Lewitter faßte sich kurz: seit dem Verschwinden des Haynacher'schen Zwillingspärchens aus der Armeseelenkammer wäre der Chorkaplan von Wahnvorstellungen befallen, die seinen Verstand bedrohen. Jetzt bilde er sich ein –
»Mir schon bekannt!« unterbrach der Allwissende unter der mehligen Roßhaarperücke. »Zuerst die sinnlose Annahme, daß Pfarrer Ludwig der Schuldige wäre – eine Hypothese, die sich bei aller Plausibilität als verfehlt in nuce erwies – und nun dieser neue beklagenswerte Wahn! Der Mann erbarmt mich. Hoffentlich findet Ihr ein rettendes Remedium?«
»Es gibt nur ein einziges. Man muß dem Jesunder über den Verbleib des Pärleins die Wahrheit mitteilen.«
»Ausgeschlossen!« sagte der Landrichter mit Energie und mit einer das Thema erledigenden Handbewegung.
Lewitter schmunzelte, kaum merklich. »Ist denn die Wahrheit Euer Gestreng bekannt?«
Der Landrichter schob den Hals der Gerechtigkeit lang aus der Krause heraus. Wie der Himmel dunstet, wenn er in unmutige Laune gerät, so senkte sich aus den weißen Lockenschnecken ein nebliger Niederschlag. »Vermutet Ihr, daß es jemals eine Wahrheit gab, die ich nicht erforschte?«
»Da dürft Ihr sie dem armen Jesunder nit vorenthalten. Seid barmherzig, Herr!«
»Unmöglich.«
»Dann sitzt der leidende Chorkaplan an Pfingsten im Narrenturm. Das wird für die Regierung kein erquicklicher Fürgang sein. Und könnte traurige Folgen haben. Der Bevölkerung dürfte das wie eine offenkundige Gottesstraf erscheinen, und es wär nit undenkbar, daß es zu neuem Aufruhr kommt, der die Exulantenliste wieder um viele hundert Namen vermehrt. Was wird der Allergnädigste Herr da sagen? Und mir, Gestreng, wird es nit zu verübeln sein, daß ich mich dem Fürsten gegenüber salvieren muß, nachdem mein nützlicher Rat das verdiente Gehör nit gefunden hat.«
Herr Willibald Hringghh, einem folgenschweren Dilemma gegenübergestellt und in Erinnerung der Standrede seines Allergnädigsten, begann vor Aufregung und Ratlosigkeit so heftig zu transpirieren, daß seine niedere Stirn wie übersät erschien mit zahllosen Glassplitterchen. Gerade, um seinem Allergnädigsten eine schmerzende Unerquicklichkeit zu ersparen, hatte er unter heftigen Seelenkämpfen mit seinem Amtsgewissen jede weitere Untersuchung in Sachen des an der Armenseelenkammer begangenen Raubes niedergeschlagen. Es war ihm vor Wochen ein Gerede zu Ohren gekommen. Dem hatte er mit wahrheitsschädlicher Emsigkeit nachgeforscht und hatte einen Zeugen eruiert, der unter Eid bekundete: er wäre in der Mirakelnacht am Gottesacker vorbeigekommen und hätte deutlich gesehen, daß ein junger schlanker Mensch in einem hellfarbigen, gebänderten und gemäschelten Herrenmantel hurtig mit einer Schaufel ein Loch in den Boden grübe; dabei hätte der Zeuge sich nur gedacht, daß wohl einer von den lustigen Domizellaren wieder einmal einen übermütigen Streich verüben möchte; mehr wisse er nicht. Schon vierundzwanzig Stunden nach der Streubesandung dieses Protokolles wußte Willibald, der Wahrheitsforscher, wesentlich mehr und hatte den geheimnisvollen Totengräber verläßlich ausgeforscht: den Grafen Tige. Mit justiziarischer Schlingensicherheit war nachzuweisen, daß – nicht in der zweiten, wohl aber in der ersten Kapitelnacht, es lag hier einer von jenen häufigen Irrtümern vor, wie sie einem Zeugen bei Zeitbestimmungen leicht zu widerfahren pflegen – daß der leichtsinnige und frivole Junker in jener Nacht das Bett seiner Domizellarenstube nicht berührt, nach anzunehmender Friedhofsschändung die restlichen Nachtstunden in den innersten Gemächern der allergnädigsten Aurore de Neuenstein verbracht und so den Leichenschmack gewissenlos in das Freudengärtlein des vertrauensseligen Landesfürsten transferiert hatte. Durch diesen Sachbefund war nicht nur die fleckenlose Unschuld des widersinnig verdächtigten Pfarrers zur Evidenz erwiesen; es hatte sich auch die betrübsame Angelegenheit für die vier zu Tod erschrockenen Entbehrlichkeitslettern in eine res sacra verwandelt, vor der die Gerechtigkeit ihre Augen doppelt verbinden mußte. Und drum hatte das ‚getreue Justizkamel‘ den für die Herzensruhe des Landesfürsten gefährlichen Akt mit submissester Ergebenheit in dem durch Riegel und Vorhangschlösser gesicherten Geheimarchiv seiner Kanzlei verschwinden lassen. Wie hätte man nun dem verrückten Jesunder, der sogar seine Träume hinausbrüllte in die Welt, solch eine delikate Wahrheit anvertrauen dürfen? »Unmöglich!« Aber diese neue Gefahr nun! Gottesstrafe, Aufruhr, Wachstum der Exulantenliste und Verderb des ganzen, bisher so glücklich geratenen Bekehrungswerkes! In dieser desperaten Lage fand der schwitzende Wahrheitsgräber keinen anderen Ausweg, als sich dem klugen Simeon Lewitter ohne Rückhalt zu eröffnen.