gnädiger Herr, da ist die heilige Fürsagung.«