Ein heiteres Lachen. »Wozu soll ich mir den Kopf über Dinge zerbrechen, von denen ich voraussetze, daß sie nicht eintreffen. Die Herren haben nicht darnach ausgesehen, als wollten sie mit eisernem Schädel durch die Mauer fahren.« Ohne bösartig zu werden, begann der junge Oberst die Köpfe der Kapitelherren mit drolliger Spottlust zu silhouettieren. »Nur einer war dabei, der mir gefallen hat, der Lange mit dem prächtigen Weißkopf und den zwei schrecklichen Warzen. Der hat etwas Rolandeskes, hat Menschlichkeit in den deutschen Augen und Gedanken hinter der Stirne. Dennoch ist er heiter. Das ist ein Mensch mit erhöhter Seele.«
»Glauben Sie, daß er –«
Gleich verstand der junge Oberst. »Ein heimlicher Protestant? Der? Nein. Ihre evangelische Seele ist hochmütig, lieber Geheimrat. Wir dürfen nicht jeden wertvollen Menschen für uns in Beschlag nehmen. Sokrates und Leonidas waren Heiden, Salomo war Jude. Und der lange Weißkopf? Ich wette, der ist ein Katholik vom reinsten Wasser.« Nach kurzem Schweigen wieder das muntere Auflachen. »Ich ertappe mich manchmal bei einer höchst unnordischen Sympathie für die Katholiken. Sie sind mir in manchen Dingen lieber als unsere Orthodoxen, hinter deren Eisblöcken noch immer der verflossene Scheiterhaufen ein bißchen raucht.« Die schmalen Lippen lächelten malitiös. »Vor zwei Jahren, als ich gute Worte nötig hatte, schrieb mir ein katholischer Abt aus der Rheingegend diesen Vers in meinen Canisius:
Ein schlechter Protestant, ein schlechter Katholik,
Da frißt der Teufel den Segen, das Glück.
Ein guter Katholik, ein guter Protestant,
Und driefach wächst die Ernte im Land.
Glauben Sie, Danckelmann, daß jemals einer von unseren Oberkonsistorialräten einen solchen Vers in den Katechismus eines katholischen Prinzen schreiben würde?«
»So darf man diese Dinge nicht nehmen, Königliche Hoheit! Man muß als Staatsmann Distanz bewahren, um sich von Fall zu Fall das Notwendige mit Ruhe überlegen zu können.«
»Ruhe? Für alle Fälle? Nein, Danckelmann! Das ist die unergiebigste Eigenschaft der Menschen.« Ein lächelndes Sinnen. »Zeit lassen? Beim Bergsteigen mag es vernünftig sein, wenn man kurzen Atem hat. Heut, als dieser Jäger zwischen den grausamen Dragonergäulen sprang wie ein Hirsch, bewies er, daß das Hilfreiche die eiserne Ausdauer ist, die schnelle Kraft und der leidenschaftliche Wille. Im Leben und in der Geschichte, wenn die Schose vorwärts gehen soll, muß Sturm wehen. Komm ich einmal zur Arbeit, so will ich in der ersten Stunde was beginnen, worüber die Welt zusammenfahren soll bis in die Knochen.« Sich erhebend, leerte er sein Weinglas und winkte auf etwas parodistische Art mit der Hand. »Gute Nacht, mein ruhsamer Geheimrat! Ich sehne mich nach meinem Nachtgebet. Das will ich piano erledigen, damit es Ihm den Schlummer nicht davonpfeift.«