»Den Abend und die Nacht. Ja, Mutter! Morgen muß ich bei meinem neuen Herrn zum Dienst antreten.«

»Bei –« Die Sprache versagte ihr. »Dein neuer Herr? Wer ist das?«

»Der starke Helfer in unserer Not. Ach, Mutter, wie schön ist das Leben, wenn es Trost und Hoffnung hat und einen graden, sauberen Weg.«

Sie wollte was sagen, mußte aber immer ihren Buben ansehen. So aufrecht, mit so festem Gesicht und so leuchtenden Augen hatte sie ihn noch nie gesehen. War das an ihres lieben Herrgotts schwerbegreiflichem Wunder das Beste? Oder wußte der Leupi schon, daß sein Luisli im Haus war? Jesus, das Luisli! Auf das kleine Weibl, das um die Blumen gelaufen war, hatte die Mälzmeisterin ganz vergessen. Und da klingelte draußen im Hausflur schon das winzige Schuhwerk über die Dielen. »Bub, da ist wer!« stammelte Frau Agnes. »Tu dich gedulden einen Schnaufer lang!« Sie glitt aus der Stube, zog die Türe hinter sich zu und haschte auf der Kammerschwelle das Mädel. Zwischen den Händen hielt Luisa einen rund und hübsch gebundenen Strauß von roten Aurikeln, der aussah wie ein großer reifer Apfel mit festem Stiel. Dieser Vergleich mußte der Mälzmeisterin eingefallen sein, weil sie sagte: »Komm, du Everl du liebs, deine paradeisischen Blümlen sollen gleich an das Plätzl kommen, für das der gescheite Herrgott sie erschaffen hat.« Zärtlich schob sie das Mädel in die Stube, klinkte hurtig die Türe wieder zu und flüsterte in einer wirbligen Mischung von Glück und Trauer: »Finden und hergeben! Zwei Wörtlen! Und alles ist gesagt, was Freud einer Mutter heißt.« Von der mütterlichen Klugheit sprach sie nicht, handelte aber doch nach ihrem Gebot, drehte leis im Schloß der Stubentüre den Schlüssel um, zog ihn ab und schob ihn in die Schürzentasche. »So!« Jetzt sollten ihr die beiden nimmer aus der Stube kommen, bevor sie nicht eins miteinander wären. Draußen im offenen Buchenwald an der bayrischen Grenze, wo die Welt wohl einen Schlagbaum hat und doch nicht vernagelt ist mit Brettern, da konnten zwei verrückte Menschenkinder rennen, Gott weiß wohin. Zwischen vier festen Mauern mußten sie aushalten, bis der gefrorene Verstand ihnen ausschlug zu verheißungsvollen Frühlingsknospen.

Diese menschliche Logik war so fehlerlos, wie das Traumlatein des Chorkaplans Jesunder. Dennoch hatte sie einen Haken. Vorerst, als die Mälzmeisterin an der Türe lauschte, schien tiefster Friede in der Stube zu herrschen. Man konnte nur hören, wie die alte Pendeluhr das mahnende Knack und Tack der schmelzenden Zeit verkündete. Da war es für Mutter Agnes eine ausgemachte Sache: die zwei jungen Leut mit ihren brennenden Herzen hatten kürzeren Prozeß gemacht, als ihn der Landrichter Halbundhalb mit Tinte, Streusandbüchse und zahllosen Überflüssigkeiten zu machen pflegte, hatten sich herzhaft um den Hals genommen und hingen Schnabel an Schnabel.

So war es nicht. Es war viel schöner. Luisa stand mit dem Rücken gegen die heimtückisch verschlossene Tür gelehnt, ohne zu ahnen, welche Gewalttätigkeit sich da vollzogen hatte, hielt den runden Apfel der roten Aurikeln zwischen den fiebernden Händen und sah in Glut, mit Bangen und doch in sehnsüchtigem Hoffen zu diesem stummen, prachtvollen Menschen hinauf, den die Staubwolken der Reichenhaller Straße bis über die Hüften so weiß überpulvert hatten, als hätte er durch eine Mehlkiste springen müssen. Er stand ein paar Schritte vor ihr, sah sie immer an und konnte nicht reden, konnte nur lächeln in seiner Freude. Neben Gott und Ehre war sie ihm stets das Schönste des Lebens gewesen; aber so reizvoll wie in dieser Stunde hatte er sie noch nie gesehen, auch nicht im Hallturmer Buchenwald; da draußen war die Pflicht zwischen ihr und ihm gestanden; jetzt stand das Glück bei ihnen und übergoß für ihn die Geliebte mit einem Zauber ohnegleichen. Ihr ziegelfarbenes Hauskleid brannte wie Mohn in der Sonne, und vor der grünen Spinnschürze, an der noch viele glitzernde Fäden hingen, flackerte beim Zittern ihrer Hände der rote Aurikelbuschen. Aber schöner und feiner blühten noch die Farben ihrer selbst, der rosige Bluthauch und die blaßblauen Adern ihres schlanken Halses, die Glut auf ihren Wangen, die dunkle Tiefe der glänzenden Augen und der sanfte Schimmer des reichen Haars. Es war in seinem dürstenden Blick: daß er sie gern in der ersten Freude an sich gerissen hätte, um sie nimmer zu lassen. Und die alte Pendeluhr, als wäre sie der Pfarrer Ludwig, mahnte immer: »Tu's! Tu's! Tu's!« Er überwand es. Luisa war ihm viel zu lieb und zu kostbar, als daß er sie hätte berühren mögen mit seinen verstaubten, von der Zügelschwärze beschmutzten Händen. Auch lag noch immer zwischen ihnen ein tiefer Graben, den die Liebe erst überbrücken mußte; doch er fühlte, daß das Glück der gegenwärtigen Stunde diese Brücke bauen würde. »Deine Blumen, Luisli?« sagte er und deutete nur ein bißchen mit der Hand. »Sind die für mich?«

In ihrer Verwirrung schien sie nicht recht zu wissen, welche Antwort sie gab. Es war ein Wort, das den innersten Schatz ihres Herzens vor ihm entschleierte. Mit glücklichen Augen zu ihm aufblickend, sagte sie: »Für dich ist alles.«

Da nahm er die roten Blumen. »Vergeltsgott, du Meine! Daß ich nit lüg, das weißt du. Deine Blumen, auch wenn sie dürr geworden, sollen mir allweil das Beste sein, was der Frühling verschenken kann. Und komm! Wir wissen, was wir einander gelten. Da wollen wir alles nach Pflicht und Treu bereden.« Sie mußte sich am Tisch zu dem Fenster setzen, durch das die Sonne hereinglänzte. Willig tat sie, was er haben wollte. Er saß ihr gegenüber. An seinem Kittel wischte er den Staub und die Riemenschwärze von den Fingern, wölbte zärtlich die Hände um Luisas roten Blütenapfel, sah ihr in die Augen und beugte sich über die Tischplatte zu ihr hinüber. »Schau, ich frag dich gleich mit dem ersten Wörtl: Gehst du mit mir?«

Sie erschrak, daß ihr Gesicht sich veränderte. Dennoch war es nicht mehr der gleiche verstörende Schreck, wie draußen im Hallturmer Buchenwald. Was aus ihren erloschenen Worten herauszitterte, war mehr Sorge als Angst: »Ach, Jesus! Gehst du denn wirklich?«

»Ja, Luisli! Von morgen den fünften Tag. Ich führ den ersten Zug. Das sind die Ärmsten. Die führ ich. Unser Weg geht über Reichenhall, über Ingolstadt, Bayreuth und Wittenberg hinunter ins Brandenburgische und auf Ostpreußen zu.«