Luisa stand mit geschlossenen Augen. »Begnadigt?«
»Er wird halt reumütig geworden sein, eurem Glück zulieb!« Ein heißes Drängen kam in die Stimme der Sus. »Kindl, jetzt sei gescheit! Ich seh doch, wie du vor Sehnsucht schier versterben mußt. Denk nit an Höll oder Himmel, denk an dein Glück! Unter allem Heiligen ist Glück und Freud das Heiligste in der Menschenseel.«
Noch immer zitterte Luisa in der Erschütterung, von der sie befallen war. »Begnadigt? Das muß man der Mutter Agnes zu wissen tun.« Sie riß sich aus den Armen der Sus und sprang zur Haustür hinaus, ohne Hut und Tuch, in dem ziegelfarbenen Hauskleid, angetan mit der grünen Spinnschürze. Wie wunderlich die Leute auf der Gasse sie ansahen, das merkte sie nicht. Vor dem Leuthaus war, so gierig auch Luisas Augen suchten, kein gesattelter Gaul und kein begnadigter Reiter zu gewahren, nur die Schildwach vor der Tür und ein Schwarm von Burschen, die in freudiger Erregung mit einander flüsterten. Wußten die es auch schon, daß der Leupolt begnadigt war? Und zwei Herren kamen feierlich zum Leuthaus gegangen, festlich gekleidet und frisch gepudert, der Stiftsdekan mit dem abgemagerten, gichtisch knaxenden Kanzler von Grusdorf. Beriefen die beiden den Leupolt zum Fürsten? Und die leere Sänfte, die ihr in der Marktgasse begegnete, voraus zwei Läufer, auf deren blauen Seidenkappen die Straußenfedern so zufriedene Bewegungen machten? Holte die Sänfte den Leupolt? Zum Vergelt für die ungerechten Leiden? In Luisa wurde alles zu einem Märchen, zu einem Kindertraum, und war doch nichts anderes als der glühende, sinnverwirrende Blutschauer eines liebenden Weibes. Sie war so ganz in das Glück dieser Stunde verloren, daß sie eine Frau nicht erkannte, an der sie doch sonst nicht blind vorüberging. Hatte dieser gnadenreiche Tag alle Menschen so verdreht gemacht, wie Luisa war? Auch Mutter Jesunder zappelte an dem Mädchen vorbei, als hätten ihre Augen das Sehen verlernt. Was aus dem verstörten Runzelgesicht der Frau Apollonia herausblinkerte, war keine Gnadenfreude. Sie machte in ihrer Sorge um den leidenden Sohn einen Weg, den sie in ihrem Leben noch nie gegangen war.
Die rätselvolle Seelenkrankheit, an welcher Jesunder litt, hatte sich in der vergangenen Nacht zu einer schrecklichen Traumkrise angewachsen. Die auf ewig verdammte Marta Haynacherin war ihm erschienen als grauenhafte Feuergestalt, war an sein weißes Bett getreten und hatte in fehlerfreiem Latein zu ihm gesprochen: »Gib mir meine Kinder wieder, das schwarze und das weiße!« Unter kaltem Angstschweiß hatte er geantwortet, ebenfalls im besten, ciceronischen Idiom: »Ich habe sie nicht, ich möchte doch selber wissen, wo sie sind.« Und die entsetzliche, unerbittliche Haynacherin: »Du hast sie, gib sie mir wieder! Ich weiß, du verschlucktest sie, wie ein Wolf das schwarze und weiße Lämmlein!« Etwas Ähnliches hatte er selbst schon in Augenblicken geistiger Verwirrung höchst unmedizinisch vermutet, wenn er auch angenommen hatte, daß das unzertrennliche Pärchen nur in seinen Gehirnwindungen eingekapselt wäre, nicht in seinem Unterleib. Verzweifelt schrie er, mit einer Stimme, die nicht traumhaft blieb, sondern so laut wurde, daß man sie vernehmen konnte im ganzen Haus: »So nimm sie dir, schneide sie mir aus dem Bauch heraus, ich muß es dulden in christlicher Ergebung!« Das war der Moment gewesen, in dem die Mutter Jesunder ungemein real, mit weißer Nachthaube und rotem Unterrock bekleidet, in den mystischen Traumvorgang hereingesprungen war. Zitternd und unter Tränen hatte der wachgewordene Sohn am Hals der Mutter gehangen und jedes Bekenntnis verweigert. Erst im Verlauf des Vormittages, noch immer in den schwülen Wöchnerkissen liegend, hatte er soviel Tapferkeit gefunden, um seiner kummervollen Mutter den lateinischen Traum ins Deutsche zu übersetzen. Frau Jesunder rannte im ersten Schreck zum Bader. Der scheuerte sich ratlos hinter den Ohren. Sie lief zum Stiftsphysikus. Der lachte in einer Anwandlung von Gemütsroheit, sprach von vaporibus obstinatis und empfahl die schattenseitige Applizierung von lauwarmer Sole, sanft gemildert durch Olivenöl. Unmöglich! Wie hätte sich Mutter Jesunder ihrem hochwürdigsten Herrn Sohn gegenüber zur Anwendung solch einer unpriesterlichen Maßregel entschließen können? Und da wußte sie schließlich in ihrer Verzweiflung keine andere Hilfe mehr, nur diesen von ihr noch nie betretenen, mit den glühenden Steinen christlicher Vorwürfe gepflasterten Weg: zum getauften Juden Simeon Lewitter.
Als sie scheu in das enge Gässelchen hineinsurrte, erreichte Luisa in entgegengesetzter Richtung das schattige Häusergewinkel hinter der nördlichen Stiftsmauer. Vor der Hintertür von Pfarrer Ludwigs Wohnung stockte für einen Augenblick ihr jagender Fuß. Einen Rat holen? Dieser Gedanke, kaum geboren, war schon wieder verworfen. Das zitternde Jubelklingen in ihrem Herzen? War das nicht von allen Ratgebern der verläßlichste? Weiter mit wehendem Rock und fliegender Schürze! Auf der Schwelle des Mälzmeisterhauses ein Stoßgebet und ohne Besinnen hinein in die Stube. Wie freundlich diese schmucke, schimmerblanke Stube war! Hinter dem weißgescheuerten Tisch, im sonnigen Herrgottswinkel, saß Mutter Agnes und schneiderte. Die große Schere fiel ihr klappernd aus der Hand.
»Mutter!« War das der Hilfeschrei einer versinkenden Menschenseele oder der scheue, atemlose Jauchzer eines auferstandenen Herzens? »Mutter! Mutter! Unser Leupi ist da!« Bevor Frau Agnes noch herauskam aus der Bank, hing Luisa schon an ihren Hals geklammert. Eine Weile hielten sich die beiden schweigend umschlungen, und man hörte in dieser Stille das scharfe Tacken einer großen Pendeluhr. Das klang wie eine stählerne Mahnung der unerbittlich schwindenden Zeit und sagte immer die gleiche, befehlende Silbe: »Tu's! – Tu's! – Tu's! –« Die Mälzmeisterin fand zwischen Weinen und Lachen zuerst die Sprache. »So red doch, Kind! Um Christi Barmherzigkeit! Wo ist denn mein Bub?«
»Mit den Herren ist er eingeritten im Leuthaus. Und ist begnadigt vom gütigen Fürsten.«
Aller Aufruhr in Mutter Agnes beschwichtigte sich. »Siehst du, Kind! Hab ich's nit allweil gesagt!« Lächelnd hob sie die nassen Augen zu dem mit Palmzweigen geschmückten Kreuz im Herrgottswinkel. »Auf den da droben ist Verlaß! Tät der ganze Weltkäfig ein schecketes Narrenhaus werden, beim Ewigen bleibt allweil der glashelle Verstand daheim.« Sie fühlte, wie der schlanke Mädchenkörper in ihren Armen bebte. »Komm, liebes Kind! Tu dich hersetzen zu mir! Und sag, wo hast du denn unseren Buben gesehen? Beim Leuthaus drüben? Da ist er doch nimmer weit von uns? Da muß er doch kommen? Bald!« Nun fuhr der Mälzmeisterin eine Hausfrauensorge durch das Mutterglück. »O du heiliger Schnee, jetzt kommt der Bub, und sein Stübl ist nit parat! Ist noch allweil, wie's gewesen ist nach dem roten Tag. Das müssen wir richten. Komm, Kindl, und hilf! Wir zwei, wir betten unseren Buben, daß er in seinem Nest ein Träumen haben soll wie ein Schwalbenmänndl im Mai!« Sie lachte aus fröhlichem Herzen. »Ach, Mädel, da brauchst du nit so sorgenvoll dreingucken! Er tut's nit allein. Da kannst du dich verlassen drauf. Aber flink, Weible, jetzt müssen wir schaffen!«
Schlüssel klapperten, Schubladen quieksten, Kastentüren flogen auf und zu. Und immer dieses glückliche Stammeln und Schwatzen. Es blieb aber doch in aller lachenden Freude noch immer ein leiser Sorgenklang. Leupolt? Als ein Reumütiger heimkehrend zum fürstpröpstlichen Glauben? Luisa konnte das hoffen, Mutter Agnes nicht. Während sie schaffte und die Kissen schüttelte, wurde jedes Wort in ihr lebendig, das ihr Sohn im Jägerkobel zu Bartholomä und da draußen im Buchenwald beim Haus des Hiesel Schneck zu ihr gesprochen hatte. Die Sonne macht Tag um Tag ihren Wandel durch, geht unter und morgen wieder auf. Der Leupi färbelt nicht. Der bleibt, wie er war. Aber gekommen ist er doch! Ist frei! Und da muß er doch auch begnadigt sein! Das freudige Wunder ist geschehen. Wie? Der Herrgott wird's wissen. Es ist von aller unnötigen Arbeit die dümmste: daß sich die verdrehten Menschen bei ihrem Seelengezappel allweil den Kopf des Ewigen zerbrechen. Wie's Gott macht, ist es wohlgetan. Allweil! Und um so größer und schöner sind seine treuen Wunder, je minder so ein armseliger Menschenverstand sie begreift. Als Mutter Agnes zu diesem Schlußgedanken kam, wurde ihr Lachen so frei, daß auch Luisa immer froher und gläubiger wurde. In Leupis kleinem Stübl lagen die Kissen frisch bezogen auf dem weißen Bett. Da fragte Luisa mit glühendem Gesicht: »Meinst du nit, man tät ein paar Blümlen finden?«
»Freilich, liebs Weible, spring nur! Draußen im Gärtl, wo viel Sonn gewesen, da blüht schon was!« Während Luisa durch die Küche davonhuschte, sprang die Mälzmeisterin in die Wohnstube hinüber, um Weihwasser zu holen und die Kammer ihres heimkehrenden Buben zu segnen. Schon hob sie die Hände, um das zinnerne Kesselchen vom Türpfosten herunterzunehmen. Da sanken ihr die Arme wieder. »Er tät's nit haben wollen. So darf ich's nit tun.« Den Kopf beugend, preßte sie das Gesicht in die Hände. Ein Schatten glitt über das sonnige Fenster, und auf der Pflasterung vor der Haustür klang ein fester Schritt. Den kannte Mutter Agnes, wie die Sterne ihren Weg am Himmel kennen; aber das freudige Erschrecken fuhr ihr so lähmend in alle Glieder, daß sie nicht von der Stelle kam. War's eine Ewigkeit, war's eine Sekunde – Leupolt stand schon auf der Stubenschwelle, mit dem frohen Lachen eines Glücklichen, brauchte keinen Hut herunterzunehmen, weil er keinen hatte, riß die Mutter an sich und hielt sie umschlungen. Erst weinte sich Frau Agnes an seiner Schulter tüchtig aus, um die Unsicherheit ihres Glückes loszuwerden. Immer streichelte Leupolt ihr grau gewordenes Haar, bis sie ruhiger wurde und fragen konnte: »Darfst du jetzt bleiben? Daheim?«