»Jedes Land hat seinen Boden, jedes Volk seine Art,« fiel Danckelmann ein, »man muß das nehmen, wie es ist. Bei euch im Süden ist auch nicht alles, wie es den Preußen zusagt.« Er schien gegenüber den Weisheiten der Hasenknopfischen Preußenforschung die Geduld ein bißchen verloren zu haben. Hinter ihm, beim Feuerstoß, klang ein herzliches Knabenlachen. Dann halblaut das französische Wort: »Dieser ehrliche Mann hat recht, mein lieber Geheimrat! Wir sollten versuchen, etwas Wärme hinter das Klappergebiß zu bringen.« Wieder lachend, drehte der junge Oberst die Brust gegen die Flamme, breitete die mageren Ärmchen und sperrte, ein bißchen in parodistischer Art, die Zähne auseinander, um den heißen Hauch des Feuerstoßes reichlich in seine Brust zu saugen. Da fand auch Danckelmann seine freundliche Ruhe wieder. Er sagte: die Evangelischen dürften aller zureichenden Hilfe gewärtig sein; doch läge es dem König von Preußen fern, dem Lande Berchtesgaden einen Untertan abwendig zu machen; Hilfe hätten nur jene zu erwarten, die als Exulanten eingeschrieben, also von ihrem Fürsten innerlich schon gelöst wären und sich einwandfrei als Protestanten erkennen ließen; deshalb wäre, ehe man von der Hilfe sprechen dürfte, eine Prüfung ihrer Glaubenssätze unerläßlich; man könnte nicht tausend Menschen auf ihren Glauben befragen; so möchten die Evangelischen einen aus ihrer Mitte wählen, der die notwendigen Fragen für sie alle zu beantworten hätte. Gleich riefen Hunderte von Stimmen: »Der Leupi Raurisser.« Danckelmann sagte: »Das scheint die Majorität zu sein. Wer dagegen wäre, daß dieser Mann für eure Seelen Zeugnis gibt, soll die Hand ausstrecken.« Keine Hand erhob sich.

Dem Jäger war eine heiße Verlegenheitsglut über das Gesicht geflogen. Jetzt nahm er im Feuerschein den grünen Hut vor die Brust. »Vergeltsgott, meine Brüder! Das ist mir Ehr, die ich als heilig spür.« Er ging auf den jungen Oberst zu: »Fraget, gütiger Herr! Ich will alles ehrlich sagen, was mir in Herz und Seel ist.« Das feurig angestrahlte Soldätl machte verdutzte Augen und sagte, fast erschrocken: »Vor mich? Nee!« Höflich komplimentierend deutete er auf Danckelmann. Der fragte schon mit würdevollem Ernst: »Was glaubt er von Gott, vom Geiste, von Gottes Sohn und vom Werke der Erlösung?« Ein praktisch erfahrener Katechet schien Danckelmann nicht zu sein; was er fragte, war für den ersten Anhieb reichlich viel. Der junge Oberst, ohne eine Miene zu verziehen, flüsterte dem Geheimrat französisch zu: »Milder! Milder! Ich wäre schon in Verlegenheit!« Auch Leupolt mußte sich eine Weile besinnen, um die vier Antworten verständig zusammenzubinden. Dann sprach er mit der Ruhe eines reifen Menschen, mit der Inbrunst eines gläubigen Herzens und doch mit der Einfalt eines Kindes. Alles sagte er, daß jedes Wort zu erweisen war durch eine Stelle der Bibel. Und als der Geheimrat mit lauter Stimme fragte: »Glaubt ihr das alle so?« – da fuhren die paar tausend weißen Arme in die Höhe, und die tausend Stimmen riefen wie aus einer einzigen, andachtsvollen Seele heraus: »Wir glauben!« Das war im sternfunkelnden Nachtschweigen, beim Rauschen des Feuers und in der Traumstille des zwischen Winter und Frühling kämpfenden Waldes ein so wundervoller Laut, daß der junge Oberst vor tiefer Erschütterung bleich wurde bis in die schmalen, hart aufeinander gepreßten Lippen. Vorgebeugt, das spitz herausgeschobene Gesicht scharf abgehoben von der Feuerhelle, die übereinander gepreßten Hände auf den Degenknauf gestützt wie auf einen Krückstock, sah er mit groß erweiterten Augen den Jäger an und spähte über alle Gesichter hin, über das rötliche Glimmbild der wunderlich gestalteten Felsen und über das Funkelgewölbe des schwarzblauen Himmels, den fern im Osten schon eine matte Lichtahnung des kommenden Morgens überschlich.

Auch Danckelmann schien unter dem Eindruck dieses Augenblicks zu stehen. Seine Stimme klang unsicher, als er fragte: »Was glaubt er von der Taufe, von der Sündenvergebung und vom heiligen Abendmahl?« Da brauchte Leupolt sich nicht zu besinnen. Was er sagte, riß die Tausend wieder zu dem frohen Schrei empor: »Wir glauben!« Dennoch schien der Geheimrat nicht völlig zufriedengestellt. Diese fromme evangelische Seelenmusik erschien ihm nicht völlig frei von Klängen, die ein strenger Protestant als halb katholisch empfinden konnte. Eine Einwendung erhob er nicht, sondern fragte weiter: »Was glaubt er von Himmel und Hölle?«

»Himmel ist überall, wo der Herrgott ist. Und allweil bei Gott und in ewiger Freud ist die Wohnstatt der Guten, wenn sie verschnauft haben als redliche Christen. Zu jeder sauberen Seel in ihrer Todesstund sagt Jesuchrist: Noch heute wirst du bei mir im Paradiese sein! – Überall, wo Gott nit weilen mag, ist Höll und ewige Pein. Da hausen die Unverbesserlichen im Bösen.«

»Glaubt ihr das alle so?«

»Wir glauben!«

»So sag er mir –«

Der junge Oberst legte wehrend die Hand auf den Arm des Geheimrats. Der merkte das in seinem Eifer nicht und fragte: »Sag er mir, was glaubt er vom sogenannten Fegefeuer?«

»Ans Fegfeuer glaub ich nit.«

»Warum nicht?«