»Dem Leupi wird einer beistehen, der stark in ihm gewesen ist am Bekennertag. Sell droben – schauet, Leut! – da bringen die Fürsager den Morgen unserer Not vom sternscheinigen Himmel her! Machet die Augen sichtbar! Alle! Vor dem Helfer dürfen wir uns nit verstecken.« Der Gnotschaftsmeister streifte die weiße Kapuze in den Nacken zurück. Bei der Feuerhelle sah man ein hageres Gesicht, in dem zwei sehnsüchtige Augen brannten. Wie dieser eine, so taten alle. Tausend Gesichter enthüllten sich, junge und graubärtige, und alle waren einander ähnlich, hatten den gleichen dürstenden Hoffnungsglanz in den Augen, das gleiche stumme Leiden, das sie standhaft ertragen hatten um ihres Glaubens willen. Alle diese heißfunkelnden deutschen Bauernaugen waren emporgerichtet zur Höhe der Felsmauer, über deren Saum die von rotem Licht umzitterten Kienbrandträger mit den zwei fremden Herren herunterkamen.
Der Hallturmer Grenzjäger war nicht bei ihnen. Der war in der Finsternis zurückgeblieben. Was er sah, dieses Wunderliche, zum Lachen Reizende und doch Ergreifende, bedrängte ihm hart das langsame Kindergehirn und machte ihn völlig hilflos. Mit dem Kopf zwischen den Fäusten, stand er wie ein Holzklotz, guckte dem Gaukelzug der Kienbrände nach, getraute sich nimmer zu lachen und klagte in das Nachtschweigen: »Herr Jesu mein, ich versteh's nit! Und ich versteh's halt nit!«
Die Kienbrände qualmten im schwarzen Wald. Nun kamen sie auf die Rodung. Deutlich sahen die Tausend beim Feuerschein den alten würdigen Herrn im braunen Mantelkragen; er ging entblößten Hauptes, und seine weiße Perücke war im Flammenschein wie ein aus Kupfer gebuckelter Helm. An seiner Seite schritt ein anderer, klein, mager, gebeugt; das eckig vorgeschobene Jünglingsgesicht zwischen den losen Haarwischen ging immer hin und her; immer spähten seine Augen; der dunkle Soldatenmantel war von roten Feuerlinien umzeichnet, und die Tressen glitzerten an seinem Dreispitz wie die Juwelen eines Diadems. Das stumme Schauen der Tausend verwandelte sich in unruhiges Stimmengesumm: »Ein Soldat! Da kommt ein Soldat!« Schreck und Sorge klangen aus diesen Lauten. Die Leiden der vergangenen Wochen wirkten nach in den Seelen der Evangelischen. Manchen durchfieberte noch das zornvolle Grauen, das er davongetragen hatte vom Versöhnungsschießen, und alle waren sie eingedenk der Mißhandlungen, die sie erlitten hatten von den Musketieren und Dragonern. »Ein Soldat! Da kommt nichts Gutes. Ein Soldat hat allweil den Teufel am Bändel.«
Der Hasenknopf versuchte die Aufgeregten zu beschwichtigen. »Ohne Sorg, Leut! Bei den Preußen ist's allweil so: ob was Irdisches oder Heiliges, überall ist ein Soldat dabei. Das sind nit solche Landschäden wie die unseren. Ein Soldat des Königs von Preußen ist voll rechtschaffener Zucht, ist allweil eine Landshilf und ein Leutfreund.« Das klang so unwahrscheinlich, daß es nicht beruhigend wirkte. Die Hände erhebend, mahnte der Hasenknopf: »Aber Brüder! Ich bin doch gewesen im Preußischen, hab's doch selber gesehen, wie da auf jedem Bodenfleck der Menschenfleiß und das Recht hausen. Was ich euch erzählt hab von des Königs Güt und vom Hilfswillen der evangelischen Leut? Ist das alles gählings verschwitzt? Bloß weil an einem Soldatenhütl die Litzen glanzen? Was geht der Soldat euch an? Der ist halt mitgeritten zur Sicherheit für den Herrn. Für uns ist der die Hauptsach. Als Fürstand des evangelischen Korpus von Regensburg ist er für die Salzburger Exulanten ein Baum und Schild gewesen.« Das Mißtrauen der Leute schien nicht völlig zu schwinden, aber sie wurden ruhiger und sahen dem Zug der Kienbrandträger mit schweratmender Erwartung entgegen.
Eine Stille, in der nur das Rauschen der großen Flamme noch zu hören war, das Fauchen des Morgenwindes, der immer schärfer blies, und das hurtige Summen der fernen Talbäche. Die Fürsager kamen mit den beiden Herren zum Feuerstoß und warfen auf eine schweigsame, festliche Art die Kienbrände in die Flamme. Danckelmann trat gegen den Halbkreis hin und schwenkte freundlich und dennoch würdevoll die Reisemütze gegen die tausend Männer: »Grüß Gott, ihr lieben Leute! Ihr habt um Hilfe nachgesucht, ich bringe sie im Namen meines allergnädigsten Herrn, des Königs von Preußen, des Treuesten und Väterlichsten aller Evangelischen.« Schüchtern antworteten viele Stimmen: »Grüß Gott! Grüß Gott!« Und alle Augen hingen an dem würdigen alten Herrn, zu dem man Vertrauen haben konnte. Nur ein einziger, Leupolt Raurisser, sah in erregter Erwartung immer den anderen an. Der war bescheiden hinter dem Geheimrat zurückgeblieben, hatte ein bißchen geschmunzelt, als Danckelmann vom Väterlichsten aller Evangelischen sprach, war auf das Feuer zugeschritten und hielt nun, während seine Augen neugierig über die vielen Gesichter huschten, die kleinen Hände wie ein Frierender nah an die Flamme. Im Schatten der Helle war seine zierliche Gestalt eine schwarze Fläche, in der sich nichts unterscheiden ließ, und war nicht wie der Umriß eines Jünglings, sondern wie die Silhouette eines müden Greises. Rote Glutlinien umschimmerten den schwarzen Riß und drängten ihn noch dünner zusammen.
»Ist der Mann anwesend,« fragte Danckelmann, »der zu Regensburg im Auftrag der Evangelischen von Berchtesgaden bei mir war?«
»Wohl, Herr!« Der Hasenknopf trat vor und machte, obwohl er keinen Hut hatte, eine Handbewegung, als müßte er den Kopf entblößen.
»Hat er den Leuten alles aufrichtig erzählt, was er auf seiner Reise durchs Preußische wahrgenommen?«
»Wohl, Herr! Von allem Guten hab ich verzählt, vom evangelischen Hilfswillen und von der festen Ordnung im Land. Von der Sicherheit, in der jeder Bürger und Bauer lebt. Und von der Glaubensfreiheit, von den unbedrückten Seelen, von den evangelischen Gotteshäusern, von den Kanzelherren, die so gottfest predigen, und von den Pfarrhöfen, in denen gütige Frauen hausen, mit einem Häufl von lieben Kindern.« Bei dieser Feststellung fiel dem Hasenknopf eine wichtige Sache ein, die er den Leuten noch nicht erzählt hatte. Er wandte sich gegen den Halbkreis der Gnotschaften. »Wahr ist's, Leut, in der Gegend von Jüterbog« – man kicherte ein bißchen bei diesem wunderlichen Namen – »da bin ich in einem winzigen Pfarrhöfl gewesen. Leut, da hat's gewummelt als wie im Immenkorb. Sind erst fufzehn Jährlen verheuert gewesen, das Pfarrle und die Pfarrfrau, und haben siebzehn Kinderlen gehabt, das achtzehnte schon unterwegs.« Im Ring der Leute prasselte ein heiteres Lachen auf, und man hörte eine Bubenstimme: »Sakrawolt, wie gottfest muß das preußische Pfarrmänndle gepredigt haben!« Wieder ein hundertstimmiges Lachen. Das klang so froh, als wär' es für diese bedrückten Herzen ein wohltuende Erlösungswunder: daß sie nach Monaten des Leidens das ausgehungerte Zwerchfell ein bißchen bewegen durften. Während das Gelächter hinknatterte über die vielen Köpfe, rief das magere Schwarzfigürchen vom Feuerstoß französisch zu Danckelmann hinüber: »Das ist die wirksamste Pastorenpredigt, von der ich noch je vernommen habe. Sie hat tausend betrübte Christen im Handumdrehen fröhlich gemacht. Der fähige Gottesmann muß Konsistorialrat werden.«
Es blieb auch in der Stimme des Hasenknopf ein munterer Klang zurück. »Wie von allem Guten, Herr, so hab ich den Leuten auch redlich verzählt von allem Harten. Daß die Steuern nit linder sind, als bei uns. Freilich, die schlupfen wieder fürs Leutwohl ins Land hinein und gehen nit für Schuldzinsen und parisische Kebsföhlen drauf. Muß der Bauer im Preußischen zahlen, so kriegt er auch was. Arg plagen muß er sich. Der Boden ist mühsam. Da muß man tief hinunterackern, muß driefach misten, und schwitzen muß man um Halm und Frucht. Aber die Leut sind riegelsam, und der Wuchs ist überall gut. Die Küh haben Euter wie Metzenkörb, und die Ross' haben Flachsen wie Eisen. Die Arbeit muß einer gern haben im Preußischen. Sonst wär die Freud am Leben ein bißl mager. Die Gegnet schaut aus, als hätt sie der Höllische eben geklopft mit seiner Ofenschaufel. Kein Berg und kein Bergl nit. Alles Wasser lauft sandig und langsam. Nirgends ein lustiger Bach. Der Wind muß die Mühlen treiben, sonst tät die Halbscheid der Preußen kein Mehl nit haben. Aber lebfreudig sind sie doch allweil und lachen gern. Sind standhafte Leut. Wie man sagt bei uns: ‚Herr Jesu, dir leb ich, dir sterb ich!‘ – so sagen's die Preußen bei aller Gottslieb von ihrem Land und König. Aber wie die Leut da drunten reden! Man lust und lust und versteht's nit recht. Da müssen wir im Deutschen ein bißl umlernen, wenn wir ins Preußische kommen. Bei uns im Wirtshäusl schafft einer an: ‚Gelt, Marianndl, bist so gut und bringst mir ein paar Schweinshaxln!‘ Im Preußischen muß einer kommandieren: ‚He! 'n Eisbein! Wuppdich!‘« Wieder prasselte ein Lachen über die tausend Köpfe hin. »Wahr ist's, Leut, die Preußischen reden kurzzipflet und flink. Oft tut's unsereinem weh in den Ohrwascheln, ich weiß nit warum. Im Anfang hat's mich schier aus dem Häusl gebracht. Da kommt so ein Preuß und sagt was. Du meinst, daß er beißen möcht. Hörst du aber ein bißl gutwillig hin, so kommt's dir für, als möcht er ganz freundlich Grüßgott sagen. Er kann's halt nit anders. Sein Maulofen hat nit die richtig Wärm. Ist schad drum. Täten die Preußischen mit unsereinem reden, wie sie schaffen und einwendig sind – wahr ist's, Leut, die müßt man gern haben.«