Sie wollte sprechen und brachte keinen Laut heraus.

Leupolt sah, daß ihre Augen sich mit Tränen füllten. Die roten Blumen an seinen weißnarbigen Hals pressend, beugte er sich noch näher zu ihr hin und flüsterte aus aller Glut seines Herzens: »Gehst du mit mir? Ich mein', dein guter Vater tät uns das Glück nit wehren. Dich hat er lieb. Kann sein, daß er hinzieht, wo wir hausen werden. Sorg mußt du nit haben. Ich krieg einen Herrn, der mir gütig ist. Von Vater und Mutter hab ich ein bißl was, versteh mich auf mein Sach und bin ein richtiger Schaffer. Verschwören kann es der Redlichste nit, was kommt. Aber ich trau mir's zu, daß ich dir und mir ein Glück bau, fest fürs Leben wie eine eiserne Mauer. – Luisli? Kommst du mit?«

Sie wehrte mit schwachen Händen und klagte: »Es geht nit, geht nit, Leupi! Alles in mir ist dein. Und schelten kann ich es nimmer, daß du da drüben bist. Aber hinüber zu dir?« Den Mut, ihn anzusehen, hatte sie nicht. Sie sprach ins Leere hinaus. »Das wär' wider Gott und die Seligkeit. Ich kann nit verlassen, was mir heilig und ewig ist.«

»Das müßt nit sein. Deswegen könnten wir allweil in Treu und Glück miteinander leben. Mußt du nit schelten, was ich glaub, so will ich allweil in Ehren halten, was dir heilig ist. Geh, schau mir doch ein bißl in die Augen, Liebe! Ich tät mich viel leichter reden.« Er legte seine Hand auf die ihre. »Kannst du es tun, so gibst du mir Leben und Glück. Mußt du es wehren, so legst du mir das einschichtige Elend auf Leib und Seel. Verzweifeln werd ich nit müssen. Bloß allweil dürsten nach dir. Und im Dürsten muß ich mich ausstrecken, geh meinen graden Weg und tu meine Pflicht als Mensch und Christ. Ich kann nit anders. – Luisli!« Hoffender Jubel klang aus diesem Namen. Er sah, wie ihre heißen Augen sich ihm zuwandten und wie sie hingen an ihm. Und sah, wie alles Wirre und Hilflose in ihrem lieben Gesicht sich zu mildern und zu lösen begann. »Luisli? Meinst du nit, wir zwei, die uns so lieb gewonnen, könnten für Tausend, die an der gleichen Irrnis leiden, ein gutes Fürbild sein? Daß man nit hadern und streiten muß um Himmel und Herrgott? Und daß man als deutsche Leut in Glück und Fried miteinander hausen könnt? Herrgott bei Herrgott, Glauben bei Glauben und Herz neben Herz.«

Zitternd faßte sie ihren Kopf mit den Händen, schüttelte immer das stumme Nein und konnte doch mit ihrem Blick seine Augen nimmer lassen. Ein Schwimmen und Gleiten kam ihr in die Sinne, ein Brausen und Klingen war in ihren Ohren, in ihrem Blut. Sie verstand seine Worte nimmer, hörte und fühlte nur die Zärtlichkeit und die zwingende Macht seiner Stimme. Alle Sehnsuchtsbilder schlafloser Nächte wurden wach in ihr. Was so rein und freudig in ihrem Herzen zu glühen begann? Konnte das Sünde sein? Dürfte das in ihr lebendig werden, wenn nicht Gott es in ihre Seele gegeben hätte, wie er den Aurikelblüten das leuchtende Blut, dem Himmel das keusche Blau und der Sonne die linde Frühlingswärme gab? Dieser Glaube wuchs ihr fest in die Seele, immer ruhiger und froher wurde sie, und je länger und tiefer sie in Leupolts glänzende Augen sah, um so heißer fühlte sie, daß sie das grausame Nein nimmer sagen konnte.

Bei aller Redlichkeit war Leupolt doch auch ein guter, flinkschauender Jäger. Gleich merkte er den erlösenden Umschwung, der sich in Luisa vollzog, huschte mit glückseligem Auflachen zu ihr hinüber, saß an ihrer Seite, legte den Arm um ihre Schultern und zog sie an sich. Sie wehrte sich nimmer, drängte sich aufatmend an seine Brust und schmiegte unter frohem Lächeln die Wange an seinen Hals. Er neigte in seiner brennenden Freude schon das Gesicht, um sie zu küssen. Und immer sagte die Uhr an der Mauer: »Tu's! Tu's! Tu's!« Aber der alte Räderkasten kannte den jungen Leupolt nicht. Der war zu gewissenhaft. Dem hatte die Neumondnacht ein eisernes Wort ins Leben gegossen: Pflicht! »Schau, Luisli,« sagte er an ihrem Ohr, »ich spür doch, wie sich alles in dir zum Guten wendet. Nehmen darf ich dich nit, du mußt dich geben, frei und unberedet! Luisli? Gehst du mit mir?«

Schon wollte sie nicken, schon hob sie die Arme zu seinem Hals. Da fiel ihr plötzlich etwas Steinernes in das erblassende Gesicht. Und erschrocken starrten ihre erweiterten Augen auf eine schreckliche Sache – auf diese unerbittliche Uhr an der weißen Mauer. So freundlich klang ihre tackende Stimme und war doch ein höhnender Mord an dem blühenden Glück dieser Stunde. Nicht wie der hilfreiche Pfarrer Ludwig war diese Uhr. Sie war wie der Chorkaplan Jesunder, der eine gläubige Seele bei schönem Orgelrauschen hinausgestoßen hatte aus dem Gotteshaus.

Ein altes Meisterstück. Geschaffen von einem grüblerischen Handwerker, dem Gedanken unter dem Haardach wuchsen. Der hatte sich gesagt: »Die laufende Zeit ist Gottes Kind, der sein Geschöpf bewacht in jeder Sekunde und die schwachen Menschen mit jedem Pendelschlag vor dem Bösen warnt und sie ermahnt zum Guten.« Aus solchem Gedanken hatte der geschickte Mann diese verhängnisvolle Uhr geschaffen. Ein silbernes Zifferblatt mit geschnörkelten Zeigern. Über dem Kreis der Stundenzahlen wachte das Auge Gottes, nicht gemalt, sondern plastisch und lebendig. Inmitten eines von Flammen umloderten Dreiecks funkelte das dunkle Auge mit weißen Winkeln. Durch einen unsichtbaren Mechanismus – wie die ewige Vorsehung unter Schleiern waltet – war das ruhelose Auge mit dem Pendelgang verbunden. Tackte der Pendel hin und her, so glitt das wachende Auge her und hin. Sah es nach rechts, so war es freundlich, und seitwärts aus dem Uhrgehäuse hob sich mit winkendem Palmzweig ein weißbeschwingter Engel hervor. Sah es nach links, so war es zornig, und ein schwarzgeflügelter Teufel fischte mit dem Höllenzagel nach einer ewig verdammten Seele.

Leupolt, ungeduldig auf eine Antwort harrend, fragte in Herzlichkeit: »Luisli? Gehst du mit mir?«

Das Weiße des gleitenden Auges flimmerte zornig nach links, und der Höllische kicherte boshaft: »Tu's!«