Wie eine Fiebernde stammelte Luisa: »Ich kann's nit sagen. Das muß ich erst mit Gott bereden in der Kirch.«

Freundlich glänzte das dunkle Auge nach rechts, und der unschuldweiße Engel mahnte: »Tu's!«

»Mein alles bist du! Mein Glück und Leben! Du kannst mich doch nit verlassen? Schau mir doch in die Augen! Nimm mich um den Hals! Gelt ja, du bleibst die Meine?«

Bevor der huschende Warnerblick das Weiße schrecklich nach links hin drehen und der ewige Widersacher alles Menschenglückes die scheinheilige Verführungssilbe schmunzeln konnte, riß sich Luisa mit erloschenem Schrei aus Leupolts Armen, kämpfte sich aus der Bank heraus, deutete verstört auf das Auge Gottes und preßte zitternd das Gesicht in die Hände. Die Uhr an der Mauer sagte: »Tu's!« Und Luisa wußte nimmer, ob da der Engel oder der Höllische geredet hatte. Wie eine Irrsinnige sprang sie zur Tür hinüber, fand sie verschlossen und wurde von einem grauenvollen Entsetzen befallen. Als Leupolt, bleich und bestürzt, dem Mädel nachgesprungen kam, stieß ihn Luisa mit den Fäusten von sich, tastete nach der Klinke, riß und rüttelte an der Tür und fing zu schreien an wie ein angstvolles Kind in den Gichtern. Mit Leupolts stammelnden Worten mischte sich draußen im Flur das erschrockene Klagen der Mutter Agnes. Der Schlüssel klapperte im Schloß, die Tür sprang auf, und Luisa jagte an der ratlosen Mälzmeisterin vorüber, durch den Flur, hinaus in die Sonne.

»Bub? Herr Jesus, was ist denn da?«

»Ich weiß nit, Mutter, was da geschehen ist. Weiß nur, mein Glück und Leben und alles ist in Scherben!«

Diesen von Gram zerdrückten Schrei konnte Luisa noch hören. Ein verständiges Besinnen schien sie zu überkommen, weil sie die fürchterliche Uhr nimmer sah. Aber da klang das verführerische Teufelskichern, so nah, als wär' es versteckt in ihren Zöpfen: »Tu's!« Die Hände über die Ohren pressend, huschte sie in ihrem ziegelroten Kleid wie eine wehende Flamme hinüber zum Stiftshof und dem Tor der Kirche zu.

Das war gerade der Augenblick, in welchem Simeon Lewitter, nach gründlicher Untersuchung der ciceronischen Traumzustände des Chorkaplans Jesunder, sehr nachdenklich heraustrat aus der Pfarrei. Er sah das Mädel vorüberflattern und in der Kirche verschwinden. »Was ist nur da schon wieder? Mir scheint, die ganze Welt hat scheckige Zwillingskinder im Gehirn.« Seufzend täppelte er seiner heiligen Kinderstube zu, kehrte wieder um, spähte zu den Fenstern seines langen Freundes Ludwig hinauf und trat nach einigem Zögern in das Gerichtsgebäude.

Die vier überflüssigen Buchstaben waren sehr beschäftigt und verzogen sich zu einer mißtrauischen Grimasse, als Lewitter schüchtern sagte: »Ich hätt ein Wörtl zu reden. Unter vier Augen.« Er mußte erst noch beifügen, daß es sich um Leben und Verstand eines wackeren Mannes handle, ehe Doktor Halbundhalb sich entschließen konnte, seine Gehirnlatwerge vom Formaljustiziarischen loszureißen, den Schreiber aus der Stube zu schicken und sich einzulassen auf eine sekrete Konversation.

»Also?«