»Ick sehe niemand. Wo seind die Leute?«
»Grad vor uns. Mehr als tausend müssen es sein.«
Vor dem Glutschein da drunten bewegte sich ein graublauer Schatten. »Eenen seh ick,« sagte der junge Offizier, »nee, viele seind es, viele!« Der Platz unter der Felswand, auf dem die Evangelischen knieten, standen oder saßen, eng aneinander gedrängt, mit ihren weißen Kitteln und Kapuzen, im Halbkreis um den Glutschein herum, glich einem Gewirre mehlgrauer Maulwurfshügel, die mit schwachen Schimmerlinien gesäumt waren und sich immer hoben und senkten. Es war ein Bild, das ergreifend und geheimnisvoll berührte, aber auch befremdend war, so sehr, daß es auf die mangelhaft entwickelte Evangelikanerseele des Hiesel Schneck belustigend wirkte. Er buckelte sich zusammen, hämmerte mit der Faust aufs Knie und ließ ein halbverschlucktes Lachen vernehmen: »Ho ho hohohooo!« Das Gesicht des jungen Obersten fuhr nach ihm herum, und die zornscharfe Stimme sagte: »Wat hat er? Ick finde an diesen Menschen nichts Lächerlichs.«
»Gotts Not und Elend,« stotterte Hiesel erschrocken, »ich versteh's halt nit, verstehst?«
Leupolt legte zuerst dem jungen Offizier, dann dem Geheimrat den Mantel um die Schultern. »Es weht ein schneidiger Luft, wenn's auf den Morgen zugeht. Die Herren müssen sich gut einwickeln. Ich steig derweil zu den Alten hinunter und red mit ihnen.« Lautlos verschwand er hinter den Schrofen in der Finsternis. Während er über das Felsgezack hinunterstieg, hörte er immer deutlicher die Stimme des Fürsagers von Unterstein: »Die Törigen nahmen ihre Lampen; aber sie nahmen nit Öl mit sich. Die Klugen aber nahmen Öl in ihren Gefäßen samt ihren Lampen. Da nun der Bräutigam verzog, wurden sie alle schläfrig und entschliefen. Zur Mitternacht aber ward ein Geschrei: Siehe, der Bräutigam kommt, gehet aus, ihm entgegen!« Die sanfte Stimme des Alten wurde unterbrochen durch einen verzückten Knabenschrei: »Da steigt einer aus dem Berg heraus! Ein Lichtschein ist um ihn her!«
Aus tausend Kehlen ein wunderlicher Laut. Alle weißen Gestalten zuckten auf. Einer, der gegen die Felswand hingesprungen war, erkannte den Jäger und rief: »Der Leupi!« Von Mund zu Mund ging es, wie ein frohes Rauschen, wie ein Aufatmen der Hoffnung: »Der Leupi Raurisser ist kommen!« Viele drängten ihm entgegen. Er stand wie eine graue Säule im Schnee und rief über das Gewühl der ihm entgegendrängenden Weißgestalten hin: »Ein jeder soll bleiben an seinem Platz. Jeder soll Ruh halten. Ich bring den Morgen unserer Not. Nur einen Schnaufer Geduld noch, ihr guten Leut! Erst muß ich reden mit den Alten.« Das Gedräng der Weißgestalten wich auseinander. Wieder bildete sich der Halbkreis, wie er zuvor gewesen. Ein erregtes Stimmengewirr. Man hörte seltsames Aufkichern, hörte leise, fast krankhaft klingende Schreie, hörte das Fiebergestammel einer Verzweiflung, die in Freude verwandelt war, und hörte lallende Laute, wie Betrunkene sie ausstoßen, die lachen möchten und näher dem Weinen sind.
Droben auf der schwarzen Felsmauer sagte einer, dem die Stimme kaum gehorchen wollte: »Danckelmann, das ist erschütternd! Was müssen diese Menschen gelitten haben!«
Auf der weißen Rodung, rings um den roten Glutschein, war Stille. Von der alten Fichte, die sich schwarz neben der Kohlenglut erhob, sprangen elf Weißverhüllte auf Leupolt zu, die Fürsager der neun berchtesgadnischen Gnotschaften, bei ihnen der Mann der Hasenknopfin von Unterstein und der Christoph Raschp von der Wies, die in der Osterwoche heimgekehrt waren aus dem Preußischen. Alle streckten die Hände nach dem Jäger, alle stammelten die gleiche Frage: »Ist er kommen?« Leupolt deutete gegen die Höhe. Etwas wundersam Frohes war in seiner Stimme: »Da droben steht er. Ihr sehet ihn nit in der Finsternis. Und er ist doch unser Licht, ist unser Helfer in aller Not!« Einer von den Alten schrie wie ein Entrückter: »Holz in die Glut! Leut, es taget über unseren Seelen!« Viele sprangen gegen den Glutschein hin. Die Scheite klapperten und klirrten. Ein Knistern und Geprassel. Schwarze Rauchwolken umwirbelten die alte Fichte. Ein Leuchten, ein wechselndes Lichtgezitter. Schön und lodernd stieg die wachsende Flamme gegen die Sterne hinauf. Die knorrigen Wetterbäume schienen funkelnde Blüten zu tragen, der Schneegrund war überwoben von blitzendem Glanz und violettem Schatten, alle nahen Felswände begannen zu glimmen, und die tausend Weißgestalten standen angestrahlt, als wären ihre Leinwandkittel verwandelt in purpurne Gewänder. »Zündet die Kienbränd!« rief der Alte von Unterstein. »Wir Fürsager, alle neun, wir steigen hinauf und holen den Helfer zum Feuer!«
»Ihr müßt den Umweg machen über den Karrensteig!« sagte Leupolt. »Unser Helfer tät auch herkommen über das Wändl. Der zwingt jeden Weg. Aber es ist ein Müder bei ihm. Der muß ein linderes Sträßl haben. Und eh wir den Helfer holen, müssen wir sicher sein, daß sich kein Unbeschaffener nit eingeschlichen hat durch die Wächterzeil.« Er hob die Arme: »Die Gnotschaftsmeister! Zu mir!« Neun Männer kamen gesprungen, von verschiedenen Stellen her. Zu ihnen sagte Leupolt: »Das Feuer ist hell. Jeder zu seiner Gnotschaft! Schauet jedem unter die Kapp, jedem in die Augen! Wär einer dabei, dem ihr nit trauet auf Stein und Bein, so müßt ihr ihn ausweisen aus der Wächterzeil.« Er ließ einen Kienbrand aufflammen am Feuerstoß. »Kommet, Fürsager, ich führ euch.« Während im Ring der rotbestrahlten Weißgestalten die Gnotschaften sich voneinander sonderten, ging der Zug der Kienbrandträger gegen den dichteren Wald hinüber. Hinter den Bäumen verschwanden die Lichter halb und gaukelten mit rauchigem Schein. Bei den Gnotschaftsplätzen, wo einer um den andern sich gegen das Feuer wenden und die Kapuze heben mußte, schrie plötzlich eine Knabenstimme: »Wir Bischofswiesener sind hundertfünfe, da sind zwei Überzählige.« Ein zorniges Hindrängen. Aus den Reihen der Männer wühlten sich zwei Weißverhüllte mit schlagenden Armen heraus und sprangen in wilden Sätzen hinunter gegen den tieferen Wald der Ramsauer Talseite. Die Verfolger jagten sie über die Wächterzeile hinaus. Ein flinker Bub vermochte den einen noch zu haschen, riß ihm die Kapuze herunter, bekam einen Faustschlag ins Gesicht, taumelte über den Schnee und behielt zwischen seinen Fingern die schwarzen Zotten eines falschen Bartes.
»Ich bin nit schuld, Leut!« sagte der Gnotschaftsmeister. »Jeder von den Meinen hat mir die heilige Losung sagen müssen. Daß bei uns die Polizeischnufler umschliefen wie die Mäus in der Mehlkammer, das spüren wir lang.« Aus der Unruh der anderen rief der Hasenknopf heraus: »Wie härter die Prüfung, so fester unsere Seelen. Bloß um den Leupi muß ich mich sorgen. Der ist sichtbar gewesen. Da blüht es ihm morgen, daß er Sonn und Mond nimmer sieht.«